, 25. Januar 2016
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«Zeitfenster» zum Jahr 1916

Kriminalfälle und soziale Not, Familienalltag und hohe Politik: Das St.Galler Staatsarchiv publiziert im Internet täglich ein Dokument aus dem Ersten Weltkrieg. Eine Fundgrube.

Eintrag im Stammbuch der Strafanstalt St.Jakob

Lumpensammler Johann Baptist Fischbacher ist noch einmal davongekommen: Der Hohe Regierungsrat hat zwar seine «Versorgung» in der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi in Mosang gutgeheissen, und zwar «wegen Arbeitsscheu und Liederlichkeit»der Vollzug soll jedoch «auf Wohlverhalten hin vorerst sistiert» bleiben, falls keine neuen Klagen gegen Fischbacher eintreffen.

Bedrückende soziale Verhältnisse

Was genau dem zu diesem Zeitpunkt 40-Jährigen zur Last gelegt wird, geht aus dem Protokoll des Beschlusses nicht hervor. Dokumentiert ist er, exakt 100 Jahre danach, auf dem Blog zeitfenster1916.ch.

Das St.Galler Staatsarchiv betreibt ihn seit Anfang Januar und stellt darauf täglich ein historisches Dokument aus dem Jahr 1916 vor. Geschichtsschreibung von unten: Die Seite liefert ausdrücklich keine Chronologie der wichtigen Tagesereignisse, sondern will Einblick geben in das Alltagsleben vor 100 Jahren und inbesondere die vielerorts bedrückenden sozialen Verhältnisse.

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Holztransport mit Pferden in Pfäfers, 1916

Ob die Unfallentschädigung für einen Pferdeknecht, die Jahresrechnung der «Verpflegungsstation» für Bedürftige in Altstätten oder das Stipendium für einen jungen Mann: Es geht in aller Regel ums (knappe) Geld. So auch im Fall eines Mannes aus Montlingen, Sohn einer kinderreichen Stickerfamilie, der wegen Rauferei vorbestraft ist und im Rausch einen Bekannten niedergeschlagen und ausgeraubt hat. Die Raubsumme: «214 Fr. 75», zwei Taschenmesser und einige Schlüssel. Die Strafe: anderthalb Jahre Zuchthaus.

Am 23. Januar 1916 kommt der Delinquent frei; über seinen Lebenslauf wissen wir deshalb Bescheid, weil der Direktor der Strafanstalt St.Jakob in St.Gallen minutiös Buch geführt hat über seine Klienten.

Protest gegen Fasnachts-Tanzverbot

Im Zeitfenster kommen aber auch die Proteste der St.Galler Wirte gegen das strenge Tanz- und Festverbot für die Fasnachtszeit zur Sprache – Anfang Januar ist der Protestbrief zu lesen, später die Reaktion der Regierung: Sie zeigt Verständnis für die dringenden Hinweise des Wirteverbands «auf die durch die Fortdauer der Kriegslage ohnehin schwer gedrückte ökonomische Situation des Wirtschaftsgewerbes und insbesondere der Saalbesitzer» – und gibt wenigstens für zwei Fasnachtstage eine Freinachtbewilligung bis längstens morgens 4 Uhr. «Maskengehen und Maskeraden aller Art» sowie «Confettiwerfen» bleiben jedoch verboten.

Aktueller tönt der Bericht aus der regierungsrätlichen «Konferenz zur Schaffung neuer Finanzquellen» am 11. Januar 1916. Der Staat ist klamm, Gründe sind zum einen der Krieg, zum andern die Zinsgarantie für die Bodensee-Toggenburg-Bahn.

Statt auf Sparpakete setzt der Kanton St.Gallen damals aber auf Mehreinnahmen: höhere Stempelabgaben, neue Grundstückgewinnsteuer, schärfere Unternehmenssteuern, Erhöhung des Salzpreises, und weil das alles nicht reiche, müsse «daher  jedenfalls für die nächsten 5 Jahre eine Mehrbelastung der Bürgerschaft, hauptsächlich auf dem Wege der direkten Steuern Bedacht genommen werden.»

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Unterricht in der Gehörlosenschule.

Die Zeitfenster-Seite ist ein alltagsgeschichtlicher Fundus ohnegleichen. Sie stützt sich auf diverse Quellen aus dem Staatsarchiv; neben behördlichen Schreiben zählen dazu auch private Familiendokumente oder die Tagebucheinträge von Emma Graf, einer 16-jährigen Schülerin der Gehörlosenschule.

Am 22. Januar etwa notiert Emma, neben Nachrichten aus dem Schulalltag, unter anderem: Die Österreicher haben die Hauptstadt von Montenegro Cetinje, eingenommen. Darauf haben die Montenegriner um Frieden gebeten. Das war klug von ihnen. Besser Frieden machen, als das Land verwüsten lassen.

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