, 11. April 2021
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YB vs. FCSG 2:0 – Eine Nummer zu gross

Noch am Mittwoch war es nicht so – heute aber schon: Die Young Boys sind besser als der FC St.Gallen. Das 2:0 im Wankdorf dokumentiert das durchaus gut. Für St.Gallen hat es trotz vieler Bemühungen einfach nicht gereicht.

Bild: SENF

YB – FCSG

Abpfiff – Der FCSG verliert vier Tage nach dem furiosen Cupmatch mit 0:2 in Bern. Die Niederlage geht in Ordnung, YB war besser. Wenngleich Adamu und Guillemenot in der zweiten Halbzeit zwei Hochkarätige Chancen vergaben. Weil Vaduz zu Hause mit 3:0 gegen Sion gewinnt, hat St.Gallen nur noch einen Punkt Vorsprung auf den Barrageplatz. Eine einigermassen besorgniserregende Erkenntnis. Am Mittwoch steht das Cupviertelfinal gegen GC an. Wir tickern natürlich live. Bis dann.

Minute 90+2 – M&M&M&M steht nach einem Eckball frei, vergibt aber freistehend. Das dürfte es gewesen sein.

Minute 90+1 – Es bleibt dabei: Die St.Galler geben sich und haben Mühe. Der Gegner, den sie vor wenigen Tagen noch hoch besiegt haben, ist heute schlicht eine Nummer zu gross. Uns passt das natürlich nicht.

Minute 89 – Der geschätzte Berner Apérogastgeber G.P. beklagt sich über Chancentod Fassnacht. Er beschreibt in nonchalant-lässiger Art und Weise ein Luxusproblem, das wir auch gern hätten. „Scheeeeisse, Vaduz füehrt drünull geg Sion“, sagt R.S. und holt uns alle auf den Boden der Tatsachen zurück.

Minute 86 – Jérémy, wach auf!“, ruft Görtler. Guillemenot verwirft die Hände. Im Gegensatz zum FCSG wissen es R.Z. und ich besser und geben uns der Niederlage hin wie wir uns den sonstigen, durchaus regelmässigen Enttäuschungen in unserem Leben hingeben: emotionslos, im Stillen aber erfreut und voller Leidenschaft. Görtler, der ehemalige FC-Bayern-Profi, hat den Ehrgeiz, den wir nicht haben.

„Achte Minute der YB-Viertelstunde“ oder für alle halbwegs normalen Menschen Minute 83 – Nsame trifft, fünf Meter vor dem Kasten. Der Torschützenkönig steht derart frei, dass unweigerlich die Frage nach einer Abseitsposition gestellt wird. Selbst Jaccottet blickt zum Linienrichter, doch steht wie angewurzelt da.

Minute 82 – „Mer fallt nüt meh ii zu dem Scheiss“, sagt R.S., der ja so zuversichtlich war. Ich als Pessimist bin gar nicht enttäuscht. Man muss sich das Leben doch so zurechtlegen, dass Enttäuschungen rar werden.

Minute 80 – „Dämfall scheidemer im Cup gege GC us und spieled no i de Barrage gäge Thun“, sagt Rasenmäher- und Dackelfreund T.A. aus Rebstein. Er ist gerade nicht zu optimistisch unterwegs, obwohl er immer gesagt hat, ihm gefalle ein erfolgloser FCSG besser als ein erfolgreicher, weil dies mehr dem Wesen des Vereins entspreche.

Minute 78 – Die Gassen Berns bieten einigen Menschen ein Zuhause. Würde hier kein Spiel laufen, könnte man sehr gut einen Exkurs über das Casa Marcello führen, über die Gassenarbeit, über die Menschen, die ihr Leben anderen Menschen widmen. Aber das ist hier jetzt die falsche Zeit und der falsche Ort.

Minute 74 – R.Z. nun schon seit einigen Minuten verschwunden. PC gewissenhaft am Strom angeschlossen, WhatsApp geöffnet in Erwartung einer baldigen Antwort. Mitten im Leben also. Im besten Sinne. Fürchte aber einen flüchtigen Augenblick, dass er nicht zurückkehrt, dass er einfach geht, sein altes Leben, den Abstiegskampf, all das zurücklässt. Und dann durch die Berner Gassen schlendert, irgendwo arbeitet, schwarz, unter der Hand bezahlt wird, manchmal Angst hat, erwischt zu werden, dieses Versteckspiel aber auch geniesst, alle zu narren, ein wenig auch sich selbst. Das stelle ich mir vor. Während St.Gallen den Ball hat, aber kaum Chancen.

Minute 73 – Tatsächlich sind es gegenwärtig nur noch drei Punkte Vorsprung auf den Barragerang von Vaduz. Abstiegskampf. Es geht wieder um etwas. Da isch üsen FCSG.

Minute 71 – „Eine vo dene muesch eifach mache“, sage ich bestürzt zu R.Z. Der antwortet: „I goh etz goh seiche, au da muesch mengisch eifach mache.“

Minute 70 – Mit M&Ms kann man mich jagen. Nicht jedoch mit MMMM, Miro Max Maria Muheim, dem gebürtigen Urner in Grün-Weiss.

Minute 68 – „Nocher sinds nu no drü Pünkt uf de Barrageplatz, cha da si?“, fragt ein sehr ernüchterter R.S., dessen Stimme noch tiefer geworden ist, als sie eh schon ist. Adamu vergibt eine grosse Chance, während R.S. die M&Ms aus dem Rucksack holt.

Minute 65 – Die Ecke bringt natürlich nichts ein. Warum machen wir uns auch immer noch Hoffnungen? Klar, jede Ecke ist eine potenzielle Torchance, aber so natürlich nicht. „So“ im Sinn von „wie immer“.

Minute 64 – Die bisher beste Chance für den FCSG. Versemmelt hat sie glaub Gillmöno.

Minute 62 – 1:0.

Minute 62 – „I bruuch ez en Sieg, i sägs der“, sagt R.S., gefolt von einem tiefen Seufzer, der so ziemlich alles bedeuten kann, was das Bedeutungsspektrum überhaupt hergibt. Will er die Welt auf den Kopf stellen? Versinkt er im Weltschmerz? Weiss er, dass es eh nicht dazu kommt? Braucht er den Sieg wirklich? Wozu braucht er den Sieg?

Minute 56 – P.Z. würde mir als Chef wohl ziemlich auf die Nerven gehen. Dennoch macht sich noch kein Verständnis für das YB-Forum breit, das in „Zeter Peidler“ und „Görtli“ regelmässig einen Trigger sieht.

Minute 55 – Es hat imfall immer noch kein Tor gegeben hier.

Minute 50 – Minus und Minus ergibt Plus. Das wussten schon die grossen Mathematiker. Und sie behalten Recht. Wenn R.Z. und R.S. tickern, zwei, die nicht in der Sonne baden, sondern im Selbstmitleid, dann müsste es doch ein bisschen düsterer sein. Ist es nicht. Wir sind unangenehm gutgelaunt. R.Z. sagt zu seiner und meiner Überraschung: „Guet gspielt.“ Vieles ist hier gut, zumindest ganz okay. Seltsam. Alles.

Minute 49 – Sandro Lauper summt «Boys they wanna have fun». Stillhart tut ihm den Gefallen nicht und stiehlt den Ball.

Minute 48 – Ein lautes „Naaaai!“ hallt durch das Stadion, das war doch kein Foul, meinen die St.Galler. War es aber, zumindest in der Ansicht des Schiedsrichters. P.Z. bereitet gleichzeitig die Einwechslung von Gillmöno vor.

Minute 47 – St.Gallen mit einem Annäherungsversuch, den Von Ballmoos aber einfach behändigt. Zeidler sagt „spiele“, YB hat eine Chance, aber so viel war das jetzt nicht.

16 Uhr 54 – A.B. fragt, ob es denn auch einmal eine gute Halbzeit gebe, wenn ich tickere. Gibt es nicht. Bin von A(.B.) bis (R.)Z(.) mies gelaunt, was auf das Spielfeld abfärbt.

ab(rs) + rz(rs) = Scheissspiel

16 Uhr 51 – 45 Minuten, die zu gut waren, um sich zu bemitleiden. Und zu schwach, um sich wirklich zu freuen. Im Grunde also so, wie die letzten zwölf Monate waren. Die Unentschlossenheit von Himmel und Hölle. Es obsiegt die Lethargie. Unschön. Jetzt Bier, Zigarette und die Expertise von R.Z. Es gibt noch Hoffnung.

Pause – Peter Zeidler dreht ein wenig enttäuscht ab, flucht irgendwie vor sich hin, weiss auch nicht so recht, ob er diese erste Hälfte jetzt gut finden soll oder nicht. Klar, kein Tor kassiert – aber auch keines geschossen und Goalie Zigi doch das eine oder andere mal beansprucht. YB hat mehr Aktionen, war öppe die mal gefährlich, aber sonst fehlt schon ein wenig die Rasse in diesem Gingg.

Minute 45 – „Es passiert scho überhaupt gar nüt“, sagt R.S., in seiner Stimme etwas Enttäuschung mitschwingen lassend. Es ist eine verständliche Enttäuschung, denn Spiele zwischen diesen beiden Mannschaften sind kaum so emotionslos wie hier in der ersten Hälfte.

Minute 44 – Übrigens, es hat noch kein reguläres Tor gegeben.

Minute 40 – Apropos abgründig: YB geht vermeintlich in Führung. Irgendeiner hat da irgendetwas gemacht. Jedenfalls ist der Ball im Tor. Und die Fahne oben. Wir halten derweil die Fahne hoch für unseriösen Journalismus. Fahnenflüchtige St.Galler übrigens auch auf dem Weg in die Ostschweiz um 19 Uhr. Mit einer Fahne, natürlich.

Minute 38 – Versuche krampfhaft, den Ticker mit Abgründigem zu würzen.

Minute 37 – Muheim mit einem vielversprechenden Ballgewinn. Vielversprechend deshalb, weil YB drauf und dran war, einen Angriff zu initiieren. Selbiges hat nun Muheim vor. Doch sein Zuspiel auf Görtler ist zu ungenau. Keine zehn Sekunden später erschöpft sich eine Offensivaktion der Berner mit einem misslungenen Aussenristpass von Spielmann. Die hieisige Sportjournaille schüttelt geschlossen den Kopf ob dem Gezeigten. R.Z. und ich auch, doch uns fallen freilich mehr Argumente ein als nur das Spiel.

Minute 36 – Duah mit einer Aktion der Marke „so schüüssisch doch ko Goal“.

Minute 33 – Wir sind umringt von Radiomenschen, die die Pflicht haben, das Geschehen auf dem Platz weiterzugeben. Und sind froh, diese Pflicht nicht zu haben.

Minute 31 – R.S. sitzt immer noch in einer wortlosen Position da, abgesehen vom „isch guet“, das mir bedeutet, dass auch ich wieder schreiben kann. Seine bisherige Emotionslosigkeit könnte verwirren, aber wahrscheinlich ist er mit den Gedanken noch bei den coolen jugendlichen BMXlern, die unser Apéro auf der Grossen Schanze begleitet haben. „I würd i die erst Stufe inerassle und zämesacke“, sagte er da, beeindruckt vom Jungen, der mit dem Velo eine Treppe hinaufgefahren ist.

Minute 26 – R.Z. nimmt erst einen Schluck mit der einen, dann einen Zug von der Zigi mit der anderen Hand. Kreuzt die Beine, blickt nach links, dann nach rechts, hält inne und beginnt nach einem bedeutungsschweren Seufzer davon zu erzählen, wie er einst den Berner Aussenverteidiger Maceiras zum Teufel wünschte. Während er erzählt und ich seinen Worten lausche, pariert Zigi einen Abschluss nach einem Corner. Das alles geschieht mit einer gewissen Gemächlichkeit, die ich noch nicht verorten kann. Ist es die Berner Langsamkeit, das Bier oder doch diese Gleichgültigkeitsattitüde, die mich seit einigen Jahren umgibt?

Minute 23 – Auf der Trainerposition sehen wir heute ein ungleiches Duell. Auf der einen Seite der sehr aktiv coachende P.Z., der sehr gern rumschreit und sehr gern auf französisch rumschreit; daneben G.S., der fast kein Wort von sich gibt und im Anzug und mit chicen weissen Sneakern vor sich hin tigert, während Lustenberger die gelbe Karte bekommt für ein rüdes Einsteigern gegen Adamu.

Minute 21 – So viel ist hier noch nicht passiert. YB-Fan und Gastgeber für den heutemittäglichen Apéro G.P. hat „ä wiude Mätch“ versprochen, das ist es bisher allerdings nicht. Wir finden das schade, denn ein wenig mehr Action würde diesem Spiel tatsächlich nicht schaden.

Minute 20 – Gelb für den Berner Siebesiech.

Minute 16 – Zesiger, der Berner Innenverteidiger, hat sich verirrt und taucht plötzlich im linken Couloir auf. Dort begegnet er Adamu und grätscht ihn um. Die handelsüblichen Diskussionen beginnen. Ein Kauderwelsch aus verschiedensten Sprachen. Obschon allerlei Protagonisten bei Jaccottet vorstellig werden, bleibt der Schiedsrichter bei seiner Entscheidung. Freistoss, mehr nicht.

Minute 14 – Kwadwo Duah ist in Bern aufgewachsen, genauer gesagt, im Berner Tscharnergut, ganz in der Nähe vom Ort, wo R.Z. mal gewohnt hat. Das ist nicht unbedingt das Viertel, das man ins Schaufenster stellen würde, aber er hat daran geglaubt und erfreut uns mit seinen Toren. Derweil hat Lukas Görtler einen Abschluss versucht, er streicht jedoch neben das Tor.

Minute 12 – YB lässt Ball und Gegner laufen. Sage ich gezeichnet von 20 Jahren Sportpanorama.

Minute 11 – Ich mag Stillhart. Mit seinem Laufschritt, der stetige Bereitschaft suggeriert. Überall sein zu wollen. Diese Reduktion auf die Schweizer Grundtugenden. Eigentlich nicht genügen zu können, es trotzdem zu versuchen. Mit dem Wissen, dass man scheitert wird. Und spieltäglich grüsst der Stellungsfehler. Und jetzt geht Stillhart gegen Siebatcheu in den Zweikampf, ist natürlich chancenlos. Denn Stillhart ist kleiner, schmächtiger. Er verliert das Duell, gibt ihm aber trotzdem einen mit. Hart sein, mit Stil.

Minute 7 – Während die Berner den ersten Corner dieses Spiels schiessen dürfen und die Ecke sogar noch von einem Sponsor präsentiert wird, ist R.S. immer noch recht in sich gekehrt. Die Emotionen schlummern in der Tiefe – zumindest jetzt noch.

Minute 5 – Was viele nicht wissen: Betim Fazlijis Bruder ist auch ein sehr guter Fussballspieler. Einmal erzielte er in einer 5.-Liga-Saison im Vieri des FC Rebstein in 18 Spielen 20 Tore – etwa 17 davon waren Freistösse, die er wie Penalties schiesst. So einen Standardschützen könnte der FCSG auch brauchen.

Minute 2 – R.Z. erkundigt sich nach meiner Begeisterung für die Graffitikunst in der helvetischen Hauptstadt. Ich nicke seinen Kommentar mit dem entwaffnenden Argument ab, dass mir dafür die Worte fehlen würden. R.Z., das war für mich immer das Fach „Räume und Zeiten“ in der Oberstufe. Zurück in die Zukunft.

Minute 1 – Diese Testspielatmosphäre ist doch langsam nicht mehr schön. Man schaut ein Spiel des Herzensvereins, aber hört Spieler und Trainer statt Fans. Kann es doch nicht sein. Anyway, das Spiel läuft.

15 Uhr 55 – R.S. hat sich auch zum Glücksbisi verzogen, während der Kunstrasen gewässert wird. R.S. ist ausserordentlich zuversichtlich, was mir als Pessimist gar nicht passt. Optimisten wissen gar nichts von den positiven Gefühlen, die wir Pessimisten ab und zu erleben.

15 Uhr 47 – R.Z. hat sich vor zehn Minuten verabschiedet. „Seiche und eis goh rauche“, erklärte er bestimmt. Weit ist er nicht gekommen. Er steht drei Meter neben mir und spricht mit einer Ostschweizer Lokaljournalistin. Ich unterstelle ihm mit dem Ärger des Enttäuschten das Formulieren von halbgaren Meinungen über den FCSG.

15 Uhr 40 – Irgendwo geit e Feldschlössli uf, viellech nume ganz e schmale Schpaut. „Irgendwo“ ist das Wankdorfstadion in Bern. R.Z. und meine Wenigkeit haben Bierdosen in den Innenraum geschmuggelt. Wir haben beide allmählich einen sitzen. R.Z. geht weiterhin von einer Klatsche aus. Ich sage derweil einen Auwärtssieg in Bern, den ersten seit 2004, voraus. Uns trennen acht Jahre, ein Bier und die Fähigkeit, die Dinge realistisch einzuschätzen.

15 Uhr 38 – Wir haben Platz genommen im Wankdorf, das ja seit einiger Zeit auch wieder so heisst. Weil die Regenwalze vom Westen her noch auf sich warten lässt, sind wir soweit zufrieden. Noch?

Das Spiel beginnt um 16 Uhr.
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