Nach Rebellion sehen die festlich gekleideten Leute erstmal nicht aus, die sich zu uns Zuschauern an die Bartische gesellen. Es soll ja auch jubiliert werden: 100 Jahre Landesstreik ist zu feiern, verkündet der Präsident in seiner Begrüssungsrede. Das Komitee für Regionale Kultur und Politik KRKP hat sich dazu als Höhepunkt einen Preis ausgedacht. Der Lokaljournalistin stösst das Ganze jedoch sauer auf, der Applaus kommt auch sonst eher gequält als begeistert, die Mutter zischt ihren Sohn zurecht, und schon nach wenigen Gläsern ist allerhand Geschirr zerbrochen.
Zum Glück nicht wörtlich – denn der Apéro riche findet in der riesigen Getränkehalle der Goba AG im ausserrhodischen Bühler statt. Glas gäbe es da genug, das bleibt heil, aber sonst nutzen Regisseurin Katja Langenbach und das Ensemble die grandiose Kulisse ideenreich: Der haushohe Gang zwischen den Harassen ermöglicht immer neue wirkungsvolle Auftritte. Der Hubwagen für Paletten taugt als Trotinett. Harasse bilden Treppen, werden zu Stuhl und Bank und Tisch. Und zuoberst auf dem Terrassenturm langweilen sich die Jugendlichen und hecken ihren Streich aus, der den Apéro am Ende vollends aus dem Ruder laufen lässt.
Alles in bester Ordnung?
Dabei stehe heutzutage doch alles zum Besten, beschwört Hobbyhistorikerin Ottiger in ihrer Festrede die Gäste. Anders als vor hundert Jahren, als die Linken zwar auch «dumme Ideen» hatten, aber doch noch vieles im Argen lag. Hier und heute hingegen: kein Grund mehr, auf die Strasse zu gehen, es herrscht Ruhe und Ordnung, wir haben alle Freiheiten, tausend Fernsehstationen, hundert Mineralwassersorten… Kurzum: Wer es nicht recht hat, ist selber schuld.
Dass auch bei der Referentin, hauptberuflich Zahnärztin mit eher schlecht als recht laufender Praxis, nicht alles rund läuft, kommt nach und nach im Stück aus. Und vieles mehr: Die Alte sinniert über Demenz und und findet: «mer lebed zlang». Der Dorfschreiner trauert noch immer seiner Jugendliebe nach; diese ist nach Zürich abgehauen, wird als Grossstadt-Tussi aber auch nicht glücklich. Rosi, die Weitgereiste mit dem Cowboyhut und -herz, findet zurück in der Heimat bloss Enge und Sozialdruck. Johanna, die Hausfrau, hat genug vom ewigen Sorgen und Zuelose und findet: «Etz bin endlich i emol draa». Aber für mehr als für den Jakobsweg oder das Berner Oberland reicht der Mut dann doch nicht.
Das Komitee der Vereinsmeier
«Zämehebe, zämeschtoo» deklamiert dazwischen der Komiteevorstand im Chor – während es mit dem «Zämehalt» längst nicht mehr weit her ist. Den Präsidenten hat seine Frau verlassen, jetzt streiken die Töchter beim Essen, und irgendwann hockt auch die Lokaljournalistin nicht mehr aufs Maul und macht publik, dass er es war, der sie fristlos entlassen hat wegen einer männerkritischen MeToo-Kolumne.
In einem der witzigsten Bilder stülpen sich die Vereinsmeier einen mit Petflaschen behängten Harass über den Kopf und verwandeln sich in Silvesterchläuse. «Zämehebe, zämeschtoo» zauren sie, und die Flaschen scheppern so passend erbärmlich dazu, wie es um den Frieden im Dorf steht. Als dann auch noch der grösste Sohn des Dorfs, Oberstdivisionär Emil Sonderegger, der 1918 als einer der Scharfmacher den Schiessbefehl gegen die Streikenden ausgegeben hatte, mit dem Preis des Komitees ausgezeichnet werden soll, wird der Apéro riche definitiv zur Stunde der Abrechnung.
Familienkrisen, Dorfmobbing
Die 21 Frauen und Männer und Kinder, allesamt Laienspieler, haben über ein Jahr hinweg in zahllosen Proben ihre eigenen Geschichten von Widerstand und Anpassung, von Aufbruch und Rebellion, dörflichem Mobbing und familiären Katastrophen entwickelt. Die Ausserrhoder Autorin Rebecca C.Schnyder hat das Material zu schlagkräftigen und mit Wortwitz gespickten Sprechszenen verdichtet.
Und Regisseurin Katja Langenbach, sonst mit Profis und mehrfach auch schon am Theater St.Gallen tätig, gelingt es, aus den Einzelgeschichten einen Szenenbogen zu formen, das Panorama einer ziemlich durchschnittlichen dörflichen Gemeinschaft mit ihren Konflikten, Verdächtigungen, mit all dem Unbereinigten, unerfüllten privaten Sehnsüchten, angestauten Frustrationen und unausgesprochenen Animositäten.
Die Figuren sind darum so glaubhaft und gehen einem zu Herzen, weil sie nicht erfunden, sondern aus dem Leben gegriffen sind – aber nicht platt gespielt, sondern künstlerisch entwickelt und mit Ecken und Kanten versehen. Präzise Gruppenchoreografien, Songs und Projektionen erweitern den Spiel-Raum und schaffen ein revueartiges Gesamtbild.
Einige Figuren klingen besonders nach: Elke, die Urenkelin jenes realen, fatalen Oberst Sonderegger, gefangen in der militaristischen Familientradition und mit einem rebellischen Kern, der sich vergeblich daraus zu befreien versucht. Kerstin, die kämpferische Journalistin, die am Ende vom Komitee buchstäblich eingewickelt wird. Oder die junge, rotzfreche, gross aufspielende Eva, die alles gut findet, was nach Widerstand und nach Bier schmeckt.
Man merkt: Der Verein namens Varain, der das Stück trägt, hat reiche Theatererfahrung, gesammelt 2013 beim Festspiel zum Appenzeller Kantonsjubiläum und 2016 bei Checkpoint Säntis im dem Abbruch geweihten alten Schwägalphotel. Es spielen: Yvonne Blattner, Verena Bosshard, Beat Bosshard, Lilo Cecchinato, Elisa Faes, Andreas Giger, Anja und Mona Hagmann, Franziska Hess, Hansjürg Hörler, Andrin Neff, Lars Neff, Sam Neff, Marianne Neff-Gugger, Andreas Rohner, Trudy Rüdinger, Myriam Schaufelberger, Cornelia Seiferth, Rahel Stieger van Dam, Fabiana Troy und Raffael Wehrli. Ausstattung, Licht und Video stammen von Caroline Stark, die Musik von Raoul Alain Nagel.
Apéro riche: bis 17. November, 20 Uhr, Goba Getränkehalle Bühler AR
theater-varain.ch
Das Apéro Riche-Theater kann man kulinarisch um einen vorgängigen Apéro ergänzen. Nahrhaft genug ist aber schon das Stück selber. Es macht ohne ideologischen Eifer klar, in wieviel Zwängen und Bedrängnissen wir familiär und gesellschaftlich drinstecken. Und wie schwierig es ist, sich daraus zu befreien.
Der Schluss bleibt entsprechend offen – die Festgesellschaft stürzt zwar ihren luschen Präsidenten und ballt die Faust für individuelle Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber im Ohr klingt eher die Parole der Vereinsmeier nach: «Öppe n emol hilfts, wemmer sich e bitzli aapasst, dass es zämepasst».
«500 plus x Geschichten» erzählt das Festspiel «Der dreizehnte Ort» zum Appenzeller 500-Jahr-Jubiläum in Hundwil. Es macht Geschichte menschlich. Ein Premierenbericht.
Das Theater St.Gallen bombardiert die Lokremise mit Max Frischs „Fragebögen I-XI“. Am Freitag hatte die Gemeinschaftsproduktion von Tanz und Schauspiel Premiere: viel Stoff zum Weiterfragen.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.