Chrigel Schläpfer, 11. Dezember 2013 um 12:45 Uhr Wölfe einbürgern statt Flüchtlinge? Rückmeldung auf Rolf Bossarts 'kontrovers'-Beitrag ... 'man hebt damit auch die alte Fortschrittserzählung von der Humanisierung der Welt durch Überwindung und Zähmung der Naturgewalten auf, die in unserer Kultur eng an die Figur des Wolfs gebunden ist' ... schreibt Rolf Bossart in seinem 'kontrovers'-Beitrag vom 4. Dezember Der letzte hiesige Wolf wurde 1695 zwischen Teufen und Speicher getötet. Vor 150 Jahren waren in der Schweiz als Folge und Nebenwirkung der 'Überwindung und Zähmung der Naturgewalten' alle Grossraubtiere sowie Bartgeier, Hirsch und Steinbock ausgerottet. Erst ein strengeres Jagdgesetz und visionäre NaturfreundInnen (bei Steinbock, Luchs und Bartgeier) ermöglichten, dass sich ausgerottetes wieder zögerlich ansiedelte. ... 'Wie wichtig für die Menschwerdung des Kindes in unseren Breitengraden diese (Fortschritts-)Erzählung (siehe oben) ist, geht schnell vergessen, wo man gewohnt ist, die Entfremdung vom Natürlichen als Wurzel allen Übels zu sehen' ... Wenn die Figur des Wolfs für die Menschwerdung heutiger Kinder so wichtig ist, wäre es sinnvoll, dies hier genauer zu erörtern, sonst bleib ich an der Rolle des Bösewichts in 'Rotkäppchen' hängen. ... 'Aber was soll der Wolf denn anderes sein als gefährlich? Er ist ja deswegen ein Wolf und kein Hündchen'... Aktuell werden in der Schweiz mehr Schafe von wildernden 'Hündchen' gerissen als von Wolf, Luchs und Bär zusammen. Für mehr als 90% der jährlich in der Schweiz auf Sömmerungsweiden sterbenden mehreren Tausend Schafen und Ziegen (Angaben Schweizer Tierschutz STS) sind Krankheiten, Verletzungen, Steinschlag und wildernde Hunde verantwortlich. ... 'Dazu gehört schliesslich die Erlaubnis, wildernde Wölfe zu schiessen' ... Der Begriff 'wildernder Wolf' ist für mich ähnlich verklärt wie für Rolf Bossart die im Buch «Zoopolis» geforderten Bürgerrechte für Tiere. Ein Wolf jagt. Bietet sich ihm die Gelegenheit dafür in einer unbeschützten Schafherde, agiert er in der Konditionierung, dass er er auch für sein (nicht immer vorhandenes) Rudel jagt. Dass TierbesitzerInnen, die trotz geleisteter und geeigneter Schutzmassnahmen mit Rissschäden konfrontiert sind, unterstützt werden müssen, ist klar. Verständlicherweise werden Grossraubtiere, die sich auf Nutztiere oder Abfall-Container spezialisieren, als Bedrohung wahrgenommen. Solche Einzeltiere mit offiziellem Auftrag zu töten, verschafft ihren KollegInnen, die sich auf Wild konzentrieren, mehr Akzeptanz. Einen grundsätzlich akzeptierenden Umgang mit Grossraubtieren seh ich für alle Betroffenen (Nutztiere, Wild, Raubtier, Mensch) als sinnvoll. - Die Mehrheit der aktuell in der Schweiz (alp-)gesömmerten Schafe sah in den letzten Jahren Hirt oder Besitzerin höchstens einmal wöchentlich (Angaben BLW, Bundesamt für Landwirtschaft). In solchen Herden hat ein Grossraubtier leichtes Spiel. In (täglich) behirteten Herden, allenfalls von Herdenschutzhunden unterstützt und Pferchen, gibt es bedeutend weniger leidende und sterbende Tiere durch Krankheit oder unerkannte Verletzungen. - Im Gegensatz zu menschlichen Jägern wählen Grossraubtiere nicht das kräftigste, gesundeste Tier mit dem attraktivsten Kopfschmuck, sondern das, das sie erwischen; darunter kranke, verletzte, alte, die einen harten Winter nicht überleben. - Wo das Schalenwild die Präsenz von Grossraubtieren realisiert, wechselt es häufig den Stand- und Äsungsort, Bissschäden an Jungpflanz(ung)en verteilen sich über grössere Gebiete und sorgen damit für gleichmässige Waldverjüngung. ... 'Das heisst, dass wir beharrlich und behutsam das Ziel der Humanisierung der Welt mit allen Problemen und moralischen Fragen, die sich dabei stellen, weiter verfolgen' ... Meine Interpretation einer Humanisierung der Welt schliesst die Einwanderung und die Präsenz von ein paar Handvoll Wölfen mit ein. Chrigel Schläpfer, Älpler u.a.