Sie hatte eine spitze Zunge: das ideale «Werkzeug» für eine Kolumnistin. Und so kriegt der Chefredaktor der Zeitschrift «La Nota» erstmal eine ordentliche Schimpftirade und «den wütendsten aller Blicke» ab. Grund für den Zornesausbruch: Er hat sie gefragt, ob sie in der Zeitschrift eine Kolumne mit dem Titel «Für die Frau» übernehmen wolle.
Ihr kämen dabei zwar allerhand «ehrenwerte Rubriken» in den Sinn, von «Plaudereien unter Frauen» bis zu «Feminin», Rubriken, «die man der Freundin anvertraut, mit der man nichts Rechtes anzufangen weiss», frotzelt sie. Chefredaktor Emin Arslan kann sie schliesslich doch überreden – und in ihrer ersten Kolumne steht prompt die Schimpftirade auf die Kolumne, im Original betitelt «Feminidades».
Scharfe Sozialkritik
Die Autorin mit der spitzen Zunge ist Alfonsina Storni. Zwischen 1919 und 1921 schreibt sie ihre Kolumnen in den argentinischen Publikationen «La Nota» und «La Nacion», jeweils auf deren Frauenseiten und zu Frauenthemen, umgeben von Werbung, Kochrezepten und Kosmetiktipps – mit scharfem sozialkritischem und feministischem Blick.
In «La Nacion» versammelt Storni eine Art Berufsporträts; Handpflegerinnen, Landarbeiterinnen, «Das perfekte Bürofräulein», die Ärztin, die Emigrantin, die Heiratswillige oder «Heldinnen» aller Art kommen vor und werden teils scharfzüngig, teils liebevoll geschildert. In «La Nota» sind es Alltagsbeobachtungen und -reflexionen – Storni erzählt, warum sie sich in der Strassenbahn grundsätzlich nicht von netten Herren zum Sitzen nötigen lässt, zeichnet ein illusionsloses Bild der Ehe und der Feindseligkeit, die unter Verheirateten herrscht, schreibt über junge Verliebte oder die schwierige Kunst des Sterbens.
Alfonsina Storni. (Bild: pd)
Unter dem Titel Chicas hat die St.Galler Germanistin und Hispanistin Hildegard Elisabeth Keller Alfonsina Stornis Kolumnen ins Deutsche übersetzt und mit einordnenden Kommentaren herausgebracht, als einen von vier Bänden ihrer neuen Werkausgabe.
«Sie hat einen grandios schrägen und schwarzen Humor und eine Gewitztheit, die erfrischt, aber das Lachen, auch das sarkastische, muss ihr öfters vergangen sein, als sie gezeigt hat», schreibt die Herausgeberin im Nachwort. «Das alte Spiel von Mann und Frau, das sie völlig überkommen fand, machte sie müde, und doch kämpfte sie weiter, mit ihren Mitteln, dem Wort, dem Einfall, dem Sprachspiel.»
Ein Leben mit Brüchen
Heftig wie ihre Texte war auch das Leben der Dichterin. 1892 im Tessin geboren und vierjährig mit der Familie nach Argentinien gelangt, zieht sie mit 15 Jahren als Schauspielerin durchs Land, unterrichtet als Lehrerin, bringt einen Sohn zur Welt, publiziert diverse Bände mit Lyrik, daneben Kolumnen und Theaterstücke. 1935 erhält sie die Diagnose Brustkrebs. In kurzer Zeit verliert sie mehrere enge Freunde und Freundinnen durch Suizid und stürzt sich selber am 25. Oktober 1938 ins Meer.
Alfonsina Storni: Chicas, Cuca, Cardo, Cimbellina, übersetzt und herausgegeben von Hildegard E. Keller, Edition Maulhelden Bd. 3, 4, 7 und 8, je Fr. 29.80
Hildegard E. Keller: Wach auf / Frei sein, Biografie in zwei Bänden, je Fr. 29.80
alfonsinastorni.ch
hildegardkeller.ch
2013 hat Hildegard E. Keller eine inzwischen vergriffene Storni-Werkausgabe unter dem Titel Meine Seele hat kein Geschlecht herausgebracht. Im eigenen Verlag Maulhelden von Hildegard E. Keller und Christof Burkard gibt es seit 2020 eine neue Edition. Chicas, im Untertitel «Kleines für die Frau», ist dort erschienen, neben Geschichten (Cuca), Interviews und Briefen (Cardo), Theaterstücken (Cimbellina) und einer zweiteiligen Biographie der Dichterin.
Die Website alfonsinastorni.ch ist eine Fundgrube von Informationen und Originalbeiträgen (unter anderem Radioaufnahmen aus den 1930er-Jahren) rund um die Dichterin. Zu finden ist dort auch das Radiofeature «Auf alles gefasst sein», das Hildegard E. Keller 2010 für Radio SRF zu Alfonsina Storni gestaltet hat.
Dieser Beitrag erscheint im Januarheft von Saiten.
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