, 30. Oktober 2017
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Zauberformel J+M

Wer lernt heute noch ein Instrument? Wie hoch sind die Schwellen zum Klassikbetrieb? Und was hat der neue Verfassungsartikel Jugend+Musik gebracht? Ein Rundgang – weitere Antworten gibt es am Dienstag abend beim Podiumsgespräch im St.Galler Palace.

Eindrücklich und auch ein wenig einschüchternd ist der hohe Saal mit den gepolsterten Sesselreihen und der goldenen «Klangwolke» über der Bühne – auch wenn es «nur» die Tonhalle St.Gallen ist und nicht die Elbphilharmonie in Hamburg oder der Musikverein Wien. Jugendliche Konzertbesucher werden in St.Gallen mit einem eigens erstellten Faltblatt in den «Knigge» des klassischen Konzertbetriebs eingeführt. «Pssst» steht darauf, oder: «Unsere Arbeit heisst zwar ‚spielen’ und sieht oft ganz leicht aus, braucht aber viel Konzentration und Aufmerksamkeit. Da stört jedes Stuhlklappern, Rascheln, Kameraklicken und Blitzen.»

Bitte nicht stören … Es gibt sie noch immer, die Barriere, die Kindern und Jugendlichen (und Erwachsenen genauso) den Zugang zum klassischen Konzert schwer macht. Stillsitzen zu müssen, Musik anzuhören, ohne daneben zu quatschen oder zu konsumieren: Das ist eine Provokation, unzeitgemäss und gerade deshalb wieder hochaktuell. Davon später mehr. Die Eintrittspreise sind ein weiteres Hindernis – zumindest vermeintlich. Tatsächlich kommen Jugendliche heute ungemein günstig in die Tonhalle: für 10 Franken an der Abendkasse. Das ist billiger als Kugl oder Kino, es gilt für alle bis 20 und für Leute in Ausbildung bis 30 Jahre.

Das Geld ist nur ein Beispiel dafür, dass die Schwelle zum Konzertsaal in Wirklichkeit weniger hoch ist, als sie in den Köpfen noch immer existiert. Denn rundherum mehren sich die Anstrengungen, diese Schwelle zu überwinden und Kinder und Jugendliche zur klassischen Musik zu bringen. Der «Silbersee» in den Konzertsälen (s. auch Berthold Seligers Buch Klassikkampf, mehr hier und hier) ist aber weiterhin eine Realität und macht Veranstaltern und Kulturpolitikerinnen nicht nur hierzulande Sorgen.

Probenbesuche, Werkstattprogramme

Konzert und Theater St.Gallen nennen ihr Animationsprogramm «jugend@tonhalle». Es umfasst Schülerkonzerte, Auftritte von Musikerinnen und Musikern in Schulhäusern, Probenbesuche für ganze Klassen, verkürzte Mittagskonzerte, verbilligte Eintritte und anderes mehr. Die Erfahrungen sind gut, sagt Karl Schimke, der Mann an der Tuba, im Orchester zuständig für die Jugendangebote. Und die Zahlen machen Eindruck: Seit dem Schuljahr 2011/2012 hat das Orchester 27 Konzerte für Schulklassen in der Tonhalle gespielt und insgesamt 10’743 Karten verkauft. Dazu gehören Konzerte für die Basisstufe in Zusammenarbeit mit der Musikschule. Jeweils zwei Konzerte spielt das Orchester exklusiv für die Zweitklässler der Stadt St.Gallen. Die Kinder werden im Vorfeld in der musikalischen Grundschule darauf vorbereitet. «Ich bin sehr stolz, dass wir seit 2010 weit über 90 Prozent der Schülerinnen und Schülerr in der 2. Klasse erreicht haben», sagt Schimke. Hinzu kamen im selben Zeitraum 364 Schulhauskonzerte mit 14’874 Kindern als Zuhörer.

Zur Lage der Klassik in der Ostschweiz
Podiumsgespräch mit Helena Winkelman (Komponistin und Violinistin), Christian Braun (Leiter Musikschule St.Gallen) und Florian Scheiber (Konzertdirektor)
Di 31. Oktober 20.15 Uhr
Palace St.Gallen

Diese Konzerte erreichten Kinder aus allen Schichten und Milieus, sagt Schimke – allerdings nur in der Stadt St.Gallen. 2016 gab es zudem das «K-Projekt«, in dem Schulklassen (vor allem aus bildungsferneren Familien) unterstützt durch Musiker des Orchesters und Kompositionsstudenten der ZHdK Stücke für Sinfonieorchester geschrieben haben. «Dies war ein unglaublich bereicherndes Projekt, das vielen Kindern eine erste intensive Begegnung mit der Klassik erlaubte. Und wir haben weitere Ideen für niederschwellige, dezentrale Musikvermittlungs-Angebote, die aber noch nicht spruchreif sind.»

In der Ziegelhütte Appenzell ist Programmleiter Martin Lucas Staub ähnlich unterwegs. In der Kammermusik sei das Angebot für Jugendliche immer noch eher dürftig, in ländlicheren Gebieten sowieso, sagt Staub und bietet seit 2010 nachmittags kommentierte Schülerveranstaltungen an, mit Musikerinnen und Musikern, die abends dann im Rahmen der Konzertreihe auftreten. Hinzu kommen Familienkonzerte – bei freiem Eintritt.

Eine besonders attraktive Form der Vermittlung und des Mentorings hat die Ausserrhodische Kulturstiftung mit dem Young Music Artist Camp gefunden. Es fand im September erstmals statt auf dem Alpenhof; rund ein Dutzend Jugendliche, ausgewählt von einer Jury, spielten dort ein Wochenende lang in Werkstatt- Atmosphäre und erhielten Feedback von Profis. Initiant Jens Weber äussert sich begeistert über die Leidenschaft der Spieler, die im übrigen aus allen Stilrichtungen zusammenkamen – Volksmusik, Songwriting, Klassik und Rock. Das Camp soll künftig im Zweijahresrhythmus stattfinden.

Die entscheidende Arbeit geschieht aber an den Musikschulen. Hunderte sind es gesamtschweizerisch, mit Tausenden von Lehrkräften – eine Humusarbeit, die nur selten den Weg an die Öffentlichkeit findet. «Wer Musikschulen schliesst, gefährdet die innere Sicherheit», soll der deutsche Politiker Otto Schily einmal gesagt haben. Christian Braun, der Leiter der Musikschule der Stadt St.Gallen, würde nicht ganz so weit gehen – aber tatsächlich gehöre das Musikmachen in Ensembles und Orchestern zu den prägenden Erfahrungen, und dies mindestens so sehr im sozialen Bereich wie im künstlerischen. «Man lernt, Teil eines Ganzen zu sein, zusammen mit anderen Ideen zu entwickeln, die Melodie auch mal anderen zu überlassen.» Braun will die Musik jedoch punkto Persönlichkeitsbildung nicht gegen andere Freizeitaktivitäten ausspielen. Fussball oder Pfadi seien nicht weniger wert.

Die Mittelschicht dominiert

Und der Starkult? Und der Leistungsdruck? Einzelunterricht sei zwar unverzichtbar, aber nur ein Teil. Die Musikschule setzt mehr und mehr auf Ensembles, aus der Überzeugung, dass das Gemeinschaftserlebnis entscheidend ist und auch über das Auf und Ab im täglichen Musiküben hinweghilft, das wohl jedes Kind mit seinem Instrument durchmacht. Denn die Anforderungen seien tatsächlich hoch, sagt Braun. Leistung wird grossgeschrieben, die Finger müssen laufen, die Eltern haben Erwartungen.

All das gelte aber nicht nur für die Klassik, sondern auch für die anderen Sparten. St.Gallen hat seit 2013 ein eigenes Rock-Pop-Zentrum eingerichtet, mit dem Vorzug, dort alle nötige Infrastruktur zu haben, samt Elektronik und Studiosituation – mit dem Nachteil aber, dass sich Blockflöte und E-Gitarre nicht mehr wie zuvor selbstverständlich begegnen. Die Häuser müssten wieder mehr zusammenwachsen, denn die Musikschule verstehe sich nicht exklusiv als Klassik- Ausbildungsstätte, sondern viel weiter: «Es geht um Musik in allen Facetten.»

Erreicht man damit aber auch alle – inklusive Kinder aus sogenannt bildungsferneren Milieus? «Dafür müssen wir noch niederschwelliger werden», sagt Christian Braun. Zum einen fehlten Vorbilder – die musikalische Bildung, wie sie die Musikschulen vermittelten, sei sehr mitteleuropäisch geprägt. Tieferes Schulgeld? Gratis-Instrumente für die Kinder, wie dies El Sistema, das legendäre Orchesterförderungsystem von Venezuela, vorlebt? Die Musikschulen machten, was sie machen könnten und seien, zumindest was die Stadt St.Gallen betrifft, auch ausreichend finanziert. Mehr staatliche Förderung? Ja – wenn der politische Wille da ist, sagt Braun.

J+M – der Geldsegen aus Bern

Seinen Willen hat zumindest das Stimmvolk klar ausgedrückt: 2012 hat es mit Dreiviertel-Mehrheit dem neuen Verfassungsartikel Jugend und Musik zugestimmt. Seither hat man nicht mehr viel gehört. «Die Hoffnungen waren überhöht», sagt Musikschulleiter Braun – insofern, als im Prinzip die Kantone und Gemeinden, und nicht der Bund, für Bildungsfragen zuständig sind. Ideell allerdings sei die Abstimmung wichtig gewesen: ein klares Votum, auf das man sich berufen kann.

Ganz ohne materielle Wirkung ist die Initiative aber doch nicht geblieben. Zum einen ist der Kredit beim Bund für nationale Aktivitäten erhöht worden, auf eine Million Franken jährlich. Beiträge erhalten das Schweizerische Jugendsinfonieorchester SJSO, die Jugendmu- sikwettbewerbe SJMW und ähnliche, mindestens in zwei Sprachregionen ausstrahlende Institutionen. Zum anderen gibt es seit diesem Jahr das Förderprogramm Jugend und Musik (J+M) für Musiklager und Kurse, vergleichbar dem Sport mit seinen J+S-Kursen und -Lagern. Beim Bundesamt für Kultur BAK sind die aktuellen Zahlen erhältlich, Stand Ende August: 560 Personen, Profis und Laien, haben sich zur Zertifizierung als J+M-Leiter gemeldet, rund 250 Lager und Kurse mit gegen 9000 Kindern und Jugendlichen haben bisher Beiträge in der Gesamthöhe von rund 600’000 Franken erhalten. «Das ist ein spürbarer Zustupf für Verbände und Vereine», sagt Lorenzetta Zaugg, die beim BAK für die musikalische Bildung zuständig ist.

Das Interesse zeige, dass die Richtung stimme – jetzt müsse das Angebot bekannter werden. «Wir sind noch am Anfang.» Bis zu 2 Millionen Franken jährlich würden für die J+M-Förderung zur Verfügung stehen. Könnten davon auch die hiesigen Orchester profitieren, das «il mosaico» im Toggenburg und das Jugendorchester Thurgau, die beide in nationalen Wettbewerben brillieren, oder auch die Thurgauer Swing Kids und andere Jugendensembles mit überregionaler Ausstrahlung? Für solche Vorhaben gebe es neu die Möglichkeit, Bundesgelder zu erhalten, für J+M-Lager oder für die Proben, die sie als J+M-Kurse melden können, heisst es beim BAK. Ob sich der Geldsegen aus Bern dereinst auf weitere Aktivitäten ergiessen könnte, zum Beispiel auf die Begabtenförderung, die allenthalben diskutiert wird, das sei offen. Aber sicher ein Thema im Hinblick auf die nächste Kulturbotschaft, sagt Zaugg.

Christian Braun, der St.Galler Musikschulleiter, hat seinerseits eine «Kulturbotschaft»: Musikunterricht fördere die Persönlichkeit, das Geschichtsbewusstsein, den Gemeinschaftssinn und anderes mehr. Gemeinden und Kantone müssten sich bewusst sein, dass diese Arbeit ihren Preis habe. Und im Wettbewerb mit anderen Tätigkeiten stehe. Den «bildungsbürgerlichen Automatismus», ein Instrument zu lernen, gebe es nicht mehr. Ein Instrument zu lernen, sei in gewissem Sinn sogar ein Anachronismus: Man muss üben, üben, üben, es lernt sich nicht auf Knopfdruck, braucht Ausdauer über Jahre, baut auf einer persönlichen Lehrer-Schüler-Beziehung auf. Musikmachen ist und bleibt analog und sozial – eine altmodische Sache mit Zukunft.

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Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten. Bilder: Ladina Bischof

 

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