Plötzlich diese Fülle. An irgendetwas muss man sich halten, bei der Menge der «alten Schinken». Irgendwo bleibt man, zum Glück, hängen. Alles seriös zu besichtigen und sich ein Urteil zu bilden, wäre unmöglich. Rund hundert Bilder und ein paar Skulpturen versammelt die Ausstellung «Endlich – Glanzlichter der Sammlung» im Kunstmuseum St.Gallen. Sie nimmt das ganze Erdgeschoss in Beschlag, als Dauerausstellung, wie sie dank dem Auszug des Naturmuseums aus dem Kunklerbau erstmals möglich geworden ist. Man kann also wiederkommen.
Besuch bei Keller und Högger
Zuhinterst bin ich hängen geblieben: bei Gottfried Keller. Der Dichter war, bevor er Dichter wurde, Maler oder in seinen eigenen Worten: «Landschafter». Ein Beispiel davon hängt in der Sammlung: Ausblick vom Hottingerberg ins Limmattal, 1842 entstanden, ein Bild, das zwei föhrenartige Riesenbäume zeigt, eine arkadische Landschaft, leicht südländisch angehaucht, man hätte sie gern in der eigenen Stube.
An der Wand daneben dreimal Spitzweg, in der Mitte sein grossartiger Eremit. Und wieder ums Eck Watzmann von Andreas Renatus Högger, dem legendenumrankten St.Galler Maler und Erfinder (1808-1854), unter dessen Name (als Pseudonym) sich der frühere Kunstmuseums-Konservator Rudolf Hanhart einst allerhand Spuk hat einfallen lassen.
Eine leise Verneigung vor Hanhart passt gut zum Anlass – er hatte das Museum durch die «museumslosen» Jahre (1970-1987) vor dem Umbau durchgetragen und den traditionellen Kunsthorizont unter anderem mit dem Einbezug der Bauernmalerei entscheidend erweitert. Auch davon zeigt die jetzige Ausstellung einige Beispiele.
Hodler bewundern oder links liegen lassen: Das Lied aus der Ferne.
Keller und Högger sind Teil der «Schweizer Fraktion» im Museum, deren zeitlichen Abschluss die Giacomettis und Hodler bilden. Von letzterem ist das symbolistische Zentralwerk Das Lied aus der Ferne von 1906 zu sehen, daneben auch der Thunersee mit Stockhornkette: eines von zwei Bildern mit langer juristischer Raubkunst-Vorgeschichte.
Im Fall Hodler streiten sich die Charlotte-und-Simon-Frick-Stiftung und der Gerta Silberberg Trust um das Erbe. Im Fall der Odalisque von Camille Corot wurde eine einvernehmliche Lösung mit den früheren, von den Nazis ihrer Bilder beraubten Besitzern gefunden: Es gehört heute den Kunstmuseen von Basel und St.Gallen gemeinsam. Aktuell hängt es hier.
Die Puzzlesteine der Sammlung
Geschichten aus der Geschichte der Sammlung wie diese gibt es zahllose. Einige waren an der Vernissage zu hören von Direktor Roland Wäspe und dem Kurator der Altmeister, Matthias Wohlgemuth. So der Preis des unbestrittenen Stars der Sammlung, Monets Palazzo Contarini: Kunsthändler Fritz Nathan hatte ihn 1950 für gerade einmal 30’000 Franken nach St.Gallen vermittelt. Oder die Querelen um den Ankauf eines Gemäldes von Anselm Feuerbach im 19. Jahrhundert, die fast zwei Jahrzehnte dauerten.
Oder die Anekdote um die Sammlung von Marie Müller-Guarneri: Die Erblasserin hatte es im Testament versäumt, zu deklarieren, ob die Stadt oder die Ortsbürgergemeinde die Bilder erben sollte. Eine Stiftung brachte schliesslich die Lösung, sie ist seither eine der Säulen der Anschaffungspolitik des Museums.
Federico Baroccis Heiliger Sebastian (links), der einzige Barocci in einem Schweizer Museum.
Von der Marienkrönung (um 1500) bis zur Zeitenwende 1900 führt der Rundgang, dazwischen breiten sich die Landschaften, Stilleben und Porträts der niederländischen Altmeister aus. Es folgen Romantik und Realismus, deutscher und französischer Impressionismus mit den «St.Galler Sisleys», mit zwei gewaltigen Naturschauspielen von Courbet, mit Monet und anderen, und schliesslich der Schweizer Schwerpunkt in den hinteren, neu hinzugewonnenen Räumen. Etwa um 1900 bricht die Ausstellung ab; zu einem späteren Zeitpunkt soll das 20. Jahrhundert ebenfalls seinen Platz erhalten.
Endlich – Glanzlichter der Sammlung
Tour du Patron: Mi 25. Januar, 18.30 Uhr 400 Jahre in 60 Minuten: So 5. Februar 13 Uhr Kunstmuseum St.Gallen
Mit der neuen Dauerausstellung kommen kunstgeschichtlich Interessierte «endlich» auf ihre Rechnung. Sie bietet einen Streifzug durch vier Jahrhunderte europäischer Kunst. Es fehlen, erklärtermassen, noch die Bezüge zur Gegenwart. Wer sich Fragen nach der Relevanz dieser vergangenen Zeiten für heute stellt, wer in der Schau mehr als eine Ansammlung staunenswerter Malkunst von einst sehen will: Der nimmt sich am besten viel Zeit. Oder bleibt hier und dort hängen. Oder besucht eine Führung (wie sie zum Beispiel diesen Mittwoch angeboten wird).
Bürgersinn, 140 Jahre danach
Das Kunstmuseum wurde bei seiner Errichtung 1877 gefeiert als «Manifestation des Bürgersinns». In seiner Vernissagenrede wünschte sich Roland Wäspe eine neuerliche solche Manifestation: für den Umbau des Kunklerbaus. Das Projekt dazu ist vorhanden, für die Finanzierung braucht es den politischen Willen und Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung. Daran erinnerte Stadtpräsident Thomas Scheitlin: Das sei der letzte noch nötige Schritt für die Vollendung des Plans «3 Museen – 3 Häuser».
Und es sei entscheidend für die Positionierung St.Gallens als Kunststadt. St.Gallen stehe im Wettbewerb mit anderen Städten um die besten Arbeitskräfte und Unternehmungen – diese orientierten sich an der Attraktivität einer Stadt, und dafür wiederum sei ein ausgezeichnetes Kulturangebot entscheidend.
Dass Stadt und Staat dafür genug Geld brauchen, und dass am 12. Februar ein Nein zur USR III dazu beitragen könnte, den Staat nicht zugunsten der Wirtschaft weiter zu schwächen: Das sagte Scheitlin nicht.
Mehr zum Kunstmuseum, zur Sammlung, zum geplanten Umbau und zu den Erwartungen der Ostschweizer Kunstszene: im Themenschwerpunkt des Februarhefts von Saiten.
Marmornymphe mit Besucherinnen, im Hintergrund Spitzwegs Eremit.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.