Es war das Jahr 2010, und ich hätte schwören können, dass ich nie wieder glücklich werde. Ich wusste gar nicht, wohin mit dem lächerlichen Berg an Nastüechli, die ich zerweinte. Was war das für ein Schmerz? Und warum war ich mir so sicher, dass er nie wieder weggehen würde? Was gerade mit meinen Gefühlen passierte und dass sie sich irgendwann erholen würden, wusste ich monatelang nicht. Glaubte ich ja auch keinem, so unverstanden wie ich mich fühlte. Er und ich, das war für immer! Also wirklich für immer! Wie konnte das vorbei sein! Ich war mir doch so, so sicher mit ihm!
Inmitten dieses Dramas sandte mir eine gute Freundin ein Lied zu. Es war qualvoll poppig, ganz im Kontrast zu meiner sonstigen Musiksammlung, die dominiert war von coolem Hipster-Indie und jaulendem Emo-Punk. Und doch: Dieses Lied war das einzige Stück Welt, in dem ich mich verstanden fühlte in meiner Misere. «And then you feel so low you can’t feel nothing at all / And you flashback to when he said forever and always», hiess es da, und ich dachte: Scheiss auf meine coolen Lieblingsgenres, für einmal hör ich Pop. Katastrophale Zustände erfordern katastrophale Massnahmen.
Die katastrophale Massnahme hiess Taylor Swift. 2010 begann die amerikanische Sängerin gerade, ihren weltweiten Erfolg aufzubauen; ich aber hatte keine Ahnung, wer sie war. Ich schmunzelte bloss darüber, dass sich meine mehrtägige Phase, in der ich mir ihren Pop antat, ausweitete. Erst in wenige Wochen und dann in ganze Monate – und ganze Alben. Hits wie Love Story und You Belong With Me wurden zu meinen liebsten Lieblingsliedern: Texte, in denen es darum ging, den Vater um die Hand seiner Tochter zu bitten oder die Rivalin für ihr schlampiges Outfit runterzumachen, kannte ich sowas von auswendig.
Dann kam der Feminismus. Zum Glück; er machte eigentlich alles besser in meinem Alltag, von meinen Artikeln über meinen Freundeskreis bis hin zu meinem Liebesleben. Alles. Was übrig blieb: Taylor Swifts Lieder. Die, im Gegensatz zu meinen Wertvorstellungen, mit der Zeit kaum reflektier er zu werden schienen. Taytay, wie sie ihre Fans nennen, sang weiterhin von Konkurrentinnen, die ihr Männer wegnahmen und – am allerliebsten! – davon, wie sie sich in Typen verknallt, die ihr eigentlich nicht guttun. Ja, Taylor Swifts Männertyp war eigentlich all das, was ich in meinem feministischen Werdegang zu vermeiden lernte – «and I’ll be smart to walk away, but you’re quicksand.»
Je mehr ich mich mit guten Männern umgab, desto lieber hörte ich Taytays Dramen über beschissene Männer zu. Und als ich irgendwann mehrheitlich Frauen datete, verloren Taytays Liebesgeschichten nicht an Reiz. Meine feministischen Freundinnen schüttelten den Kopf. Wenn ich ganz, ganz ehrlich war, verstand ich sie ja. Taytays Erfolg beruhte unter anderem darauf, dass sie weiss, dünn, blond und brav war. «I can make the bad guys good for a weekend», sang sie, während ich die good girls bad for a weekend machte.
Ich landete an einem Lager-Wochenende für Queers, also für Menschen, deren Identität so gar nicht in die Hetero-Norm passen wollte. Am ersten Abend stand Drag an, wildes Schminken und Verkleiden und Performen. Und zu meiner Freude lief da plötzlich – Taytays neues Album! «I got that red lip classic thing that you like / we never go out of style» sang sie und sangen wir, während Jungs auf High Heels stolzierten, Mädchen sich Schnäuze aufklebten und alle allen Lippenstift auf den Mund zauberten.
Es sollte ein Muster werden: Taylor Swift begegnete mir in meinem queeren Alltag, und wir modelten ihre Heteronormativität einfach um. An einem queeren Karaoke-Anlass sang ich mein altes Lieblingslied, Love Story, und nahm eine Änderung vor: Aus «You’ll be the prince and I’ll be the princess» machte ich «You’ll be the princess, I’ll be the princess».
Klar, Taylor Swift wird so hetero inszeniert, wies nur möglich ist, aber wenn ihre Musik Kunst ist – lag es dann nicht an uns, uns dieser Kunst anzunehmen und sie für uns zu interpretieren? Wenn Taylor Swift von Herzschmerz und Verliebtheit singt, wem gehören diese Gefühle dann? Taytay selbst oder einem Haufen tanzender Queers, die ganz andere Vorstellungen von Prinzen und Prinzessinnen haben?
Es gibt sie noch, die Momente, in denen ich ihr Recht gebe. In denen ich Zeilen wie «I knew you were trouble when I came in» fühle, als wären sie echt. Dann gilt es, festzulegen, wie weit ich Taylor Swift vertrauen darf: Ist es okay, bad boys zu besingen? Ja – aber das Glorifizieren von Arschlöchern, das verweigere ich konsequent. Es bleibt Taylor Swifts Aufgabe, kitschigen Pop zu produzieren; und meine Aufgabe, zu bestimmen, was dieser für mich bedeutet.
Seit unseren Anfängen vor neun Jahren musste ich – Holz alänge – nie wieder jenen Liebeskummer erleben, den ich damals dank Taytay durchstand. Aber ich habe seither auch gelernt, Pop zu geniessen, ohne mich für seinen Inhalt zu schämen. Stattdessen ergänze ich ihn mit meiner eigenen Realität – und mache, wenn es nötig ist, aus princes auch mal princesses.
Anna Rosenwasser, 1990, ist Journalistin und Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS). Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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