, 6. Juli 2018
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Wo ist Luisa?

Sexuelle Belästigung und Übergriffe sind auch am Openair St.Gallen ein Thema. Auf der Sternenbühne wurde dieses Jahr darüber diskutiert. Und das scheint dringend nötig. Maja Dörig war für Saiten mit dabei.

Die Reporterin Vera Papisova hat dieses Jahr für die «Teen Vogue» vom Coachella Festival berichtet. Sie legte den Fokus dabei weder auf das musikalische Programm (Beyonce!) noch auf aktuelle Modetrends (Glitzerbikinis?). Stattdessen interviewte sie 54 junge Frauen zum Thema sexuelle Belästigung an Festivals. Jede einzelne erzählte ihr von ungewollten Berührungen, Anmachen und Übergriffen. Die Reporterin selbst hielt fest, dass sie während der ungefähr zehn Stunden, die sie auf dem Gelände verbracht hat, ganze 22 Mal begrapscht worden sei.

Ich höre mich ebenfalls um während dem Openair. Auch im Sittertobel wissen fast alle etwas zu berichten. Meine männlichen Freunde erzählen von Freundinnen und Kolleginnen, die während Konzerten wiederholt begrapscht worden seien. Diese Erzählungen enden meist mit Sätzen wie «Ich habe ihn böse angeschaut und ihm gesagt, er solle sich verpissen». Oder noch lapidarer mit «Wir haben dann den Platz getauscht, dann wars kein Problem mehr». Auch sie selbst würden öfter ungewollt berührt, angetanzt oder begrabscht, gerade auf Tanzflächen wie in der Casa Bacardi komme das vor.

Eine Freundin erzählt von einem einschneidenden Erlebnis vor einigen Jahren: Sie hatte damals ihr Zelt direkt neben meinem. Zwei Jungs, «angetrunkene Halbstarke», wie sie sie nennt, hätten sie nachts bedrängt und zu ihr ins Zelt kommen wollen. Sie war alleine, es sei ein verdammt mulmiges Gefühl gewesen. Weil sie gearbeitet habe, sei sie nüchtern gewesen und habe es geschafft, die beiden zu verjagen.

«Nicht mehr sicher auf dem Gelände»

Auch das OK des Openairs St.Gallen will wissen, wie es um Übergriffe, sexuelle Gewalt und Grenzüberschreitungen steht an seinem Festival. Bereits im Vorfeld fragt es per Facebook-Post, was die Besucherinnen und Besucher diesbezüglich schon erlebt haben im Sittertobel. Am Samstagmorgen dann findet auf der Sternenbühne eine Podiumsdiskussion zum Thema statt. Neben Sabine Bianchi, der Kommunikationsverantwortlichen des Openairs, nehmen Dani Weder vom Kugl und Lara Weibel, die als Jugendarbeiterin im Flon in St.Gallen und in einem Jugendtreff in Luzern arbeitet, teil. Moderiert wird das Gespräch von SRF-Frau Reena Thelly.

Thelly, die im Gegensatz zu mir einen fitten Eindruck macht, eröffnet die Runde mit einer Frage an Bianchi. Normalerweise seien sexuelle Übergriffe ein Tabu-Thema, schambehaftet, es gehe um Schuldgefühle und Ängste. Was denn die Gründe seien, dass das Openair diesem Thema ein Podium widme? «Weil es eben wirklich ein wichtiges Thema ist», erklärt Bianchi. Besucher wünschten sich vom Festival, dass es gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Mit dem Aufkommen der #metoo-Bewegung habe sich zudem gezeigt, wie präsent das Thema sei – auch an Festivals.

«Wir haben die letzten Jahre auch investiert in dieses Thema, zum Beispiel mit einem Event-Care-Team», sagt sie. «Es melden sich immer wieder Menschen bei uns, das reicht von sexueller Belästigung bis einfach zu ‹ich fühle mich nicht wohl›. Ich weiss nicht, ob sich die Fälle häufen oder ob die Leute einfach sensibilisierter sind und sich eher trauen, sich zu melden.»

Auf den eingangs erwähnten Facebook-Post vom Openair habe sich eine junge Frau gemeldet, berichtet Thelly. «Ich habe beschlossen, meine Geschichte hier mit euch zu teilen, weil es auch hier passiert ist», sagt die Frau auf Englisch. «Ich möchte die Menschen sensibilisieren, damit so etwas nicht wieder geschieht». Ihr sei vor drei Jahren, als sie alleine auf dem Gelände unterwegs war, ein Mann zu ihrem Zelt gefolgt und habe sie vergewaltigt. Sie sei die ganze Nacht allein gewesen, am nächsten Morgen habe ihr eine Freundin gesagt, sie soll zum Sanitätszelt gehen. Das Team dort sei grossartig gewesen, habe ihr zugehört, sie in das Spital gebracht, sich das ganze Festival über um sie gekümmert und sich sogar danach, als sie wieder zuhause war, nochmal bei ihr gemeldet, um zu fragen, wie es ihr gehe.

«Diese Geschichte jetzt an genau diesem Ort zu erzählen ist für mich wie Therapie», erklärt die junge Frau. «Natürlich fühle ich mich nicht mehr sicher hier auf dem Gelände. Ich denke aber, die Organisatoren unternehmen alles, um solche Dinge zu verhindern. Trotzdem: Seit ich hier bin, habe ich schon wieder mehrere Fälle von Belästigung erlebt, blöde Anmache und Typen, die sich an mich gedrängt haben vor der Bühne, obwohl da genügend Platz gewesen wäre. Das ist ein grundsätzliches Problem und einfach nicht in Ordnung. Das muss aufhören!»

Für manche ein Übergriff, für andere eine Bagatelle

Bianchi zeigt sich berührt von der Geschichte. «Wir tun so viel wir können, mit Security, Care-Team, Polizei und der Kommunikation untereinander», sagt sie, aber man könne nunmal nicht alle und alles überwachen. «Was wir können, ist sensibilisieren, den Leuten sagen, geht miteinander ans Festival und passt aufeinander auf! Ausserdem fordern wir die Helfer auf, sich mit offenen Augen auf dem Gelände zu bewegen und zu reagieren.»

Wie es denn im Nachtleben ist, will Thelly von Daniel Weder wissen. «Natürlich hat man im Club ein System und das Personal weiss, was zu tun ist, wenn jemand mit einem Problem zu ihnen kommt», erklärt er. «Eigentlich willst du ja feiern, du willst zusammenkommen und schauen, dass es allen gut geht. Die Frage, ob wir einschreiten sollen, gestaltet sich oft schwierig. Es gibt eine riesige Grauzone: Was für manche ein Übergriff oder ein einschneidendes Erlebnis ist, ist für andere eine Bagatelle.»

Wie man das Nein-Sagen lernt, ist eine Frage, die auch Lara Weibel beschäftigt. «In meinem Job geht es unter anderem darum, die jungen Leute darauf zu sensibilisieren und sie auch zu empowern, nein zu sagen», sagt sie. Blöde Kommentare zum eigenen Körper müsse man sich nicht einfach gefallen lassen. Es gehe ganz fest darum, herauszufinden, wo die eigenen Grenzen sind.

«Es wird viel zu oft einfach akzeptiert, wenn einem jemand an den Arsch greift, an Konzerten oder hier am Openair. Ist halt so. Es ist total gut, gibt es im Sittertobel ein Care-Team, aber damit ist einfach nicht alles erledigt. Auch das Podium ist ein Schritt in die richtige Richtung, nur ist es schade, dass es morgens um 10 Uhr stattfindet. Auf mich macht es ein bisschen den Eindruck: Ja, wir machen was und können es somit abhaken.»

Thelly erwähnt zwei junge Frauen, die für das SRF über das Openair berichteten. Einer habe ein völlig Fremder im Vorbeigehen einfach an die Brüste gegriffen – «weil man die Spitzen von ihrem BH habe sehen können». «Das macht einen baff», sagt Thelly und fragt, wie man die Leute dazu bringt, zu reagieren. «Baff» war auch Bianchi schon. Ihr Ansatz: «Allein das Bewusstsein ist wichtig; dass wir jetzt hier darüber reden. Ich denke aber, es fängt schon viel früher an – mit den Kindern.»

Die Sache mit dem Code-Wort

Clubs und Festivals haben in den letzten Jahren Kampagnen mit Codewörtern wie «Ist Luisa da?» oder «Wo geht es nach Panama?» gestartet. Wenn sich jemand bedrängt oder belästigt fühlt, kann sich diese Person mit ebendiesem Code ans Personal wenden. Thelly will wissen, ob es diese Praxis auch in St.Gallen gibt.

«Im Kugl nicht», erklärt Weder. Ein Codewort nütze nichts, wenn alle es kennen. «Man kann einfach auf uns zukommen und sagen, man müsse reden. Diese Möglichkeit gibt es, auch dass man in einen Raum hinter den Kulissen gehen kann. Sonst ist es doch so, dass alle Umstehenden, die das Codewort hören, sofort wissen, dass da mutmasslich jemand sexuell belästigt wurde.»

Weibel teilt Weders Meinung nicht: «Auch wenn alle wissen, was es bedeutet, manchmal ist es einfacher, nur ‹Panama› sagen zu müssen, als ‹hey, ich brauche Hilfe›. Obwohl ich auch nicht denke, dass dies die beste Lösung ist – manchmal ist es einfach einfacher.»

«Auch wir haben uns mit dieser Frage auseinandergesetzt – und haben uns dagegen entschieden», erklärt Bianchi. «Unsere Organisation ist sehr gross und es sind viele Helfer, die sich schon so sehr vieles merken müssen. Und für mich ganz persönlich ist es fragwürdig, ein Codewort für etwas wie ‹Hilfe suchen› zu kreieren – das darf einfach kein Tabu-Thema sein.»

«Es ist einfach nicht die Realität, dass alle klar nein sagen können», widerspricht Weibel. «Da ist so ein Codewort auch eine Hilfestellung. Die Tatsache, dass es so etwas gibt, macht die Leute ja auf die Tatsache aufmerksam, dass man sich mit solchen Problemen an die Crew wenden darf.»

«Es ist wichtig, als Veranstalter möglichst klar zu kommunizieren, dass es die Möglichkeit gibt, sich an die Security und den Staff zu wenden», sagt auch Weder. «Wir haben bei uns im Klub eine Art Hausregel, die zwischen den WC-Eingängen hängt. Da steht, dass man lieb sein soll zueinander, dass man nichts konsumieren soll, was man nicht kennt und so weiter. Und da steht eben auch, dass man sich einfach melden soll, wenn etwas nicht okay ist.»

Reden ist ok – aber was weiter?

«Was geschieht ganz konkret, wenn ich zur Security gehe und sage, ich werde verfolgt, da läuft mir jemand immer hinterher und das macht mir Angst?», fragt Thelly. «Das wird immer ernst genommen», betont Bianchi. «Man nimmt dich zur Seite und schaut, was getan werden kann, ob du mit dem Care-Team reden möchtest, was es braucht, damit du dich wieder sicher fühlst.»

Es habe einmal den Fall gegeben, dass sich zwei junge Frauen beim Openair beschwert hätten, weil sie sich von ihren Zeltnachbarn belästigt fühlten. Sie seien provoziert worden und fühlten sich nicht sicher. Also sei die Security mit diesen Frauen mitgegangen, habe die Zeltnachbarn befragt und auch ihre Personalien aufgenommen. «Das ist schon mal ein Statement», sagt Bianchi. «Die Jungs wussten dann, dass wir das nicht tolerieren, und die jungen Frauen, dass wir sie ernst genommen haben. Wenn nach so einem Fall nochmal etwas ist, haben wir die Personalien bereits – und dann werden entsprechende Massnahmen eingeleitet.»

Zum Schluss ergreift nochmal die junge englischsprechende Frau das Wort. «Ich habe euch am Anfang dieser Diskussion meine Geschichte erzählt. Immer wieder sagen mir Menschen, wie mutig es ist von mir, über meine Vergewaltigung zu sprechen. Ich finde es aber sehr wichtig, dass wir darüber sprechen. Wenn man einen Autounfall hat, sagt auch niemand, oh wie mutig, dass du darüber sprichst. Wir müssen solche Vorkommnisse thematisieren.»

Gegen halb zwölf verlasse ich das Gelände, um mich zuhause nochmal etwas hinzulegen. Ich bin mir nicht sicher, wie zufrieden ich mit der Diskussion bin. Vielleicht ist es ja okay, dass alles, was gesagt wurde, einfach und verständlich war. Auf der anderen Seite hätte ich von einem solchen Podium auch erwartet, dass komplexere Zusammenhänge und strukturelle Probleme angesprochen würden. Und dass Festivals eben noch immer viel zu sehr eine «Man’s World» sind.

Eine Aktivistin hat auf Social Media vorgerechnet, dass dieses Jahr 59 Frauen auf der Bühne gestanden sind. Und 209 Männer. Es bleibt noch viel zu tun. Genauso wie mehrere Leute aus dem Publikum, das im Anschluss an das Podium mitdiskutierte, wünsche auch ich mir von der Organisation des St.Galler Openairs, dass diesem Thema in Zukunft noch mehr Raum gegeben wird.

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