, 12. Juni 2019
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Wo und wie gestreikt wird

Wieso kann das Pflegeheim Schäflisberg nicht mitstreiken am Freitag, obwohl es gerne würde? Wie streikt die Genossenschaftsbeiz mit Einheitslohn? Und was hält eigentlich die Uni vom Frauenstreik? Matthias Fässler hat bei kulturellen, sozialen und öffentlichen Institutionen in der Stadt St.Gallen nachgefragt.

Obwohl es ja eigentlich in der Natur eines Streiks liegt, nicht um Erlaubnis zu fragen, beschäftigt gerade viele die Frage: Darf ich am Frauenstreik teilnehmen? Für Jenny Heeb vom Frauen*streik-Kollektiv St.Gallen ist die Antwort klar: «Wir können den Frauen* nicht verbindlich zusichern, dass ein Streik keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen hat». Deshalb habe sich das Kollektiv gegen einen Aufruf zum Streik entschieden.

Tatsächlich bewegt sich der Frauenstreik in einer juristischen Grauzone: Ein Streik gilt gemäss Bundesverfassung nur dann als legal, wenn er konkrete arbeitsrechtliche Forderungen stellt und von einer Gewerkschaft unterstützt wird. Dies trifft auf den Frauenstreik nur teilweise zu. «Für uns stehen die Forderungen und Aktionen im Vordergrund», sagt Heeb. «Ob Frauen streiken oder an diesem Tag frei nehmen, ist für uns zweitrangig.»

Alle Informationen zu den verschiedenen Aktionen am 14. Juni in St.Gallen: frauenstreik2019.ch

Auf die Rechtslage wies auch der St.Galler Stadtrat in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage hin. Jenny Heeb (SP), Andrea Scheck (JUSO) und Alexandra Akeret (SP) hatten vom Stadtrat wissen wollen, wie die Stadt mit dem Frauenstreik und streikenden Angestellten der Verwaltung umgehe. In seiner Antwort zeigt sich der Stadtrat grundsätzlich «solidarisch mit der Idee des Anlasses, der tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter». Dem Wunsch, am Frauenstreik teilzunehmen, solle deshalb nachgekommen werden. Die Abwesenheit gelte jedoch als Freizeit und werde nicht bezahlt. Wer seine Arbeit unentschuldigt niederlege, müsse mit Sanktionen oder personalrechtlichen Massnahmen rechnen.

Andere Städte sind grosszügiger: Uster erlaubt seinen Angestellten, während der Arbeitszeit drei Stunden am Streik teilzunehmen. In Genf dürfen Frauen gar den ganzen Tag am Streik teilnehmen.

Frauenstreik in der Mittagspause

Mit ähnlichem Pragmatismus reagieren andere öffentliche oder halb-öffentliche Institutionen in der Stadt St.Gallen. Auch die Fachhochschule begrüsst grundsätzlich die thematische Auseinandersetzung mit Gleichstellung. Eine Teilnahme von Mitarbeitenden sei «im Rahmen eines privaten zivilgesellschaftlichen Engagements» möglich, sagt Carlo Höhener, Verwaltungsdirektor der FHS St.Gallen. Eigene Aktionen seien jedoch nicht geplant.

Ganz anders bei der Universität auf dem Hügel. Über Mittag veranstaltet der Fachbereich Gender & Diversity einen «Frauen*-Vernetzungs-Apéro», an dem Uni-Mitarbeitende und andere Interessierte teilnehmen könnten, wie Julia Hüfner von der Medienabteilung erzählt. Dazu liest die Schauspielerin Diana Dengler das akademische Streik-Manifest, das eine Gruppe von Wissenschaftler*innen verschiedener Schweizer Hochschulen verfasst hat: ein ziemlich progressiver Forderungskatalog, in dem etwa gefordert wird, die Etablierung von Geschlechterforschung an Hochschulen und die Untersuchung von Geschlechterverhältnissen in den einzelnen Disziplinen auszubauen.

«Wohlan!» möchte man der HSG zurufen – mit der Einführung eines Lehrstuhls für feministische Ökonomie etwa. Platz dafür könnte es nach der Abstimmung zum neuen Campus bald genug geben. Platz aber vielleicht auch für Diskussionen über die Widersprüche einer neoliberalen Wirtschaftsdoktrin und salbungsvollen Worten zu Gleichstellung auf der einen und dem Anspruch auf gerechte Entlöhnung, etwa in der Care-Arbeit auf der anderen Seite. Schliesslich ist es gerade die Privatwirtschaft, die sich stets gegen Reglementierungen wehrt, die für mehr Geschlechtergerechtigkeit sorgen würden.

«Es ist Frauenstreik, wir sind an der Demo»

Auch in der Kultur wird gestreikt – am ganzen Tag. Im Sitterwerk halten die männlichen Mitarbeiter die Stellung, damit die Frauen am Streik teilnehmen können. Im Haus selbst seien Forderungen wie Lohngleichheit, Frauen in Leitungspositionen, aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit bereits umgesetzt, sagt Patricia Hartmann, Geschäftsleiterin des Sitterwerks. Ihre Beteiligung am Frauenstreik sei deshalb vor allem ein Zeichen für die immer noch prekäre Lage von Frauen in der übrigen Arbeitswelt.

Das Textilmuesum orientiert sich an den Vorgaben der Stadt St.Gallen, wie die Direktorin Barbara Karl sagt. Man initiiere selber keine Aktionen, Mitarbeitende, die am Streik teilnehmen möchten, könnten dies jedoch tun. Als Privatpersonen. Das Museum habe sich zudem entschieden, ein Frauenthema in die Programmplanung aufzunehmen.

Ebenfalls am Streik teilnehmen wird die Kunsthalle St.Gallen. «Natürlich gibt es keine Konsequenzen für Mitarbeitende, die am Streik teilnehmen», schreibt Direktor Giovanni Carmine. «Die Kunsthalle St.Gallen ist eine Feministin.» Da die meisten Mitarbeitenden an der Demo und an den Aktionen teilnehmen, werde die Halle wohl geschlossen bleiben. Für Besucherinnen und Besucher hänge man einen Zettel an die Tür: «Es ist Frauenstreik, wir sind an der Demo.»

Anders klingt es beim Stadttheater. Die Antwort von Beda Hanimann, dem Medienverantwortlichen des Hauses, ist so kurz wie eindeutig. Der zuständige geschäftsführende Direktor, Werner Signer, weile gerade im Ausland, für Fragen stehe er deshalb nicht zur Verfügung. Generell gelte aber: «Ein Frauenstreik an unserem Haus ist weder ein Thema noch eine Dringlichkeit.»

Anders klingt es, wenn man sich im Haus nach etwas ausführlicheren Antworten umhört. Nicht nur wollen einige Mitarbeiterinnen selber am Streik teilnehmen, auch die Dringlichkeit wird anders eingeschätzt. Die Rede ist etwa vom langen und beschwerlichen Weg, den Regisseurinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen nehmen müssten, davon, dass Frauen also immer etwas mehr leisten müssten, um an Jobs zu kommen, aber die meisten Führungspositionen im Theater immer noch von Männern besetzt seien.

Auch von sexistischen Sprüchen ist die Rede, von Regisseuren, die auf Oben-ohne-Szenen bestünden, vom Vorwurf, man sei prüde, wenn man das nicht wolle – Geschichten, die zeigen, dass der Frauenstreik vielleicht doch stärker ein Thema sein sollte.

Mit zu vielen Männern auf den grossen Bühnen beschäftigt sich auch das Openair St.Gallen, wie Nora Fuchs von der Festivalleitung sagt. «Gender Equality» sei gerade beim Booking ein omnipräsentes Thema. Das Openair versuche deshalb darauf zu achten, «mehr gender equal» zu buchen. Dass diesbezüglich aber noch ein langer Weg auf das Festival wartet, zeigen die aktuellen Zahlen: Gerade mal jede sechste Person auf der Bühne ist eine Frau.

Den Frauenstreik hält Fuchs für ein wichtiges Zeichen für die Anliegen der Frauen. Auch deshalb dürfen Mitarbeiterinnen vom Openair am Streik teilnehmen – ohne Konsequenzen.

Auch Mitarbeiterinnen der Stadt- und Kantonsbibliothek können am Streik teilnehmen, schreiben Johannes Reitze, Standortleiter der Hauptpost-Bibliothek und Kantonsbibliothekarin Sonia Abun-Nasr. Die Teilnahme geschehe jedoch in der Freizeit, Mitarbeitende müssten ihre Abwesenheit mit Gleitguthaben oder Ferientagen ausgleichen. Ab 15 Uhr arbeiten jedoch nur noch männliche Mitarbeiter im Publikumsdienst, womit zumindest die Teilnahme an der Demo möglich ist.

Streiken ohne Boss

In der Militärkantine beginnt der Frauenstreik schon früh, wie Anna Tayler erklärt. «Unsere Mitarbeiterinnen nehmen um 10 Uhr am Sternmarsch in die Stadt teil». Der Betrieb werde im Restaurant von den Männern weitergeführt. Zudem könnten sich Mitarbeitende eine Stunde als Arbeitszeit anrechnen lassen. Tayler räumt aber ein dass der Frauenstreik intern immer wieder diskutiert werde und sich nicht alle einig seien, ob es ihn denn wirklich braucht. Auch deshalb sei es wichtig, ihn zu thematisieren, auch wenn in der Militärkantine selber die Notwendigkeit für einen Streik nicht bestehe.

Auch dort, wo es traditionsgemäss keinen Chef und keine Chefin gibt und zum Einheitslohn gearbeitet wird, ist der Streik ein Thema. Das Kollektiv des Schwarzen Engels weist mit einem kämpferischen Flugblatt auf den Frauenstreik hin: «Der Schwarze Engel solidarisiert sich (…) mit dem weltweiten Kampf aller Frauen* gegen die Unterdrückung durch Patriarchat & Kapitalismus.» Dazu sammelt das Kollektiv Geld für das lokale Frauenstreik-Kollektiv. Alle Gäste bezahlen auf ihr erstes Getränk einen Franken drauf. Am Tag selber arbeiten zudem nur Männer hinter dem Tresen.

Gleich sieht es in der Grabenhalle aus, wo am Abend eine der zwei After-Partys zum Frauenstreik stattfindet. Arion Gastpar von der Grabenhalle organisiert zwar den Abend, sagt aber: «Wir schauen, dass wir die meisten Aufgaben wie etwa Barschichten oder das Aufräumen durch solidarische Männer decken können.» Die Grabenhalle solidarisiere sich grundsätzlich mit den Forderungen des Frauenstreiks. Gerade Themen wie sexualisierte Gewalt im Nachtleben, aber auch die strukturelle Nicht-Berücksichtigung weiblicher Künstlerinnen seien Themen, welche die Halle beschäftigen.

Streik im Care-Sektor

Andere Institutionen würden gerne mitstreiken, können aber nicht. Zumindest nicht alle. Christina Granwehr vom Alterszentrum am Schäflisberg schreibt im Newsletter, eigentlich sei die Idee gewesen, dass am Tag nur Männer arbeiten. Da das Pflegeteam jedoch aus gerade mal zwei Männern bestünde, sei dies nicht möglich. «Diese Tatsache belegt, dass unter anderem im Pflegebereich die Arbeit von Frauen unersetzlich ist.» Streikwillige Frauen könnten sich aber melden, um frühzeitig die Arbeitsplanung anpassen zu können.

Auch im Imbodehuus und Quimby Huus ist der Streik ein Thema. «Wir nehmen am Streik teil, weil Menschen mit Behinderung von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind», sagt Imbodehuus-Leiterin Cornelia Bärlocher. Es hätten sich bereits genügend Männer gemeldet, die den Dienst der Frauen in den Institutionen für sie übernehmen. Hinzu kommt, dass der Dachverband OVWB, dem das Imobodehuus angehört, seinen Angestellten die Arbeitszeit vergütet, wenn sie mit Klientinnen und Klienten am Streik teilnehmen. Es werden dies einige tun, wie Bärlocher sagt. Und das Transparent sei auch bereits gemalt, das an den Frauenstreik getragen werde.

Das Streik-Transpi des Imbodenhuus.

Ebenfalls einen hohen Frauenanteil hat das Kantonsspital. Mehr als 70 Prozent der rund 5800 Angestellten seien Frauen, sagt der Medienverantwortliche des Spitals, Philipp Lutz. «Allein schon deshalb steht das Kantonsspital St.Gallen dem Frauenstreiktag im Sinne eines Aktionstages sehr offen und wohlwollend gegenüber.» Aus der Belegschaft habe sich ein Aktionskomitee gebildet, dem ein Dutzend Ärztinnen angehört. Es sei jedoch für alle klar, dass die Sicherheit aller Patientinnen und Patienten gewährleistet und der Betrieb ohne Einschränkungen aufrecht erhalten werden müsse.

Lutz betont, dass es sich bei der vom Komitee geplanten Aktion nicht um einen Streik handle, sondern um einen «Aktionstag»: Interessierte treffen sich um 12.15 Uhr auf dem Parkplatz vor den Häusern 03/04 zu einer Art symbolischem Weckruf, der akustisch durch Handywecker erzeugt werden soll.

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