, 19. Januar 2016
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Wo sich die Sonne am Nebel reibt

Mit der Drohne durch die mysteriöse St.Galler Agglo – ein loses Protokoll, erschienen im Januarheft von Saiten.

47.40949 N, 9.44786 E – besser bekannt als Töbeli, Speicher AR (Bilder: Till Forrer)

«C’mon, das geht doch klüger», rappt Fatoni in meinen Ohrstöpseln, als ich den FHS-Parkplatz erreiche. Dumpfer Stadthimmel. Drei Grad und Hochnebel. Ausgerechnet diesen Tag haben wir uns ausgesucht, um die Agglo auszuspionieren. Nicht clever.

Till wartet schon, im Kofferraum die Dji Phantom 2 Vision V3, eine Drohne vom Modell Quadrocopter. Wir beschliessen, erstmal in die Höhe zu fahren, raus aus dem Nebel, zum Ort mit den Koordinaten 47.41568 N, 9.43625 E.

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47.41568 N, 9.43625 E (Klicken zum Vergrössern)

Hier ist die Stimmung besser. Und still ist es. Überall steht verlassenes Baugerät, weiter unten ein Kran und am gegenüberliegenden Hügel ein werdender Betonklotz.

Gelebt wird hier offenbar nicht. Oder doch, weiter oben pisst einer an den Findling und hinten beim Parkplatz stehen zwei alte Männer mit Zipfelkappen, die uns misstrauisch beäugen, als wir die Phantom Vision samt Fernbedienung aus dem Koffer holen. Zugegeben, es sieht schon etwas seltsam aus, dieses weisse Teil mit seinen vier Rotoren.

Bevor sie losfliegen kann, muss die Drohne kalibriert werden: viermal S1, dann drehen gegen den Uhrzeigersinn, um 90 Grad kippen und nochmal uhrverkehrt drehen. Ich taufe sie Paco.

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47.41557 N, 9.43309 E

So klein und doch so laut. Die Drohne klingt wie ein übermächtiger Fliegenschwarm, als sie empor steigt, immer weiter, bis sie der Himmel verschluckt. Wir verfolgen den Flug nun auf dem Bildschirm des Smartphones, das auf der Fernsteuerung montiert ist.

Eine fette Kurve trennt zwei befreundete Wiesen voneinander, von rechts drängt sich ein Gehöft in den Ausschnitt. Wir schwenken nach links und sehen uns die Bauten am anderen Hang etwas genauer an, eine mehr oder weniger quadratische Einfamilienhauslandschaft samt Swimming Pool, Trampolin und Car Ports. Könnte auch Rotmonten sein.

Kein Indiz für «Bad Neighborhoods»

Wir fahren weiter, entdecken eine der immer seltener werdenden Poststellen, eine Raiffeisen-Filiale, Hagebuttensträucher, Achtung-Kinder-Schilder und Schneefräsen, so gross wie Geländewagen. Lieber die Türe abschliessen, witzeln wir, scheint eine gefährliche Gegend zu sein. Natürlich nicht, dafür wirken die hübsch bevorhangten Gaststuben, die gepflegten Vorgärten und properen öV-Stationen schlicht zu harmlos an.

Nirgends Hundescheisse, nirgends ein Junkie, nirgends Grafitti. Weit und breit kein Indiz für «Bad Neighborhoods». Zumindest äusserlich. Doch je weiter es runter geht, desto rascher schleicht sich der Nebel in die dörfliche Idylle.

Als wir aussteigen, finden wir uns in einem verwunschenen Tal wieder, in dem sich die Sonne an schier undurchdringlichen Schwaden reibt, begleitet vom tiefen Rauschen des Tobelbachs. Hitchcock wäre stolz, und wir sind froh, dass wir ein Unterlibli haben gegen die Gänsehaut. Hätte der Maestro des Psychofilms zu Lebzeiten je einen Agglo-Thriller drehen wollen, 47.40949 N, 9.44786 E hätte ein super Set abgegeben.

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47.40949 N, 9.44786 E

Thriller-Stoff gäbe es auf dem Land sicherlich ausreichend. Als waschechtes Agglokind weiss ich: Wo man sich kennt, geht’s auch zur Sache. Zwischenmenschlich, emotional, körperlich und oft genug bis jemand heult.

Das Land schien mir immer weit und eng zugleich; weit, luftig und grosszügig, wenn man nach draussen schaut, aber hinter den Vorhängen oft eng und knausrig und klein. Gemeinschaft kann einerseits Halt geben, wenn aber jeder über jeden Bescheid weiss, verlangt das Ausscheren Rückgrat.

Deshalb ist auch die Stadt so verlockend: Weil man vermeintlich allein ist, unbeobachtet und frei in der Entfaltung. Für St.Gallen gilt das natürlich nicht, dafür sind wir zu sehr Kleinstadt. Und Nähe definiert sich ohnehin nicht ausschliesslich über die Geografie. Aber die Stadt – egal welche – ist im Gegensatz zum Dorf immerhin ehrlich. Dort ist es dreckig und durcheinander, versaut und unberechenbar. Wie das Leben, das ihr innewohnt.

Im Dorf sieht man weniger Schattenseiten. Dörfer sind wie Menschen, die niemals Alkohol trinken. So richtig trauen mag ich ihnen nicht.

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47.43763 N, 9.47824 E

Wie viele Rütis gibt es eigentlich in der Schweiz? Aber wenn Land, dann so: Haus und fertig. Ohne Dorfkern, ohne Turnverein, ohne Geschwätz. Wir stehen im Nebel. Doch Paco schafft es, ihn zu lichten, und über den Bildschirm erkennen wir: Nicht alle Architekten haben Sinn für Symmetrie. Dass nicht alle Hausbesitzer ein Flair fürs Ästhetische haben, verrät uns der eigentümlich dekorierte Briefkasten neben uns an der Scheune.

Als wir uns fragen, wieso man diese wunderschön einsamen Häuser immer so nahe an der Strasse baut, plumpst neben uns Paco ins feuchte Gras. Akku leer – doch den Fliegenschwarm hören wir immer noch. Oben kämpft der Wald gegen Motorsägen.

Z’frede bei Braten mit Nudeln

Vorteil des Landes: Man kann günstig essen. In der Nähe von 47.44598 N, 9.46563 E gibt es eine Beiz, in der man das auch noch sehr gut kann. Heute komme ich ohne Familie, dafür mit Laptop, Drohne und Akku-Ladekabel. Augen kleben auf uns. Auf der Eckbank sitzen zwei Männer; ein Pummel mit Kafi fertig und der Getränkelieferant.

Der Wirt nickt uns zu. Hätte ich meine zwei Brüder dabei, wüsste er, wieso ich ihn mit seinem Vornamen begrüsse, und würde uns jetzt nicht so mustern. «Braten mit Sauce und Nudeln», meint er trocken. «Isch eu da recht?» Auf dem Schild hinter Till ist mit weisser Kreide «z’frede?» geschrieben. Nur halbwegs, denke ich, denn ohne das gewohnte Zwinkern des Beizers komme ich mir hier wie ein Outsider vor.

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47.44598 N, 9.46563 E

Irgendwie wurmt mich das. Bestimmt denkt er, wir seien irgendwelche dahergefahrenen Tsürcher. Dabei haben wir früher mit dem Dorfverein allpott ein Ständchen gegeben in seiner Gartenbeiz, haben Märsche, Zäuerli und den Crocodile Rock gespielt für Ehrenpräsidenten, Gemeindeammänner und Jubilare.

Ich bin in Untereggen aufgewachsen, einem 600-Seelendorf, nur wenige Kilometer entfernt. Als ich 15 war, sind wir nach Goldach gezogen. Meine erste Wohnung hatte ich in Wienacht-Tobel, einem Kaff neben dem Kaff, und danach habe ich in Rorschach gelebt. Nach St.Gallen bin ich erst vor etwa fünf Jahren gezogen. Ich bin definitiv ein Landei. Das mag ich, trotzdem bin ich auch Stadt. Im Zwischendrin liegt oft auch ein Reiz, es macht Lust zum Driften.

Untereggen hat eine Fläche von gut sieben Quadratkilometern. Dazu gehören der Vorder-, der Mittlerund der Hinterhof, mehrere Weiler mit glatten Namen wie Hammershus, Vogtlüt, Schiben oder Brand, das Naturschutzgebiet um den Schlossweier beim Mötteli-Schloss, dem Wahrzeichen des Dorfes, einige Bauernhöfe und natürlich Wald und Wiesen und selbstgebrannter Obstler. Am traditionellen Weihnachtsblasen des Dorfvereins, dessen Mitglieder jedes Jahr im Dezember in kleinen Gruppen umherziehen, wird er jeweils besonders grosszügig ausgeschenkt.

Untereggen ist quasi das arme Mörschwil: tiefe Bonzendichte, hohe Steuern. Und ohne Stadtbus. Oberstufe gibt es auch keine, deshalb mussten wir damals entweder ins Notker oder nach Goldach.

Allein nach St.Gallen haben wir uns erst etwa in der sechsten Klasse getraut. Manchmal, an den Mittwochen und Samstagen, sind wir also ins Posti gestiegen, zuhinterst und Minimum zu viert, und haben uns den Mief der Grossstadt gegeben. Oder uns verirrt. Allein der Bahnhof in St.Gallen kam uns schon riesig vor, und wir schauten jedes Mal peinlich genau, ob wir auch ganz sicher den richtigen Bus erwischt haben.

Nach dem Lädälä, dem Kino oder dem Säntispark haben wir uns manchmal noch einen Big Mac geholt, um unseren gärtnernden und confikochenden Müttern eins auszuwischen. Fastfood ist die Rebellion der Wohlbehüteten.

Agglo ist dort, wo Darts gespielt wird

Der Wirt kocht selber, bringt selber, putzt selber. Und wir stellen fest: Hier wird drinnen geraucht. Hier, wo sich Füchse und Hasen noch den Lebensraum teilen, wo man dem Gemeindeammann Köbi oder Rächä sagt und man extra nicht Stadt ist.

Rauchen in der Beiz – oh, wunderschöne, rebellische Provinz! Bei dir aufzuwachsen war das Beste, was mir passieren konnte. Ohne dich wäre ich in der Primarschule wohl niemals Hochstämmer-Slalom mit dem Motocross-Töff gefahren, hätte nie mit Taschenlampen, Cervelats und Walkie-Talkies die Kanäle des Dorfbachs erforscht und mit Luftgewehren auf Hühner geschossen.

Der Akku ist wieder voll. Der Nebel will sich leider immer noch nicht so recht lichten, also stechen wir durch die Decke und dann Richtung Westen, mitten durch die Agglo. Sie zieht in Fetzen an uns vorbei, wechselt langsam die Farbe von Saftig und Grün zu Beton.

«Agglo ist dort, wo Darts gespielt wird», sagte einer kürzlich. Mag sein. Wenn ich so aus dem Fenster sehe, ist Agglo vor allem eines: da. Ob nun in ländlichen Gebieten oder ganz nah an der Stadt, es wuchert überall, das Gwöll aus Kleinbetrieben, MuKi-Turnen, Schnitzel-Pommfritt und Golf und meinetwegen auch Darts.

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47.41461 N, 9.27092 E

47.41461 N, 9.27092 E ist ein seltsamer Ort. Hier leben die Menschen aufeinander gestapelt, in vielstöckigen Quadern aus fahlem Braungelb, mit Waschplänen und braven Balkonen. Die Wiese ist abgetrennt, auf Rechteck getrimmt. In den Rabatten liegen verfaulte Aprikosen. Doch so karg die Umgebung, so warm der Empfang.

Als wir mit Paco neben dem Pingpong-Tisch stehen, laufen zwei Mädchen auf uns zu. «So cool, eine Drohne!», rufen sie begeistert. Sie fragen uns aus, rufen Freunde herbei, erzählen vom Geschichtsunterricht, zu dem sie gleich müssen. Aufgeweckte Gesellschaft, auch wenn wir nur kurz in den Genuss kommen. Wir müssen weiter, denn Paco hat kalt. Je höher er fliegt, desto dicker der Nebel und somit die Eisschicht, die er von seinen Streifzügen mitbringt.

Beim Weiterfahren fragen wir uns, wieso man sich eine Einfamilienhaus-Parzelle direkt an der Autobahn kauft. Wir wollen davon ein Bild machen, doch Phantom Vision aka Paco will nicht. So machen wir uns auf zur letzten Station, einem trostlosen Klotz an der Grenze zur Stadt.

Nachdenklich stapfen wir über den schnurgraden Weg, der das Grün vom Grau trennt. Links ragen lausig verputzte Mauern empor, ein Wall, der aussieht wie Stadt. Wo fängt sie eigentlich an, hier vielleicht, auf 47.41789 N, 9.31203 E?

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47.41789 N, 9.31203 E

Dieser Text erschien im Januarheft von Saiten.

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