Ein göttlicher Lockenkopf steht auf dem Fensterbrett, durch die Scheibe glänzt ein Auto. Der Gott ist ein billiges, auf einem Flohmarkt in Rom erworbenes Duplikat der berühmten Darstellung des Laokoon im Todeskampf – jener Skulpturengruppe, die in der Renaissance das Interesse an der Antike befeuert hatte wie 400 Jahre später auch den Renaissance-Forscher Aby Warburg.
Die Antike drinnen und die Gegenwart draussen im Dialog – das passt bestens zur Ausstellung «Lift-Off» in der Vadiana.
Der Lift ist dabei wörtlich zu nehmen: Der schwarze eingekleidete, baustellenartige Kubus in der Saalmitte simuliert den wirklichen Lift, der zur Atelierwohnung in der Via dei Latini 18 in Rom führt. Peter Kamm hat ihn in jenem Atelier-Sommer 2016 benutzt und phasenweise zum Warburg’schen «Bilder-Fahrzeug» umfunktioniert.
Hier in der Ausstellung ist der Lift tatsächlich «off» – dafür gefüllt mit Bildzitaten, Zeichnungen und Collagen des «Funky Bunch», jener Gruppe von Künstler-Kolleginnen und -Kollegen, die sich wie Kamm die Erforschung und Neu-Inszenierung des Werks von Aby Warburg zum Ziel gesetzt haben.
Der Ausstellungsraum in der Vadiana (Bild: Ilija Lazarević)
Aby Warburg (1866 – 1929) war ein begnadeter Bildersammler und -Entzifferer. Als Hamburger Bankierssohn hatte er die Mittel dazu, als Kunstgeschichtler mit interdisziplinärer Neugier wurde er zu einem der Begründer der Kulturwissenschaften. Warburgs Mnemosyne, sein überquellender und zu gewaltigen Bildtafeln zusammengesetzter Bilder-Atlas von der Antike bis zur Renaissance, war bereits zweimal in St.Gallen zu sehen: 2013 und 2016 im inzwischen nicht mehr existierenden Kulturraum am Klosterplatz.
«Lift-Off»: Ausstellungssaal der Vadiana, Notkerstrasse 22, bis 10. November, Do/Fr 9-11 Uhr, Sa 11-16 Uhr, mit Arbeiten von Robert Ohrt, Aneta Corović, Anna Gröger, Marcel Hüppauff, Christian Rothmaler, Felix Boekamp und Ilija Lazarević. Katalog im Harpune Verlag Wien
Fragmente und Collagen
Fragmentarisch wie der Atlas selber (bedingt durch Warburgs frühen Tod) sind jetzt auch die Bilder, Installationen und Vitrinen im Ausstellungssaal der Kantonsbibliothek. Sie bündeln sich zu Themenkreisen, etwa «Schlangen» oder «Masken», die Warburg beschäftigt hatten. Felix Boekamp und Ilija Lazarević denken in akkurat geklebten Collagen Warburgs assoziatives Motivdenken weiter. Von Roberto Ohrt, dem Kopf der Warburg-Rekonstruktionsforschung des Hamburger Salons 8, gibt es Postkarten zu sehen, von Peter Kamm selber Maskensteine und Zeichnungen.
Vertiefung bietet die im Harpune-Verlag erschienene Publikation. Ihr Cover trägt einen Aufkleber «occupato» – es lässt sich aber wie Lifttüren öffnen und gibt den Blick auf zwei Broschüren frei. Die eine versammelt Fotografien des Lifts, die andere gibt unter dem Titel «Mit Kamm in Rom» Auskunft über die Recherchen des Künstlers im Rahmen seines Rom-Aufenthalts.
Warburg, der 1928/29 in Rom gelebt und für seinen Bilderatlas geforscht hatte, diente Kamm und seinen Freunden dabei als «Wünschelrute und Trüffelhund», schreibt Ursula Badrutt im Begleittext zur Publikation. Die Wege führen in Roms Museen, in den Vatikan, in Parks, zu Strassen und Plätzen, wo die antiken Fundstücke allgegenwärtig sind. Dazwischen mischen sich fotografische Schnappschüsse des urbanen Alltags.
Rom streichen, Rom retten…
Peter Kamm hat von seinem Rom-Aufenthalt reiche «Bilder-Fahrzeuge» nach Hause gebracht, wie die nur noch diese Woche zu sehende Ausstellung und das Buch belegen. Dabei war das Stipendium noch vor kurzem auf der Kippe gestanden.
2013 hatte der Kantonsrat die Beiträge an die Wohnung im Rahmen eines umfassenden Sparprogramms gestrichen. Daraufhin gründeten drei Kulturliebhaber den Verein «Freunde Kulturwohnung Rom» und übernahmen vorübergehend die Mietkosten. Diese private Zwischenfinanzierung läuft Ende 2018 aus. Das Amt für Kultur musste daher eine neue Lösung suchen und fand sie in einer überkantonalen Kooperation. Die Wohnung im Römer San Lorenzo-Quartier wird in einem zweijährigen Turnus gemeinsam mit Graubünden und dem Fürstentum Liechtenstein ausgeschrieben; im Gegenzug können sich St.Gallerinnen und St.Galler neu auch für ein von Liechtenstein finanziertes Berlin-Stipendium bewerben, mehr dazu hier.
«Suisse Orientale 1431»: Ausstellung zum Paris-Stipendium der visarte, bis 23. November, Nextex St.Gallen. Podiumsdiskussion: Do 8. November 19.30 Uhr
Wie andere Kunstschaffende von ihrem Auslandaufenthalt profitieren – nicht von Rom oder Berlin, aber von Paris -, zeigt zufällig zeitgleich der Ausstellungraum Nextex im Kulturkonsulat. Dort findet heute abend zudem eine Diskussion über Wert und Nutzen solcher Artist-in-Residence-Förderung statt.
Aby Warburg - nie gehört? Die Bildungslücke lässt sich jetzt in St.Gallen schliessen. Wer sich die Zeit dafür nimmt, gerät in einen umwerfenden Bilder- und Bildungsstrudel.
Fünfzigtausend Franken im Jahr kostet den Kanton St.Gallen das Atelier in Rom. Jetzt soll es weggespart werden. Visarte wehrt sich.
Das Römer Atelier des Kantons ist vorläufig gerettet, mit Geld einer Stiftung.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.