, 24. März 2021
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Wortlaut digital (III): Werner Rohners Aufbrüche

Drei Frauen, drei Aufbrüche: Davon schreibt Werner Rohner in seinem zweiten Roman «Was möglich ist». Der Autor ist dieses Wochenende zu Gast am digitalen St.Galler Literaturfestival Wortlaut. Von Gallus Frei-Tomic

Werner Rohner. (Bild: Christoph Oeschg)

Was möglich ist lotet aus. Werner Rohner beweist sich als Seismograph. In seinem Roman erzählt er drei Geschichten von Frauen und Männern, die in ihren Beziehungen über die Grenze, über die Konvention, über die Vernunft hinausgehen in unbekanntes Terrain. Dabei geht es Werner Rohner nicht um die Frage, ob der Schritt glückt, nicht einmal darum, ob er nachvollziehbar ist. Er begibt sich ganz nah an sein Personal, spürt ihnen nach, dem Mut, der Hoffnung, der Verzweiflung, dem Zweifel.

Neue Existenz auf Zeit

Edith ist über 60 und arbeitet eine Ewigkeit im selben Café. Dort sitzen Menschen und erzählen ihre Geschichten. Einer davon ist Christoph, jünger als sie, Bademeister. Christoph versuchte einer leblos im Wasser treibenden Frau das Leben in den Brustkorb zurückzupumpen. Es sollte nicht sein. Die Frau blieb liegen. Aber nicht nur auf dem Betonboden der Badeanstalt, sondern auch in den Bildern in Christophs Kopf.

Edith, eine Frau mit feinem Gespür, kommt Christoph näher. So nah, dass das Zusammensein mit dem Mann Türen wieder aufreisst, von denen Edith glaubte, sie hätten sich für den Rest ihres Lebens geschlossen. Christoph gibt ihr zurück, was sie aufgeben hatte, obwohl da vor Jahrzehnten einmal eine Familie war.

Werner Rohner: Was möglich ist, Roman, Lenos Verlag Basel 2020, Fr. 32.-

Ein Gespräch mit Werner Rohner und der St.Galler Autorin Laura Vogt findet im Rahmen des Wortlaut-Festivals gefilmt statt: Sonntag, 28. März, 15 Uhr.

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Chris und Edith fahren weg, in ihrem alten Saab über Spanien bis nach Marokko, wo Chris mit Ediths Erspartem ein Haus in einem kleinen Dorf gekauft hat. Eine neue Existenz, ein neues Leben. Was sich für beide paradiesisch anfühlt, entpuppt sich aber doch als Fata Morgana, zumindest für Edith, die das neue Leben zwar geniesst, ihre Rolle als Geliebte, Hausbesitzerin und Gastgeberin. Aber Edith fährt zurück, zurück in ihr altes Leben.

Bröckelnde Versprechen

Vera ist schwanger. Eingeladen an einen Kongress in New York, nimmt sie ihre Freundin Nathalie mit. Nathalie hat zwei Kinder, die sie für die paar Tage bei ihrem Mann zurücklässt, und Vera einen Ehemann, der nicht verstehen kann, dass sich Vera schwanger in ein Flugzeug setzt. Was aus der Ferne wie eine Geschäftsreise aussehen soll, ist aber schon bei den Vorbereitungen zur Reise und im Flugzeug erst recht ein Versprechen für viel mehr.

Vera und Nathalies Freundschaft ist Leidenschaft. Vera fühlt, dass zusammen mit ihrer Freundin etwas aufbricht, das bisher nur schlummerte. In der monumentalen Stadt auf der anderen Seite des Ozeans beginnt eine wilde Affäre, die im Rausch alles auszublenden vermag, lässt ein Leben aufkeimen, das sich aber mit dem Flugzeug zurück nicht ins alte Leben zurücktransportierten lässt. Die Versprechen bröckeln.

Bloss ein Zimmer

Michael ist Schriftsteller. Sein Freund Lorenz bittet ihn, seine Frau Lena, die ohne ihre Kinder mit einem Mal, wie aus dem Nichts, nach Neapel abgehauen ist, zur Rückkehr zu bewegen. Mit einem Typen. Lena und Michael kennen sich schon lange. Und weil Michaels Schreibe ins Stocken geraten ist, fährt er in die Stadt am Vulkan.

Weiter im digitalen Programm des Wortlaut-Festivals vom 25. bis 28. März: Richard Butz, Nicolas Mahler/Jaroslav Rudis, Simone Baumann und Thomas Ott, Maya Olah, Hildegard E.Keller, das «Leerbuch» des Museums of Emptiness und der Gassenhauer von Saiten mit Marcus Schäfer und Diana Dengler.

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Lena zu finden ist nicht schwierig. Sie versteckt sich nicht, auch nicht den Mann mit Bauch an ihrer Seite. Auch der ist eine alte Geschichte. Michael wird zu einem Verbindungsmann. Lena ist ausgebrochen, in der Schwebe. Sie weiss genau, dassdas Angefangene in Neapel keine Dauer hat und das Alte zuhause so keine Zukunft. Michael bietet ihr und ihren beiden Kindern eine vorübergehende Bleibe in seiner Wohnung an. Bloss ein Zimmer, aber immerhin. Und mit einem Mal steht Michael mittendrin.

Rohners Roman porträtiert drei Frauen, die es wagen, alles aufzugeben, allen Sicherheiten zu entsagen, die einen Neuanfang provozieren, ausreissen und abreissen lassen. In Sachen Ausbruch, sagt Rohner, «fehlt es an Vorbildern, im Gegensatz zu Magengeschwüren oder Burnouts. Es fehlt an Geschichten, die anders erzählt, anders gewertet und verstanden werden». Rohner, Jahrgang 1975, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Sein erster Roman Das Ende der Schonzeit erschien 2014.

Die drei Geschichten sind nicht nur thematisch miteinander verbunden. Sie spiegeln sich ineinander. Und sie treffen sich sogar ganz kurz im Café, in dem Edith während Jahrzehnten servierte. Aber die Geschichten spiegeln sich auch in allen, die sich auf diesen äusserst gelungenen Roman einlassen. Denn diesen einen Schritt, zumindest die Möglichkeit, den Gedanken darum, den Traum, die Idee tragen wohl die meisten mit sich herum. Dass Rohner daraus kein abgehobenes Abenteuer macht, ist die grosse Qualität dieses Romans.

Dieser Beitrag erscheint auch im Aprilheft von Saiten.

 

 

 

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