, 28. Oktober 2020
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Wursten mit Walser

Schlemmen in der Beiz ist momentan kaum angesagt. Umso mehr schmeckt das literarische Menü, das die neue «Edition Maulhelden» anrichtet. Heute Mittwoch servieren Hildegard Keller und Christof Burkard ihr Buch «Frisch auf den Tisch» im Raum für Literatur St.Gallen.

Dass Walter Benjamin brillant über Barockliteratur, über Pariser Passagen, Geschichte oder den städtischen Alltag schreiben konnte, ist bekannt. Hildegard Keller aber klärt uns auf, dass auch das Essen bei ihm ein Thema war. 1930 etwa schrieb er in Zeitungsbeiträgen über Feigen, Café crème, Stockfisch, Borschtsch oder Maulbeer-Omelette, berichtete von den «ebenen Strassen des Appetits», aber auch vom «Urwald des Frasses».

Passend zur überraschenden Lese-Entdeckung ist Christof Burkards Rezept im Buch: «Omelette surprise», ein in einen Tortenmantel eingebackener Glacé-Block, zum Backen vermutlich ähnlich anspruchsvoll wie die Benjamin-Lektüre.

Maulhelden unter sich

Dieses und zehn weitere kulinarisch-literarische Porträts versammelt das Buch Frisch auf den Tisch, das Keller und Burkart in ihrem eigenen Maulhelden-Verlag herausgegeben haben. Es ist eine Auswahl von Kolumnen, die über drei Jahre hinweg im (diesen Sommer eingestellten) «Literarischen Monat» erschienen sind, ergänzt um ein launiges Gespräch der beiden «Maulhelden».

Hildegard Keller und Christof Burkard. (Bild: pd)

Literatur packend zu vermitteln ist das Lieblingsgeschäft von Hildegard Keller, der aus St.Gallen stammenden Uniprofessorin und Jurorin beim Bachmann-Preis – und das klappt besonders gut, wenn die Liebe über den Magen geht. Für letzteres ist ihr Mann Christof Burkard zuständig, laut Autorenzeile Jurist, Mediator und Kulinariker.

Kellers Devise: Wer mit Autorinnen und Autoren ins Gespräch komme, auch mit toten, sorge dafür, dass sie lebendig bleiben und nicht altern.

Klösse, Würste, Kapern…

Zum Beispiel Alfonsina Storni: Die argentinisch-tessinerische Autorin kommt im Buch mit einer ihrer Farcen zu Wort, in der sie eine Köchin über das Sterben sinnieren lässt – während das Stubenmädchen trocken sagt: «Mir ist ein Marmeladenbrot lieber.» Statt Marmelade oder eine Tessiner Polenta serviert Christof Burkard dann aber eine Eigenkreation, «Malfatti» genannte Ricottaklösschen.

Hildegard Keller, Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden Zürich 2020, Fr. 28.90

maulhelden.ch

Oder Robert Walser: Vom unermüdlichen Spaziergänger und grossen Esser Walser zitiert Hildegard Keller aus dem Prosastück Die Wurst. Darin beschreibt Walser wortreich, welche Trauer über die Flüchtigkeit der Welt ihn packt, nachdem er die prächtige Wurst aufgegessen hat, dieses Wunderwerk mit seinen «entzückenden Speckmocken», dem «bestrickenden» Duft und dem appetitlichen Krachen beim Dreinbeissen.

Die Wurst als «Zipfel der Ewigkeit»: Auf diesen Text hin kann es an nichts anderes als ans Wursten gehen. Burkard liefert eine inspirierte Anleitung, samt dem nötigen Instrumentarium: Wurstfüllgerät, Schweinsdünndarm sowie Inhalt je nach Aktualität – für das Buch entstand unter anderem, gewürzt mit Schwarztee, Toastbrot und Whisky, eine Brexit-Wurst.

Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Hannah Arendt, Gottfried Keller oder Hildegard von Bingen sind weitere weltliterarische Stimmen, die Keller und Burkard «frisch auf den Tisch» bringen. Im abschliessenden Zwiegespräch verrät Burkard dann auch, wie man auf neue Rezepte kommt in einer Welt, in der vermeintlich alles schon fertig erfunden und gekocht ist.

Lesung Frisch auf den Tisch: Mittwoch, 28. Oktober, 19 Uhr, Raum für Literatur St.Gallen

gdsl.ch

Das Hinzufügen mache den Unterschied, betont Burkard, das Experimentieren mit ungewohnten Kombinationen, wie den Kapern, die er für Hannah Arendt mit Königberger Klopsen kombiniert. Und Spieltrieb brauche es auch zur Beschäftigung mit Literatur, ergänzt Hildegard Keller.

Das bestätigt sich zumindest in diesem Buch: Es eröffnet verspielte und erst noch schmackhafte neue Zugänge zu Küche und Lesesofa. Parallel dazu ist ein weiteres literarisches Porträt des Autorenduos erschienen: In Lydias Fest erzählt Hildegard Keller von einer Einladung, die Lydia Welti-Escher zum Geburtstag von Gottfried Keller in ihrer Villa Belvoir ausrichtet. Und Christof Burkard serviert dazu unter anderem Herdöpfelstock Belvoir.

 

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