, 2. Februar 2016
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Zaghafte Maschine

Bauen am Berg: Das neue Hotel auf der Schwägalp ist nur halb geglückt. Das alte wird abgerissen – und zuvor im Februar zur Theaterkulisse. von Marcel Bächtiger

Die «neue» Schwägalp (Bilder: pd)

Man sollte nicht nostalgisch werden. Die Schwägalp ist schon lange keine Alp mehr. Eher eine touristische Maschine, die einen nie versiegenden Strom von Ausflüglern in Empfang nimmt, nach Zielen verteilt und bei Bedarf verpflegt. 750’000 Besucher sollen es unterdessen jährlich sein. Nur ein Drittel der Ankömmlinge indes tritt die Weiterfahrt auf den Säntis an, für die anderen ist die Schwägalp selbst das Ziel ihres Ausflugs. Am meisten Umsatz macht die Säntis-Schwebebahn-AG deshalb nicht mit der Luftseilbahn, sondern mit der Restauration auf der Schwägalp.

Just dieser heiss laufende Teil der Maschine aber war in den letzten Jahren arg ins Stottern gekommen. Es sei fünf vor zwölf, liess Geschäftsführer Bruno Vattioni schon 2007 verlauten: Lange liesse sich der Betrieb im sanierungsbedürftigen «Berghotel Schwägalp» nicht mehr aufrecht erhalten, die veraltete Infrastruktur sei an ihren Anschlag gekommen.

Gutes Konzept, banal umgesetzt

Dass nun acht Jahre später ein neues Hotel auf der Schwägalp steht, ist also erst einmal die logische Folge der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten auf der Schwägalp. Wenn «Säntis – das Hotel» (so der etwas holprige Name) nicht wirklich zu begeistern vermag, liegt das denn auch nicht daran, dass die Entscheidung für einen Neubau falsch gewesen wäre. Im Gegenteil: Dass das neue Hotel nicht am selben Ort steht wie der alte Berggasthof, sondern sich an die Hügelkuppe im Norden anschmiegt, dass damit der Verkehr neu organisiert und die Schwägalp zu Teilen renaturiert werden kann, dass im Neubau nicht nur Hotel und Restaurant, sondern sinnvollerweise auch der Shop, das Ticketing und der Zugang zur Bergbahn untergebracht sind, dass sich das Hotel mit Seminarräumen und Wellness-Angeboten auch als «Resort» positioniert – das alles ist konzeptionell richtig und schlüssig gedacht.

Nur haben die Architekten für das vorausschauende Konzept kein überzeugendes Bild gefunden. Das Projekt ging aus einem Wettbewerb hervor, doch das siegreiche Zürcher Büro Bünzli & Courvoisier wurde bald einmal durch Planer aus der Region ersetzt. Das Architektur- und Ingenieurbüro Schällibaum, Wattwil und Ammann Partner, Stein erfüllten möglichst alle Wünsche der Säntisbahn.

Vom 5. bis 28. Februar wird im alten Berghotel Theater gespielt, bevor es abgebrochen wird: 27 Schauspielerinnen und Schauspieler entwickeln mit dem Regieteam Karin Bucher, Benno Muheim und Katrin Sauter das Stück Checkpoint Säntis. Alle Vorstellungen sind ausverkauft.

checkpoint-saentis.ch, johanneswaldburger.ch

Der Eindruck ist entsprechend zwiespältig: Die Architektur ist zu zaghaft, um ein markantes Zeichen setzen zu können, das Volumen gleichwohl zu massig, um sich harmonisch in die Landschaft einzufügen. Dabei beginnt es gut: Der Sockel macht vor, wie es hätte sein können. Hier gibt es keine falsche Bescheidenheit, sondern kräftige Mauern, die sich aussen gegen das Gelände stemmen und im Innern eine höhlenartige Folge von unterschiedlich dimensionierten Räumen entstehen lassen. Mit der Materialisierung aus rohem Beton und Eiche gelingt zudem ein bemerkenswerter Spagat: die Räume sind robust genug für den Massentourismus, vermögen aber gleichzeitig eine noble Hotel-Atmosphäre zu vermitteln.

Nun steht dieser Sockel aber in keinem wirklichen Bezug zum eigentlichen Hotelbau. Nur bei einem schmalen Fassadenabschnitt sind Sockel- und Hauptfassade volumetrisch eins, der längere Teil des Hotelriegels ist vom Sockel in einem flachen Winkel abgedreht. Das führt dazu, dass man die beiden Teile nicht mehr als Einheit lesen kann. Der Effekt ist unschön. Statt eines stolzen Hotels sieht der Besucher ein banales fünfgeschossiges Haus, das auf einer monströsen Terrainverbauung steht – eine unnötige Zergliederung in Einzelteile, die sich auch in der Verkleidung spiegelt: Während der Sockel in Beton gegossen wurde, ist der Mittelteil mit Holz verkleidet und der Dachabschluss in Blech ausgeführt.

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Die «alte» Schwägalp

Die verschiedenartige Materialisierung müsste durch eine stimmige Proportionierung der Bauteile und durch eine übergreifende Geometrie visuell zusammen gehalten werden. Auch das geschieht nur in Ansätzen, und darum fehlt dem Haus die grosszügige Geste.

Waldburgers Wurf

Vom «Berghotel Schwägalp», das demnächst abgerissen werden soll, gibt es ein schönes Foto. Der Architekt Johannes Waldburger hatte die beiden mächtigen Giebelhäuser unmittelbar an die bestehende Talstation angebaut, die ihrerseits mit einem markanten Steildach zum Säntis zeigte. Auch das war eine Maschine, die Restaurant, Hotel, Fremdenbüro und Seilbahnstation in einer irrwitzigen Assemblage von Baukörpern vereinigte. Aber sie besass, woran es dem neuen Hotel mangelt: architektonischen Ausdruck und Charakter. Man sollte nicht nostalgisch werden. Und wird es dann doch.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

 

 

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