, 12. Oktober 2015
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Zauberpilze im Appenzellerland

Im Herbst ist Pilzsaison – auch für psychoaktive Pilze. Auf der Suche nach «magic mushrooms» mit einer Konsumentin und einem Pilzgift-Experten.

Ein Fliegenpilz auf dem Gäbris. Auch der Fliegenpilz wird ab und zu wegen seiner bewusstseinserweiternden Wirkung konsumiert. (Bild: upz)

Ein früher Herbstabend am Gäbris. Es ist kühl und neblig auf dem Hügel bei Gais, der ohne die Wanderer und Biker vom Wochenende einsam und mystisch wirkt. «Ein guter Tag und Ort, um Pilze zu suchen», sagt die 27-jährige Sandra*. Sie hält aber nicht Ausschau nach Steinpilzen, sondern nach psychoaktiven Pilzen, auch im deutschen Sprachraum weitherum als «magic mushrooms» bekannt.

Wir streifen über verlassene Weiden am Waldrand entlang, die Blicke auf den Boden gerichtet, während die Sonne bereits tief steht. «Praktisch jedes Dorf im Appenzellerland hat ein Plätzchen, von dem ein paar Eingeweihte wissen, dass dort psychoaktive Pilze wachsen», sagt Sandra. Der Konsum der Pilze – und damit ihres halluzinogenen Wirkstoffs Psilocybin – sei entsprechend verbreitet. Vor allem «Hippies jeden Alters, Goa-Szenies aber auch einfach Leute, die etwas ausprobieren wollen», seien auf der Suche nach einem Pilz-Trip.

Von den weltweit über hundert bekannten Arten psychoaktiver Pilze sind vier bis fünf in der Schweiz heimisch. Am häufigsten kommt – wie in ganz Mitteleuropa – der Spitzkegelige Kahlkopf vor. Dieser Pilz wächst gerne auf extensiv bewirtschafteten Schaf- oder Kuhweiden mit nördlicher Hanglage: Der Gäbris mit seinen weitläufigen Wiesen und vereinzelten Bauernhöfen ist also ein perfekter Jagdgrund.

«Den ersten Pilz, den man findet, muss man essen», sagt Sandra. Danach sei die Chance grösser, dass man noch mehr «Psilos» findet. «Wenn man bewusst nach Psilos sucht, findet man garantiert nichts. Streift man hingegen absichtslos durch den Wald, kann man plötzlich auf einen ganzen Haufen stossen».

Euphorie bis tiefste Depression

Das bestätigt der Arzt und Giftpilz-Experte René Flammer. «Wo man den Spitzkegligen Kahlkopf findet, ist reiner Zufall. Ich bin schon unvermittelt auf richtige Felder mit 100 bis 200 Exemplaren gestossen.» Auch Flammer geht von einer «relativ hohen Dunkelziffer» von Konsumenten aus.

Der pensionierte Arzt aus Wittenbach gilt in der Schweiz als Koryphäe im Bereich von Giftpilzen und den damit verbundenen Vergiftungen. Um eine solche handelt es sich auch, wenn jemand psilocybinhaltige Pilze verspeist. «Nur suchen die Konsumenten diese Vergiftung ja bewusst. Darum tauchen nur wenige bei einem Arzt auf: Jene nämlich, denen der Trip nicht gut bekommt», sagt Flammer.

Der 82-jährige Flammer hat als Lebenswerk das Buch Giftpilze verfasst: Ein detailliertes Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker und Pilzinteressierte, inklusive Erste-Hilfe-Anleitungen. Für seine Recherchen ist Flammer jahrzehntelang selber schweizweit im Feld unterwegs gewesen. «Ich sah dabei regelmässig Menschen, die sich über Alpweiden beugten und dabei ganz sicher keine Speisepilze suchten», sagt Flammer.

Er kenne auch viele Menschen, die mit den Psilos «gereist» seien: «Das Spektrum ihrer Erlebnisse reicht dabei von euphorisierter Heiterkeit bis tiefsten Depressionen», sagt Flammer.

Wundermittel Psilocybin?

Psilocybin wird seit Jahrzehnten immer wieder auch in psychologischen Studien untersucht. Forscher fanden unter anderem heraus, dass Psilocybin die Aktivität des Gehirnbereichs unterdrückt, der im Normalzustand ungewohnte Reize herausfiltert. Das heisst, die Sinne und Gedanken werden offen für Dinge, die ansonsten kaum bis zum Bewusstsein vordringen. Die Forschung setzt auch handfeste Hoffnungen in die «Zauberpilze»: Ein Team der Universität Zürich fand heraus, dass Psilocybin die negativ verzerrte Verarbeitung von Emotionen hemmen und so künftig allenfalls Depressionen vorbeugen könnte.

Flammer schätzt das Risiko von bleibenden psychischen Schäden «bei massvollem und bewusstem Genuss» als gering ein. Dennoch steht er Psilos kritisch gegenüber: «Es bleibt eine Droge, bei der manche irgendwann keine Grenzen mehr sehen, sich darin verlieren. Auch der Kult, der um psychoaktive Pilze teilweise betrieben wird, ist mir suspekt.» Er selber habe nie den Drang verspürt, solche Pilze auszuprobieren.

«Nicht unbedingt partytauglich»

Tatsächlich werden mit dem Psilocybin-Rausch auffallend häufig spirituelle, ja religiöse Vorstellungen verknüpft. Wer sich durch Erfahrungsberichte in Online-Drogenforen liest, stösst immer wieder auf Begriffe wie «Transzendenz», «Erleuchtung», «grosse Reise». Und da sind natürlich die unzählige Belege dafür, dass psychoaktive Pilze seit Jahrtausenden bei Naturvölkern von Schamanen verwendet werden.

Doch zurück an den Gäbris. Auch Sandra nutzt psychoaktiven Pilze vor allem für «spirituelle Trips, am liebsten in der Natur». In den letzten Jahren sei ihr aufgefallen, dass Psilos in der Goa-Szene vermehrt als Partydroge konsumiert worden. «Das ist etwas, das ich nicht verstehe. Wenn man auf Pilzen ist, öffnet man sich völlig. Alles kommt ungefiltert auf einen zu, man kann sich kaum wehren, hat kein dickes Fell mehr. Nicht unbedingt partytauglich, finde ich.»

Sie habe einige grossartige Trips gehabt in ihrem Leben, meist allein oder mit Freunden irgendwo in der Natur. «Im Idealfall hat man das Gefühl, mit der Natur zu verschmelzen, eins zu sein mit der Welt.» Nach schlechten Trips, die es durchaus gab, hat sie auch schon jahrelang die Finger von Pilzen gelassen. «Ich  kenne durchaus auch ein paar Leute, die auf Pilzen hängen geblieben sind», sagt Sandra. Das Spektrum reiche von Psychosen bis zum permanent exzentrischen Auftreten. «Manche kommen einfach nicht mehr auf den Boden zurück.» Es brauche Respekt vor den Zauberpilzen.

Die Suche auf dem Gäbris läuft unterdessen harzig: Wir finden zwar einen schönen, grossen Fliegenpilz (dessen Gift auch halluzinogen wirken kann) und unglaublich viele verschiedene, uns unbekannte Pilze, aber keine Spitzkegligen Kahlköpfe. Auch den zaubermächtigen Fliegenpilz lassen wir stehen. «Nichts für mich», sagt Sandra.

Weil die Suche in der Natur zeitaufwändig ist und nicht immer zum Erfolg führt, greifen mittlerweile viele magic mushroom-Freunde auf gezüchtete Exemplare zurück: Homegrow-Sets kann man sich einfach Online in Holland bestellen – auch in die Schweiz, wo Anbau und Besitz von halluzinogenen Pilzen laut Betäubungsmittelgesetz illegal ist.

Auch auf Sandras Fenstersims steht ein Plastikkistchen mit Hawaiianischen Zauberpilzen. «Davon kann ich 10 bis 15 Mal ernten», sagt sie.

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Sandras Zuchtbox mit hawaiianischen Zauberpilzen. (Bild: upz)

Falscher Pilz: Niere verloren

Wer trotzdem in die freie Natur sammeln geht, sollte das nur mit jemandem tun, der bereits etwas über die Zauberpilze weiss: Das betonen Sandra und Flammer eindringlich. Denn das Risiko von Verwechslungen besteht und es ist je nachdem ziemlich heftig: Flammer beschreibt in seinem Buch den Fall eines jungen Mannes, der einen Spitzgebuckelten Raukopf verzehrt, den er für einen Spitzkegligen Kahlkopf hielt. «Er bezahlte diesen unvorstellbaren Leichtsinn mit dem Verlust seiner Nieren», heisst es im Buch.

Am Gäbris besteht an diesem Herbstabend, der langsam zur Nacht wird, aber kein Risiko: Wir finden keine Zauberpilze. «Wahrscheinlich liegts daran, dass du die Pilze nicht hättest essen wollen. Die haben das gespürt und sich darum nicht gezeigt», sagt Sandra. Mit dem allerletzten Tageslicht steigen wir durch düstere, vernebelte Wälder und Schluchten gen Trogen ins Tal zurück.

 

*Name geändert

 

Flammer, René: Giftpilze. Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker, Biologen, Mykologen, Pilzexperten und Pilzsammler. AT Verlag 2014.

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