Spröd und schwer fassbar sei Herisau, der nicht verbriefte Hauptort des Halbkantons Appenzell Ausserrhoden, so richtig protestantisch halt. Hat denn dieser Marktort, dieser Flecken gar keine Reize? Doch, durchaus. Unter einem grossen Ahorn bei Kaffee und «Tortenstückli» aus der hiesigen Bäckerei-Konditorei zu sitzen, das Plätschern von Brunnenwasser im Ohr, das gefällt sowohl Einheimischen wie Touristen, die in diesem Corona-Sommer sogar in Herisau häufiger anzutreffen waren.
Der Brunnen, gewidmet den Brüdern Robert und Karl Walser, wurde 1962 geschaffen von Bildhauer Lorenz Balmer; der Brunnenstock aus hellem Jurakalk symbolisiert Wachsen und Stillstand, gestaltet im reduzierten Stil der Sechzigerjahre; er prägt das fast schon lauschige Plätzchen im Zentrum Herisaus mit der evangelisch-reformierten Kirche, dem ehemaligen Rathaus (Domizil des Museums Herisau), dem Regierungsgebäude, einem Blumenladen. Daneben, etwas versteckt, lockt blau blinkendes Licht in einen «Night-Club».
Die Brüder Walser: einst eine Marke, heute ein Virus
Ausdrücklich erinnert der Walser-Brunnen an zwei Walser-Brüder: Karl (1877-1943) und Robert (1878 -1956). Beide wurden geboren in Biel, beide zogen früh aus, der eine um Maler, der andere um Schauspieler zu werden. Karl, der Maler, kam nach Lehr- und Wanderjahren mit seinen Illustrationen, Gemälden, Wandmalereien in privaten und öffentlichen Gebäuden zu Geld, Frau(en) und Ansehen, zuerst in Deutschland, nach dem ersten Weltkrieg in der Schweiz.
Robert, der in Biel eine Lehre als Commis bei der Berner Kantonalbank absolviert hatte, wurde schauspielerisches Talent abgesprochen, worauf er sich aufs Schreiben verlegte; bald hatte er mit ersten Gedichten Erfolg. Dieser fast fulminante Einstieg ins Literatenleben kam später immer wieder, immer häufiger ins Stocken.
Strassenszene in Berlin, wo Karl und Robert Walser als wilde Schweizer Kerle legendäre «Auftritte» hatten.
In seiner Herisauer Zeit war Robert Walser keineswegs eine Prominenz, aber auch nicht ganz vergessen. Vermehrt seit den 1980er-Jahren lassen sich Generationen von Studierenden und Forschenden vom Walser-Virus infizieren. Seit 2009 laufen alle Walser-Fäden im Robert Walser-Zentrum in Bern zusammen, Kompetenzort für Robert Walser und seinen Vormund Carl Seelig. So stellte denn Reto Sorg, Leiter des Zentrums, seine Institution an der Vernissage zur Foto-Ausstellung in Herisau vor.
Bekanntlich war Robert Walser 1933 unfreiwillig von der Heil- und Pflegeanstalt Waldau bei Bern in die Heil- und Pflegeanstalt nach Herisau überführt worden – und darauf in Herisau als Dichter verstummt. Ein Fakt, der von Ausserrhoder Politikern in ihren Reden immer noch kaum zur Kenntnis genommen wird …
Beerdigt wurde Karl Walser 1943 auf dem Schosshaldenfriedhof in Bern, Robert Ende Dezember 1956 auf dem Friedhof in Herisau.
Bernhard Echte über wilde Schweizer Kerle, diese seltsamen Käuze
Bernhard Echte: Seltsame Käuze, wir zwei. Karl und Robert Walser. Historischer Essay von Bernhard Echte. Photographien von Dominique Uldry. Nimbus Verlag Wädenswil, 2019.
Zur Ausstellung, die vom 3. September bis 27. Dezember 2020 in Herisau zu sehen ist, erschien anfangs Jahr im Nimbus Verlag das Buch Seltsame Käuze, wir zwei von Bernhard Echte und Dominique Uldry. Bernhard Echte, Verleger, Literaturwissenschaftler, 1958 geboren in Ludwigshafen, wohnend in Wädenswil in der Villa zum Abendstern (Walser-Kenner denken an die Romanfigur des Gehülfen), beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema; bereits 1990 erschien im Rotenhäusler Verlag ein Band über Die Brüder Karl und Robert Walser. Maler und Dichter. Nun also ein neues Buch über die beiden Brüder: ihr stadtnomadisierendes Zusammenleben in jungen Jahren, ihre legendären «Auftritte» als wilde Schweizer Kerle in Berlin, ihre Zusammenarbeit als Illustrator und Autor – und nicht zuletzt ihre Verschiedenheit im Umgang mit Frauen.
Ein fataler Streit Mitte der Zwanzigerjahre führte zum vollständigen Abbruch der Beziehung. Den genauen Grund des Zerwürfnisses kennt auch Echte nicht, er ahnt ihn aber, und weckte damit an der Herisauer Vernissage vergangene Woche die Neugier auf seinen Essay.
Dominique Uldry über seine Walser-Orte heute
«Grundsätzlich arbeite ich gerne reduziert. Ich habe hier, mit kleinen Ausnahmen, nur mit zwei Objektiven gearbeitet, einem mit normaler Brennweite, einem mit leichtem Weitwinkel.» Sagte an der Vernissage Dominique Uldry, der Fotograf, geboren 1953 in Bern, weitgereist und gleichzeitig immer spürbar mit den jeweiligen Orten verbunden.
Die Wahl der Objektive sei aber ja nur das Technische, vor allem kommentiert Uldry seine Bildauswahl, die Motive, kleine Aperçus: Dass die heutigen Bewohner eines Hauses im Berner Murifeld ihn spontan ihre Mansarde fotografieren liessen, einen Ort, wo Robert Walser 1921 eingemietet war. Oder dass beim Fotografieren des Wandbildes von Karl Walser am Zürcher Amtshaus in einem blauen Schlafsack ein Mensch auf dem nackten Boden davor lag, ein prekäres, ein symbolisches Motiv.
Eine Person schläft unter einem Wandbild von Karl Walser am Zürcher Amtshaus.
Es ist ruhige, manchmal menschenleere Fotografie von Walserschen Wohn- und Arbeitsorten, in alphabetischer Reihenfolge: Bellelay, Berlin, Bern, Biel, Herisau, Thun, Wädenswil, Zürich. Hie und da sind auf einem Gehsteig oder Trottoir zügigen Schrittes zwei Buben oder Männer unterwegs, Brüder vielleicht? Dann etliche Schneebilder, von der Berner Elfenau, vom Friedhof Herisau. Alles unaufgeregt, cool eben. Oh, und da, ein Schimmel und ein Mensch gehen nebeneinander die Wachtenegg hinauf, Todesort von Robert Walser… märchenhaft! Romantisch gar?
Abspann zum Schluss
Museum Herisau: Karl und Robert Walser: Arbeits- und Lebensorte. Fotografiert von Dominique Uldry.
Bis 27. Dezember.
museumherisau.ch
robertwalser.ch
Die Ausstellung wurde konzipiert von Dominique Uldry und Bernhard Giger, dem ehemaligen Leiter des Kornhausforums Bern. Für Thomas Fuchs, den Historiker und Konservator des Museums Herisau, war klar: Diese Fotografien muss er nach Herisau holen. Und hier hat sie Architekt Paul Knill sachgerecht, ästhetisch und pfiffig in Szene gesetzt.
«Mitten im ununterbrochenen Vorwärts hatte ich Lust stillzustehen.» Diesen Satz liest man seit 2017 am neuen Werkhof der Gemeinde Herisau, gebaut an einer der Herisauer Ausfallstrassen. Er stammt von Robert Walser, natürlich.
Spuren im Schnee oberhalb von Herisau: Sie erinnern an das Polizeifoto, das am Fundort von Robert Walsers Leichnam aufgenommen wurde.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.