Woran soll man noch glauben?
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Blick in die Ausstellung «An die Kunst glauben» (Bild: pd/Stefan Rohner, Kunstmuseum Thurgau)
Es wäre ziemlich falsch zu sagen, dass es in der Kunstgeschichte an der Auseinandersetzung mit Religion oder, breiter gedacht, Spiritualität mangelte. Vielmehr ist es so, dass früher oder später beinahe jede:r Künstler:in an den Punkt kommt, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.
Caravaggio, der heilige Figuren als Menschen aus dem Alltag zeigte. Rembrandt mit seinen zahlreichen biblischen Szenen. Gauguin, der existenzielle Fragen in beinahe religiöser Bildsprache formulierte. Rothko mit seinen grossen Farbfeldern, die eigentlich meditative Räume eröffnen. Kippenberger, der einen Frosch kreuzigte. Oder die grosse Marina Abramović, die – das zeigte die Retrospektive im Kunsthaus Zürich sehr schön – sich in ihrem Werk immer stärker in Richtung Spiritualität entwickelte.
Das Verhältnis zwischen Kunst und Religion ist also eher kein Trendthema, sondern quasi Dauerbrenner im Programm. Trotzdem ist es natürlich interessant, dieses Verhältnis gerade jetzt genauer anzuschauen. In Zeiten, in denen sich viele fragen, woran sie eigentlich noch glauben sollen, kann ein Scheinwerfer auf zwei wirkmächtige Kräfte in diesem Feld nicht schaden.
Tatsächlich verbindet Kunst und Religion ja viel. Beide glauben an etwas, das noch nicht sichtbar ist. Die Religion an Transzendenz, Erlösung, Gott und das Jenseits. Und die Kunst an eine Idee, ein inneres Bild, aus dem Wirklichkeit werden kann. Identität, Macht, Ritual und gesellschaftlicher Wandel sind Themenfelder, in denen sich beide Disziplinen recht sicher fühlen. Die menschliche Sehnsucht nach Sinn ist noch so eine Verbindungslinie. Allerdings eine, an der sich dann schon auch die Unterschiede zeigen. Wo Religion Antworten geben will, stellt Kunst vor allem Fragen – oft ohne endgültige Antwort.
Wenn nun das Kunstmuseum Thurgau all diesen Fragen ausgerechnet an einem sehr spirituellen Ort wie der Kartause Ittingen nachgeht, dann ergibt sich daraus eine ganz eigene Spannung. Die Räume im oberen Keller und eine historische Mönchszelle hat Kuratorin Stefanie Hoch dafür freigeräumt und will mit Werken aus der Sammlung, aber auch mit Leihgaben zeigen, was die Gegenwartskunst zum Thema zu sagen hat, und gleichzeitig kritisch auf das Potenzial von Bildern schauen, Fakt und Fiktion verschmelzen zu lassen.
Man könnte sagen, das sind im Grunde zwei Ausstellungsgedanken in einer Ausstellung. Eine gewisse Überforderung wohnt dem Projekt also von Anfang an inne. Diese etwas unentschlossene Kippeligkeit prägt die Ausstellung «An die Kunst glauben» über weite Strecken. Das hat gute Momente, weil es die nervöse Weltlage gerade recht gut spiegelt. Das geht aber manchmal auf Kosten einer gewissen Stringenz, die man sonst von den Ausstellungen im Kunstmuseum Thurgau gewohnt ist.
Dass die Ausstellung trotzdem sehenswert ist, hat auch mit ein paar herausragenden Arbeiten zu tun. Judit Villigers Auseinandersetzung mit der Macht der Bilder am Beispiel eines ikonischen Porträts von Martin Luther zum Beispiel. Obwohl die Künstlerin Luthers Gesicht quasi aus dem Werk gelöscht hat, erkennt man die Person an Barett und Talar ohne Zweifel wieder.
Judit Villigers Porträt von Martin Luther in der Ausstellung (Bild: pd/Stefan Rohner, Kunstmuseum Thurgau)
Reformationsgeschichte, Bildersturm, kollektive Erinnerung – auf einen Blick sind viele Themenfelder eröffnet. «Villiger versetzt das Bild in einen Zustand der Schwebe: An der Stelle des Porträts öffnet sich ein Raum der Projektion, in dem sich Geschichte, Zuschreibung und Erinnerung überlagern», heisst es in der Ausstellung dazu. Und das trifft es ziemlich gut.
Dem ebenbürtig ist das Röntgenbild einer jahrhundertealten Madonnenstatue der St. Galler Künstlerin Marlies Pekarek. Es legt die Insignien der Macht offen, durchleuchtet im wörtlichen wie übertragenen Sinn, wie Glauben funktionieren kann, und zeigt, was heute vielfach an die Stelle von Religion und Kunst getreten ist – die Wissenschaft. Die vermeintlich klar, objektiv und unbestechlich zeigt, wie die Welt im Innersten wirklich zusammenhängt.
Das Trio der besonderen Werke in dieser Ausstellung wird durch Marina Abramovićs Cleaning the Mirror Nr. 1 komplettiert. Nicht nur, weil es vermutlich das bekannteste Werk in der Ausstellung und der gesamten Sammlung des Thurgauer Kunstmuseums ist, sondern auch, weil die Arbeit Vertiefung, Spiritualität und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Menschsein liefert. Auf fünf aufeinander gestapelten Fernsehern sieht man Szenen von Abramović dreistündiger Performance Cleaning the Mirror, die die Künstlerin 1995 an der Oxford University unter Ausschluss der Öffentlichkeit inszenierte.
Betrachter:innen sehen, wie die Künstlerin mit Bürste und Seifenwasser ein menschliches Skelett reinigt; auf je einem Monitor sind der Kopf, der Hals, die Brust, das Becken und die Füsse zu sehen. Abramović nähert sich mit dieser Performance dem Tabuthema Tod. Der Titel der Performance geht auf eine Metapher des Zen-Buddhismus zurück. «Cleaning the Mirror», übersetzt «Den Spiegel reinigen», bedeutet, den Geist zu leeren und zu ungetrübter Erkenntnis zu gelangen, dem Tod schliesslich ohne Vorurteile gegenübertreten zu können.
Das Kunstmuseum Thurgau hatte die Arbeit nach der Einzelausstellung von Marina Abramović im Jahr 1995 für die Sammlung angekauft. Ähnliche Performances hat Abramović auch später im Kontext der Balkankriege aufgeführt. Dort wird sie allerdings expliziter, weil sie die Knochen von Blut reinigte.
Abramovics Arbeit ist der dunkelste Teil der jetzigen Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau. Humorvoller geht es in den Arbeiten von Martyna Marciniak und dem bündnerischen Künstlerduo Gerber/Bardill zu. Während die polnische Videokünstlerin ein Deepfake des früheren Papstes Benedikt in einem stylischen, weissen Rappermantel seziert, zeigen Gabriela Gerber und Lukas Bardill eine grossflächige Videoprojektion, die sich mit historischer Ofenmalerei beschäftigt.
Filmstill aus Martyna Marciniaks Anatomy of Non-Fact, Chapter 1: AI Hyperrealism (2023) (Bild: pd/Martyna Marciniak)
Sie erwecken die Bilder auf den Kacheln zu neuem Leben und erinnern dabei an die Macht der Fantasie. Die Sinnbilder, die oftmals Tugenden, Allegorien oder Embleme darstellen und so schmücken, unterhalten und belehren sollten, werden mit Augenzwinkern in die heutige Zeit überführt. Wer hier eine Referenz an die Meme-Kultur des Internets erkennt, dürfte nicht ganz falsch liegen.
Viele der Bildchen liessen sich jedenfalls problemlos posten und würden vermutlich ihren Effekt in den sozialen Medien erzielen. Mit feinem Humor und Gespür für Ironie transformieren die beiden Künstler:innen die oft so bieder wirkenden Kacheln in die Gegenwart. Dafür ist der Bezug zum eigentlichen Ausstellungsthema eher marginal.
Erwähnenswert und verdienstvoll in der Ausstellung ist noch die posthume Entdeckung der Thurgauer Künstlerin Regula Baudenbacher. Ihre abstrakten Bilder und Objekte wirken wie ein Ruhepol in der sonst etwas rastlosen Schau. Diese Gelassenheit lebte die 2016 gestorbene Künstlerin vor: «Wir sind Reisende, Gäste auf dieser Erde. Wir kommen, wir gehen», notierte sie zu ihrer Arbeit.
Trotz einzelner guter Momente – am Ende verlässt man die Ausstellung etwas unbefriedigt. Das liegt weniger an den einzelnen Arbeiten, sondern eher an dem Grundgefühl, das die Ausstellung ausstrahlt – irgendwie unfertig zu sein. Oder zumindest nicht ganz zu Ende gedacht wurde. Vieles wird angetippt, aber eine vertiefte, konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema bietet die Ausstellung kaum. Wer nach Halt sucht, wird hier nicht fündig. Vielleicht ist das aber auch der kuratorische Kommentar zur Lage – ein Museum ist ja keine Kirche. Und eine Ausstellung kann Besucher:innen nicht sagen, woran sie glauben sollen. Insofern spiegelt die Ausstellung konsequent den rastlosen Geist unserer Zeit wieder.
Wenn dies tatsächlich das kuratorische Ziel gewesen sein sollte, und sich dahinter ein subtiler Aufruf zur Rückbesinnung auf das Wesentliche versteckt, dann: Hut ab. Das ist perfekt aufgegangen.
(Dieser Text erschien am 19. Mai bei Thurgau Kultur.)
«An die Kunst glauben»: bis 6. September, Kunstmuseum Thurgau, Warth.
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