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Zelleneinschluss

Seit drei Monaten besucht Silvan Rechsteiner regelmässig Ausschaffungs-Häftlinge im Basler Gefängnis Bässlergut. Hier sein Erfahrungsbericht samt Fotos, erschienen im Aprilheft von Saiten.
Von  Gastbeitrag
Bilder: Silvan Rechsteiner

Montagmorgen, 7:45 Uhr. Auf meinem Velo fahre ich in Richtung Zoll Otterbach. Auf der Freiburgerstrasse nur das Rauschen des Verkehrs. Ich kette das Velo fest, gehe über die grosse Asphaltfläche. Vor mir zwei gut gesicherte Gittertore. Ich drücke den roten Knopf.

«Guten Tag, Sie wünschen?»
«Ich möchte Abdou Ndiaye besuchen.»
Das erste Tor öffnet sich. Ich trete in die Schleuse. Das Tor rollt zu. Nun bin ich abhängig vom Sicherheitspersonal. Das nächste Tor öffnet sich. Ich gehe zum Eingang des Gefängnistrakts. Warte auf das Summen und drücke die Türklinke.

Im Gefängnis Bässlergut am Stadtrand von Basel leben bis zu 30 Männer in Ausschaffungshaft. Sie wurden von der Fremdenpolizei wegen fehlender Aufenthaltsbewilligungen festgenommen und sollen ausgeschafft werden. Die Inhaftierung soll sicherstellen, dass sie weder untertauchen noch weiterreisen – bis zu 18 Monate müssen die Männer hier auf ihre Ausschaffung warten. Administrativhaft. Ihnen werden keine Straftaten zur Last gelegt.

Ich schreibe meinen und Abdous Namen auf ein Formular. Das Blatt und meine Identitätskarte gebe ich ab. Ich bekomme einen Schlüssel. Rucksack, Portemonnaie und Smartphone deponiere ich im Schliessfach. Ich darf nur Papier in den Besucherraum mitnehmen.

Das Drehkreuz wird freigegeben. Ich stehe vor einem Aufseher, er bittet mich, den Metalldetektor zu passieren. Von ihm borge ich mir einen Stift.

Er öffnet die Tür: ein Flur. Schwarzer Boden, rechts an der Betonwand ein Bild: ein Basler Basilisk vor blutrotem Himmel. Der Aufseher begleitet mich in den kahlen Besucherraum. Eine der Wände aus Sichtbeton ist hellgrün. In der linken Ecke ein Kabäuschen mit Spionspiegeln. Drei Kameras an der Decke. Acht farbige Bilder. In der linken hinteren Ecke ein Schattengewächs.

Der Besucherraum. (Klick zum Vergrössern)

Heute ist wenig los. Am Montagmorgen arbeiten einige der Häftlinge. Ich bin alleine im Besucherraum. Ein Fenster steht offen. Es ist still, ich warte, habe ein flaues Gefühl im Magen. Gleich führt ein Aufseher Abdou durch die Tür.

Nur ein Presslufthammer und die Rufe der Bauarbeiter von der nahegelegenen Baustelle brechen die Stille. Das Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement baut aus und schafft einen eigenen Trakt für den Strafvollzug. Somit werden die 60 Haftplätze in Bau 1 für die Ausschaffungshaft verfügbar – doppelt so viele wie bisher. Mächtig sieht der neue Bau jetzt schon aus, obwohl er noch eingerüstet ist. Der Schriftzug Gefängnis Bässlergut ist bereits da: eingegossen in den dunklen Stahlbeton.

Die Waschküche.

Die Tür öffnet sich, ein Aufseher lässt Abdou in den Besucherraum. Herzlich begrüssen wir uns. Er trägt dunkelblaue Gefängniskleidung: Pullover und Trainerhosen. Dazu weisse Socken und Adiletten. Im Gesicht eine Brille mit schwarzem Gestell. Bevor er spricht, reibt er sich die Hände.

«Wie geht es dir?»

«Ça va. Quelquefois c’est difficile avec le moral. Il faut être patient.»

Abdou ist 58, geboren im Senegal. In Frankreich studierte er Ökonomie und wurde eingebürgert. 20 Jahre lebte er in Paris. Oft reist er durch Europa. Er spricht fliessend Wolof, Französisch, Italienisch, ein wenig Deutsch und Englisch.

Nach 15 Monaten Freiheitsentzug wegen Kokainschmuggels sitzt er nun seit sieben Monaten im Bässlergut in Ausschaffungshaft. Als EU-Bürger wartet Abdou darauf, endlich zurück ins nahegelegene Frankreich ausgeschafft zu werden. Seinen Pass hat er verloren. Er sagt, er habe ein Schreiben der französischen Präfektur vorgelegt, das seine französische Staatsbürgerschaft bestätige, aber die Behörden scheinen nicht einig zu sein. Bei vielen der Häftlinge erklärt sich die Schweiz als nicht zuständig für den Asylantrag. Aufgrund der Dublin-Verordnung schafft der Staat die Menschen in das jeweilige EU-Ersteinreiseland zurück, wo die Fingerabdrücke der Person vorliegen oder bereits ein Asylantrag gestellt wurde.

«Ici, tu es un fantôme. Tu es marginalisé.»

Neben dem Kontakt zu den anderen Häftlingen und den wenigen Besuchen von Freiwilligen und dem Solinetz Basel gibt es kaum Verbindungen nach draussen: Telefon- und Briefverkehr sind erlaubt. Abdous Freunde aus Basel besuchen ihn nicht:

«Ils ont peur.»

Abdou habe ich bei einem Besuch einer Gruppe kennengelernt, die einmal im Monat eine grosse Besuchsrunde organisiert. Seit drei Monaten besuche ich ihn regelmässig. Wut, Scham und Ohnmacht machen mir zu schaffen. In meinem Land schreiben wir uns eine humanitäre Tradition auf die Fahne und gehen dennoch ungerührt restriktiv und verantwortungslos mit Menschen anderer Herkunft um.

Abdou berichtet über seine Lage, und wie er die Schweiz sieht. Ich staune über seine Ruhe. Er mag wütend auf das Justizsystem, das Gefängnis sein und darauf, dass er schon so lange wartet. Dennoch wirkt er zuversichtlich.

Immer wieder fragt er: «En quel pays je me retrouve?»

Teile seiner Geschichte wiederholt er. Im Gefängnis gleicht jeder Tag dem anderen: 7:15 Uhr Zellenaufschluss, Frühstück, Besuch, Mittagessen. Am Nachmittag arbeitet Abdou. Einfache Aufgaben, wie Medikamentenverpackungen falten. Um 17 Uhr ist Zelleneinschluss. Sein Abendessen nimmt er in der Zelle ein. Bis am nächsten Morgen bleibt er allein.

Punkt zehn reissen uns die Aufseher aus der Unterhaltung. Wir verabschieden uns voneinander. Abdou geht zurück in seine Zelle, ich verlasse den Besucherraum durch die gegenüberliegende Tür. Vorbei am Basiliskenbild, zum Schliessfach, ich gebe den Stift zurück durch die Sicherheitsschleuse. Draussen beim Fahrrad sperre ich das einzige Schloss auf, über das ich bestimmen kann. Das Mulmige verlässt mich nicht – lebe ich in einer anderen Welt als Abdou?

Silvan Rechsteiner, geboren 1994, studiert am Institut HyperWerk der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und ist Mitgründer der Produktionsfirma Zeitversiegelung Filmschaffen. Seit drei Monaten besucht er regelmässig Häftlinge im Gefängnis Bässlergut. Der Name des Inhaftierten wurde zu seinem Schutz geändert.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

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