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Zämehebe, zämeschtoo

Alles bestens, 100 Jahre nach dem Landesstreik, oder gibt es auch heute Anlass zum Widerstand? In Bühler fragt das Theaterstück «Apéro riche» nach aktuellen Streikgründen. Und findet reichlich Stoff.
Von  Peter Surber
Wehrt euch: Die Frauen machen den Anfang. (Bilder: Tine Edel)

Nach Rebellion sehen die festlich gekleideten Leute erstmal nicht aus, die sich zu uns Zuschauern an die Bartische gesellen. Es soll ja auch jubiliert werden: 100 Jahre Landesstreik ist zu feiern, verkündet der Präsident in seiner Begrüssungsrede. Das Komitee für Regionale Kultur und Politik KRKP hat sich dazu als Höhepunkt einen Preis ausgedacht. Der Lokaljournalistin stösst das Ganze jedoch sauer auf, der Applaus kommt auch sonst eher gequält als begeistert, die Mutter zischt ihren Sohn zurecht, und schon nach wenigen Gläsern ist allerhand Geschirr zerbrochen.

Zum Glück nicht wörtlich – denn der Apéro riche findet in der riesigen Getränkehalle der Goba AG im ausserrhodischen Bühler statt. Glas gäbe es da genug, das bleibt heil, aber sonst nutzen Regisseurin Katja Langenbach und das Ensemble die grandiose Kulisse ideenreich: Der haushohe Gang zwischen den Harassen ermöglicht immer neue wirkungsvolle Auftritte. Der Hubwagen für Paletten taugt als Trotinett. Harasse bilden Treppen, werden zu Stuhl und Bank und Tisch. Und zuoberst auf dem Terrassenturm langweilen sich die Jugendlichen und hecken ihren Streich aus, der den Apéro am Ende vollends aus dem Ruder laufen lässt.

Alles in bester Ordnung?

Dabei stehe heutzutage doch alles zum Besten, beschwört Hobbyhistorikerin Ottiger in ihrer Festrede die Gäste. Anders als vor hundert Jahren, als die Linken zwar auch «dumme Ideen» hatten, aber doch noch vieles im Argen lag. Hier und heute hingegen: kein Grund mehr, auf die Strasse zu gehen, es herrscht Ruhe und Ordnung, wir haben alle Freiheiten, tausend Fernsehstationen, hundert Mineralwassersorten… Kurzum: Wer es nicht recht hat, ist selber schuld.

Dass auch bei der Referentin, hauptberuflich Zahnärztin mit eher schlecht als recht laufender Praxis, nicht alles rund läuft, kommt nach und nach im Stück aus. Und vieles mehr: Die Alte sinniert über Demenz und und findet: «mer lebed zlang». Der Dorfschreiner trauert noch immer seiner Jugendliebe nach; diese ist nach Zürich abgehauen, wird als Grossstadt-Tussi aber auch nicht glücklich. Rosi, die Weitgereiste mit dem Cowboyhut und -herz, findet zurück in der Heimat bloss Enge und Sozialdruck. Johanna, die Hausfrau, hat genug vom ewigen Sorgen und Zuelose und findet: «Etz bin endlich i emol draa». Aber für mehr als für den Jakobsweg oder das Berner Oberland reicht der Mut dann doch nicht.

Das Komitee der Vereinsmeier

«Zämehebe, zämeschtoo» deklamiert dazwischen der Komiteevorstand im Chor – während es mit dem «Zämehalt» längst nicht mehr weit her ist. Den Präsidenten hat seine Frau verlassen, jetzt streiken die Töchter beim Essen, und irgendwann hockt auch die Lokaljournalistin nicht mehr aufs Maul und macht publik, dass er es war, der sie fristlos entlassen hat wegen einer männerkritischen MeToo-Kolumne.

In einem der witzigsten Bilder stülpen sich die Vereinsmeier einen mit Petflaschen behängten Harass über den Kopf und verwandeln sich in Silvesterchläuse. «Zämehebe, zämeschtoo» zauren sie, und die Flaschen scheppern so passend erbärmlich dazu, wie es um den Frieden im Dorf steht. Als dann auch noch der grösste Sohn des Dorfs, Oberstdivisionär Emil Sonderegger, der 1918 als einer der Scharfmacher den Schiessbefehl gegen die Streikenden ausgegeben hatte, mit dem Preis des Komitees ausgezeichnet werden soll, wird der Apéro riche definitiv zur Stunde der Abrechnung.

Familienkrisen, Dorfmobbing

Die 21 Frauen und Männer und Kinder, allesamt Laienspieler, haben über ein Jahr hinweg in zahllosen Proben ihre eigenen Geschichten von Widerstand und Anpassung, von Aufbruch und Rebellion, dörflichem Mobbing und familiären Katastrophen entwickelt. Die Ausserrhoder Autorin Rebecca C.Schnyder hat das Material zu schlagkräftigen und mit Wortwitz gespickten Sprechszenen verdichtet.

Und Regisseurin Katja Langenbach, sonst mit Profis und mehrfach auch schon am Theater St.Gallen tätig, gelingt es, aus den Einzelgeschichten einen Szenenbogen zu formen, das Panorama einer ziemlich durchschnittlichen dörflichen Gemeinschaft mit ihren Konflikten, Verdächtigungen, mit all dem Unbereinigten, unerfüllten privaten Sehnsüchten, angestauten Frustrationen und unausgesprochenen Animositäten.

Die Figuren sind darum so glaubhaft und gehen einem zu Herzen, weil sie nicht erfunden, sondern aus dem Leben gegriffen sind – aber nicht platt gespielt, sondern künstlerisch entwickelt und mit Ecken und Kanten versehen. Präzise Gruppenchoreografien, Songs und Projektionen erweitern den Spiel-Raum und schaffen ein revueartiges Gesamtbild.

Einige Figuren klingen besonders nach: Elke, die Urenkelin jenes realen, fatalen Oberst Sonderegger, gefangen in der militaristischen Familientradition und mit einem rebellischen Kern, der sich vergeblich daraus zu befreien versucht. Kerstin, die kämpferische Journalistin, die am Ende vom Komitee buchstäblich eingewickelt wird. Oder die junge, rotzfreche, gross aufspielende Eva, die alles gut findet, was nach Widerstand und nach Bier schmeckt.

Man merkt: Der Verein namens Varain, der das Stück trägt, hat reiche Theatererfahrung, gesammelt 2013 beim Festspiel zum Appenzeller Kantonsjubiläum und 2016 bei Checkpoint Säntis im dem Abbruch geweihten alten Schwägalphotel. Es spielen: Yvonne Blattner, Verena Bosshard, Beat Bosshard, Lilo Cecchinato, Elisa Faes, Andreas Giger, Anja und Mona Hagmann, Franziska Hess, Hansjürg Hörler, Andrin Neff, Lars Neff, Sam Neff, Marianne Neff-Gugger, Andreas Rohner, Trudy Rüdinger, Myriam Schaufelberger, Cornelia Seiferth, Rahel Stieger van Dam, Fabiana Troy und Raffael Wehrli. Ausstattung, Licht und Video stammen von Caroline Stark, die Musik von Raoul Alain Nagel.

Apéro riche: bis 17. November, 20 Uhr, Goba Getränkehalle Bühler AR

theater-varain.ch

Das Apéro Riche-Theater kann man kulinarisch um einen vorgängigen Apéro ergänzen. Nahrhaft genug ist aber schon das Stück selber. Es macht ohne ideologischen Eifer klar, in wieviel Zwängen und Bedrängnissen wir familiär und gesellschaftlich drinstecken. Und wie schwierig es ist, sich daraus zu befreien.

Der Schluss bleibt entsprechend offen – die Festgesellschaft stürzt zwar ihren luschen Präsidenten und ballt die Faust für individuelle Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber im Ohr klingt eher die Parole der Vereinsmeier nach: «Öppe n emol hilfts, wemmer sich e bitzli aapasst, dass es zämepasst».

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