, 21. Oktober 2018
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Wo ich bin, ist Zentrum

Die Liechtensteiner Kunstschule, in Nendeln domiliziert, feiert ab Dienstag neun Tage lang ihren 25. Geburtstag. Das Thema lautet «Ränder gibt es nicht – das Potenzial des Peripheren». von Anita Grüneis

Vor drei Jahren stand die «Randerscheinung» im Mittelpunkt der Schlossmediale Werdenberg, nun widmet sich die Kunstschule Liechtenstein an ihrem Geburtstag ebenfalls den Rändern. In der Peripherie liegt das Potenzial, so wird behauptet. Ob das wirklich so ist, diskutieren Vertreterinnen und Vertreter regionaler Kulturinstitutionen in einem Symposium gegen Schluss der Jubiläumstage, am Samstag 27. Oktober.

«Immer öfter gehen Initiativen von der Peripherie aus»: Direktor Martin Walch.

Nendeln, 1500 Einwohner, ein Durchgangsort: Hier dürfte das Thema einige Inspiration bieten. «An der Peripherie, im dörflichen Umfeld zu sein, bringt eine eigene Qualität mit sich, die Städte nicht haben. Vielfach ist Kultur und Kunst mehr in Ballungszentren zuhause. Heute gehen jedoch immer öfter auch Initiativen von der Peripherie aus», sagt Martin Walch, Direktor der Kunstschule, und weiter: «Bei der Vorbereitung zum Jubiläum haben wir viel diskutiert, auch darüber, ob es eine Peripherie überhaupt gibt, denn eigentlich hat alles und jedes sein Zentrum.»

Gestartet wird mit einer Work-in-progress-Ausstellung im Vaduzer Kunstraum Engländerbau. Grundsätzlich sollen an neun Tagen alle Altersgruppen angesprochen und Kunst zu jeder Tageszeit erlebbar werden. Da gibt es Nachtexkursionen, Spurendetektive, Urban Sketching im öffentlichen Raum, Zeichnen im Kunstmuseum, eine Performance zum Künstler Ferdinand Nigg, eine Tanzchoreografie zu Gedichten, einen Spaziergang zwischen Gebäuden, einen Familienworkshop mit den Skulpturen der Bad RagARTz, das Vaduzer Dorfleben in Ton geformt oder Momentaufnahmen von Geräuschen, Klängen und Noten aus dem Landesarchiv.

Jubiläumsprogramm: bis 31. Oktober, Vernissage: 23. Oktober 18 Uhr
Kunstraum Engländerbau Vaduz.

Das Programm geht von einem umfassenden Kunstbegriff aus, der alle Sparten umfasst. Es widerspiegelt damit das breite Angebot der Schule. Insgesamt hat die Kunstschule Liechtenstein 30 Lehrkräfte, allerdings nur 610 Stellenprozente. Die meisten der Unterrichtenden arbeiten mit einem Pensum von maximal zehn Prozent. Dabei ist die Schule ungemein aktiv, bietet Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, Schulkooperationen, Lehrerfortbildung und berufliche Weiterbildung. Im Fokus steht der vollzeitliche Vorkurs, der in den letzten Jahren immer beliebter wurde, was Martin Walch auch auf die Zusammenarbeit mit den Schulen zurückführt: «So kommen viele Schülerinnen und Schüler erstmals mit uns in Kontakt, und wenn sie es cool fanden, dann gibt es ein entsprechendes Echo in den sozialen Medien, das sich schnell verbreitet.»

Die 32 Schülerinnen und Schüler des diesjährigen Vorkurses sind zwischen 16 und 26 Jahre alt, 22 von ihnen kommen aus Liechtenstein, fünf aus der Schweiz, drei aus Österreich und zwei aus Deutschland. Zwei Drittel sind Frauen, ein Drittel Männer. «Um einen guten Unterricht zu gewährleisten, haben wir zwei Klassen gebildet. Die Studierenden haben mehr als 20 verschiedene Lehrer. Dabei entstehen immer wieder spannende Austauschmöglichkeiten für Schüler wie für Lehrpersonen. Zudem geschehen nicht nur wertvolle gestalterische Fortschritte, auch im sozialen Bereich ist die Spanne gross», meint Martin Walch.

Der Grundlagenunterricht ist breit gefächert und reicht vom Malen, Zeichnen, Kunstgeschichte und Bildhauen oder Fotografie bis zum Bühnenbild, dem Tanz, der Performance und Medienunterricht.

Bei der Gründung der Kunstschule vor 25 Jahren hatten viele in Liechtenstein befürchtet, dass es künftig eine Schwemme von Künstlerinnen und Künstlern geben würde. Nach einem Vierteljahrhundert ist klar: Es gibt viele Kunstschaffende, Designer und Kreative, doch nur die wenigstens studieren im Anschluss an den Vorkurs freie Kunst an einer Kunsthochschule. «Die meisten wenden sich den angewandten Bereichen zu, dort, wo man auch etwas verdienen kann», meint Martin Walch lachend; «eine kürzlich durchgeführte Studie in Berlin ergab, dass 98 Prozent sogenannte Slash-Artisten sind, also Künstler, die sich den Lebensunterhalt neben ihrem Kunstschaffen mit teilweise sehr verschiedenen Jobs verdienen.»

Zum eigenen Kunstschaffen kommt auch Martin Walch aufgrund seiner Funktion an der Kunstschule nur noch selten. Eines seiner letzten grossen Werke ist das vor einem Jahr installierte Stahlobjekt im Hilti-Kreisel vor Schaan.

 

 

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