, 10. Juli 2019
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«Unfertig» nennt Albert Oehlen seine Ausstellung in der St.Galler Lokremise. Der in Gais lebende deutsche Künstler nutzt das Heimspiel für eine gewagte Auslegeordnung mit Unterhaltungswert und Blicken zurück zu den Wurzeln. von Karin Karinna Bühler

Selbstbildnis im Badezimmer. (Bilder: Stefan Rohner)

Albert Oehlen eröffnet sein Panoptikum mit drei Malereien aus dem Jahr 1985: ein blaues, rotes und gelbes Bild, wobei das dritte der Reihe nicht für die Ausstellung zur Verfügung stand und der Künstler dieses kurzerhand neu malte.

Hairdresser Underground, Rote Lunge, Ohne Titel.

Was einerseits als rebellische Attitüde gelesen werden kann, ist andrerseits auch als Akt der Versöhnung mit einer vergangenen Schaffensphase zu verstehen. Es liegt in der Natur eines Schaffensprozesses, dass experimentiert wird, Grenzen ausgelotet werden. Dabei werden auch Grenzen der eigenen Empfindsamkeit berührt, der Betroffenheit, Belanglosigkeit oder auch Peinlichkeit. Durch Nachahmung des fehlenden gelben Bildes wird in Kombination mit der zeitlichen Distanz dazu eine Annäherung an Unbequemes möglich.

Oehlens Arbeitsweise, die mit dem Unerwarteten spielt, auch mit dem, was sich nicht gehört, ist Programm. Dieses Unbequeme zieht sich durch die Schau, irritiert und fasziniert gleichermassen.

Albert Oehlen: Unfertig, bis 10. November, Lokremise St.Gallen

kunstmuseumsg.ch

Publikationen zu Albert Oehlen: bis 27. Juli, Atelierhaus Birli Wald AR

schlesingerstiftung.ch

Grosse Bilder malen

Ende der 70er-Jahre, als Oehlen anfing, Kunst zu machen, waren Maler die grössten Deppen. (So gelesen in einem Artikel der Wochenzeitung «Die Welt».) Abstrakte Malerei war erledigt, abgehakt, aber für Albert Oehlen war das nicht Grund genug, sich nicht mit Malerei zu beschäftigen. Der Künstler folgte der bestechenden Aufforderung eines flüchtigen Bekannten: «Albert, du solltest mal grosse Bilder malen.»

Diese Aufforderung, sozusagen ein Auftrag in Form einer gestellten Aufgabe, war für ihn ein radikales Programm. Er beschaffte sich Leinwand und kaufte ein paar Farbtöpfe. Damit setzte er den Anfang einer ernsthaften, von Ironie und Schalk geprägten Malerkarriere, deren Früchte sich in der Lokremise ausbreiten.

Vins und Mel, Inkjet-Prints.

Der weitere Gang durch die Ausstellung ist erst einmal verstellt durch zwei riesige Prints. Die beiden am Computer entworfenen Sujets wurden auf halbtransparentes Trägermaterial (5m x 6m) gedruckt und 2014 in Metallrahmen im Aussenraum präsentiert. Hier in der LOK fügen sich die Masse von Vins und Mel in den vorgegebenen Raum, als wären die Werke für den Ort konzipiert worden. Die Paneele heissen einen willkommen und machen neugierig auf das, was sich dahinter auftut.

Im schrägen Winkel unterteilt eine eingebaute Wand den Hauptraum. Grossformatige Werke werden unprätentiös aneinandergereiht. Öl-Malereien aus den 80er Jahren werden neben aktuelle Arbeiten gestellt. Alle sind relativ tief gehängt, so dass eine schöne Direktheit geschaffen wird. Beglückend erscheint eine beinahe drei Meter breite Papierarbeit mit nicht entzifferbaren Zeichen aus Tusche und Kohle.

Ausstellungsansicht mit Bäumen.

Drei Öl-Malereien auf Dibond aus der Baum-Serie korrespondieren mit Lob, dem in einen Baumstamm gepflanzten Bäumlein. Das Farbfeldbild Tod beim Aufräumen taucht als einziges Bild aus den 90er Jahren in der heterogenen Aneinanderreihung auf. Kleinere Formate, vorwiegend Zeichnungen oder Collagen auf Papier, finden sich auf den schmalen Wänden zwischen den Remise-Fenstern.

Ernsthaft unbekümmert

Als überraschendes Zückerchen gibt es quasi Backstage ein aus der Erinnerung nachgebautes Badezimmer der frühen 80er Jahre zu entdecken. Das Selbstbildnis Ohne Titel ist räumlich in die Szenerie eingebettet.

Das ausgehängte Tuttifrutti fächert den über Jahrzehnte entwickelten Bildkosmos auf. Das ernsthaft Unbekümmerte, das dem Künstler gelungen ist in die Gegenwart mitzunehmen, ist dabei das Wohltuende.

«Unfertig» ist eine Schau, die mit einer Fülle von gegen hundert Publikationen und einer beeindruckenden Plakatsammlung im Stipendiatenhaus Birli in Wald AR ergänzt wird. Man ist gut bedient.

Karin Karinna Bühler hat 2015 mit Albert Oehlen das Gespräch «Albert, wann stirbt die Malerei?» geführt und als Publikation herausgegeben. karinna.ch, talk-talk-talk.ch

 

 

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