, 13. Dezember 2020
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Zehn Bambusse

Immunium® Akut #13: Charles Uzors Kurzgeschichte über die Wiege der chinesischen Dialekte und zwei, deren Blicke sich wie Magnete anzogen.

Er würde sich einfach in ihren Garten setzen. Er war um das Haus gestrichen, das von einem Garten umzäunt war – eine etwas überstürzte Eingebung, es gab weder Stühle noch Blumen, nur Gestrüpp, das für sich hinwucherte.

Er fand eine Lichtung, die sich, seltsam aufgeräumt, ihm anbot. Es wäre nicht unangebracht, diesen Ort zu nutzen, den Geräuschen zu lauschen, abzuwarten. Natürlich würden sich die Leute wundern, wer dieser Mann mit Hut war, der wie eine Statue dasass, Kopf tief in der breiten Krempe versunken.

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

Bevor er sich ins Gras fallen lassen konnte, bemerkte er den Chinesen, der langsam am Zaun entlangging und ihm mit kleinen Schlägen Töne entlockte. Er ging auf ihn zu, und ohne den Schritt zu beschleunigen, erreichte er seine Höhe. Nach kurzem Schweigen wechselten sie einige Worte.

Der Chinese erschien ihm wie aus einem Wandbild geschnitten – eine dieser Zeichnungen, die er als Kind bewunderte, winzige Landschaften in heller Tusche hingeworfen, eine grosse Stille in den fahlen Figuren. Alles an ihnen roch nach Natur und Unendlichkeit.

Wenn er das Bild berührte, wurde ihm schwindlig, es glitt ihm unters Aug und verdeckte die bleichen Körper und gekrümmten Nacken, das zu einem Knoten und hoch über der Stirn zusammengebundene Haar, die langen Bärte, die wie Wellen dahinflossen – Pinselstriche, immerzu in Beschäftigungen alltäglicher Dinge, einer schob einen Handkarren, einer sass auf einer Mauer und blickte in die Wolken, Pinselstriche, die allmählich das Blatt füllten. Diese Figuren waren durchdrungen von einem sardonischen Leuchten, einem Augenflimmern, das keine Enttäuschung verbergen konnte.

Als sie weitergingen, bemerkte er den leichten Akzent, den er unschwer als Dialekt aus der Provinz Yunnan erkannte. Ansonsten klang es nach makellosem Mandarin. Ihr Mandarin ist bemerkenswert, sagte er. Es schien ihm zu schmeicheln. Aber wie Sie das R aussprechen, ist fremdartig, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf.

Ich weiss, ich weiss, die Wiege der Dialekte, entgegnete der Chinese. Der Kaiser ist unsichtbar, vielleicht tot tausend Jahre, aber manche behaupten, ihn gesehen zu haben. Dabei blickte er ihm mit einem so stechenden Blick in die Augen, dass er sie senkte. Dann wanderten ihre Blicke, wie durch Magnete angezogen, wieder zueinander.

Wohin gehen Sie? fragte er.

Er ging langsam, wie jene Schildkröte damals, als er ein Kind war. Er hatte sie aus dem Gebüsch herausgehoben und hielt das weiche Tier in der Hand, dieses zarte Ding, das sich ängstigte. Er liess es im Zickzack watscheln, dirigierte es mit dem Stock, und stupste es sachte an der weichen Stelle des Panzers. Er fütterte es mit hellen Blättern oder wurde ungeduldig ob seines unsäglichen Ausdrucks. Komm her, rief er ihm zu.

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Charles Uzor, 1961, Komponist, lebt in St. Gallen; jüngste Kompositionen: Mothertongue, Seferis/mimicri, 8’46’’. George Floyd in memoriam

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