Sie haben Jenny Treibel aus Fontanes gleichnamigem Familiendrama für ein Bühnenprogramm gewählt. Was gefällt Ihnen an der Figur?
Die Widersprüchlichkeit! Jenny Treibel verkörpert eine Frau, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt und durch Heirat mit einem reichen Fabrikanten Teil der Bourgeoisie wird. Sie verteidigt ihren Besitz mit Zähnen und Krallen, denkt aber gleichzeitig von sich, dass sie tief in ihrem Herzen eine zarte Seele mit Sinn für Poesie ist. Sie erinnert sich gerne an ihre Jugendliebe, einen Professor, der ihr Gedichte geschrieben hat, ihr aber leider nicht genug verdient hat. Und diesen Konflikt finde ich spannend, er steckt ja in jedem von uns: Wir wollen Geld verdienen und sagen dann, dass wir dringend wieder ins Yoga müssen, um unsere Mitte zu finden.
Fontanes Vorlage ist ein komplexes Konstrukt mit vielen Akteuren. Wie haben Sie es geschafft ein Solo-Stück daraus zu machen?
Ich habe den Roman als Quelle genommen und mir alle Sätze herausgesucht, die ich als Jenny Treibel sagen kann. Da mir aber alle Werke von Fontane sehr gut gefallen, habe ich auch noch in Effi Briest, dem Stechlin und Irrungen und Wirrungen nach passenden Ergänzungen gesucht. Entstanden ist somit ein Monolog rein in Fontanesprache. Diesen habe ich mit Regisseur Valentin Jeker überarbeitet. Er wollte dann gerne mitspielen und hat nun die Rolle des Engelke bekommen, ein Bediensteter, der Frau Treibel den Tee bringt, sie tröstet, wenn sie einsam ist und wieder gehen muss, sobald es ihr wieder gut geht.
Haben Sie einen Lieblingssatz im Stück?
Da habe ich viele! Aber einen mag ich besonders. Sie spricht über ihren Ehemann: «Wenn ich ihm das sage, dann zieht er es vor, schwerhörig zu sein und frostig wie ein Schneemann.» Und wenn man Jenny Treibel so sieht, dann versteht man, dass er sie quatschen lässt und frostig ist wie ein Schneemann!
Sabine Wackernagel spielt Frau Jenny Treibel, geborene Bürstenbinder: 16. Mai 20 Uhr, Werkstattbühne des Theaters Konstanz. Das Stück ist im Juni 2019 auch im Frauenpavillon St.Gallen zu sehen.
Sabine Wackernagel liest Briefe aus dem Ehealltag der Bettine von Arnim: heute, 24. April, 19 Uhr, Raum für Literatur St. Gallen, veranstaltet von GdSL und Wyborada
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Mögen Sie die Figur denn?
Komischerweise ja. Zum einen deshalb, weil sie für mich als Schauspielerin viel hergibt, eben durch diese Widersprüchlichkeit. Zum anderen macht es Spass, diese Verlogenheit auf der Bühne zu zeigen und alles raus zulassen, was man im Alltag nie tun würde. Neulich habe ich eine Nachbarin getroffen, die eine furchtbare Person ist und ich habe sie freundlich gegrüsst, wie man das eben so macht. Man sagt «Guten Tag» und lächelt, tauscht ein paar Sätze aus und denkt sich danach: «Was für eine blöde Kuh!» Auf der Bühne kann man das direkt ausleben. Das ist auch das Schöne daran, eigene Programme zu entwickeln. Je älter ich werde, desto weniger Rollen gibt es für mich. Meistens kann ich entweder alte, liebe Omas spielen oder Frauen, die im Alter böse geworden sind. Da ist es doch schöner, etwas selbst zu konstruieren.
Fühlen Sie sich von den Rollen determiniert? Wenn man am Anfang als junge Schauspielerin Mädchenrollen spielt, dann Mütter und irgendwann Omas – prägt das das eigene Leben?
In gewisser Weise ja. In jungen Jahren habe ich immer das brave, kleinbürgerliche Mädchen gespielt. Und das war ich ja auch. Aber ich habe sehr unter diesen Rollen gelitten! Damals war ich in Tübingen am Theater und wir waren davon überzeugt, dass eine Revolution bevorsteht. Am Theater hatten wir das Prinzip der Mitbestimmung und es gab politische Schulungen. Nur zu gerne hätte ich eine Revolutionärin gespielt!
Gab es irgendwann eine Rolle, mit der Sie ausbrechen konnten?
Nein, es gab keine einzelne Rolle, an der ich das festmachen würde. Ich würde eher sagen, dass ich mich in Stufen entwickelt habe. Zur technischen Erfahrung als Schauspielerin kommt ja auch die Lebenserfahrung hinzu. In jungen Jahren habe ich die Komplexität und den doppelten Boden mancher Figuren nicht erkannt. Wir haben damals viel darüber diskutiert, ob man diese Figuren spielen soll oder ob man nur revolutionäre Stücke inszenieren darf. Aber man muss zeigen, wie Unterdrückung stattfindet und wie eine Entwicklung möglich ist, um die Botschaft verständlich zum machen. Darum geht es und nicht darum, Lehrsätze rauszuhauen.
Sabine Wackernagel in der Rolle der Jenny Treibel. (Bild: Theater Konstanz)
Haben Sie als Schauspielerin unter der Macht von männlichen Regisseuren gelitten?
Durch das Mitbestimmungsmodell am Theater haben wir Schauspieler mit den Regisseuren über die Besetzung diskutiert und versucht, den Hierarchien zu entgehen. Natürlich gibt es auch immer Rollen oder Stücke, die nicht optimal sind und die man trotzdem spielt. Dann geht man schon mal aus den Proben und sagt: «Was für ein Scheiss!» Aber Verbiegen würde ich das nicht nennen. Meine Tochter Katharina hat es beim Film viel schwerer. Mit dem Geld, das sie in TV-Serien und Filmen verdient, finanziert sie eigene Projekte. Schöne Rollen sind in der Alltagskost der grossen Sender leider rar gesät. Das ist am Theater besser.
Haben Sie sich für Frauenrechte engagiert?
Nein, dafür war ich viel zu links. Das Frauenproblem war zweitrangig, es löst sich im Sozialismus ja von selbst. Darüber haben wir kaum nachgedacht.
Haben Sie den Sozialismus live miterlebt?
Ja, wir waren des Öfteren in Ost-Berlin. Aber das war nicht das Ideal für mich als Linke. Alles war grau, kaputt und trostlos. Toll fand ich allerdings, dass die Menschen ins Theater gingen und vor Buchhandlungen Schlange standen. Ein Ideal aber wäre eher Kuba gewesen.
Was ist aus dem Revolutionsgedanken geworden?
Wir wurden vom Alltag überrollt. Ich habe drei Kinder. Für sozialistische Gesprächskreise war irgendwann einfach keine Zeit mehr.
Wie sehen Sie die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung?
Ich denke, wir alle sind beängstigt. Sogar Ökonomen sagen heute, dass Marx in seiner Analyse Recht hatte: Der Mensch wird als Verkaufsobjekt gesehen. Es geht immer weiter, immer mehr muss gekauft werden, neue Dinge müssen erfunden werden, um noch mehr zu konsumieren. Und dabei geht die Natur kaputt und auch der Mensch. Für diese Probleme muss eine globale Lösung gefunden werden. Jeden Tag hört man beispielsweise von Plastik im Meer. Aber wann wird es abgeschafft, dass jede Tomate einzeln verpackt wird? Wir wissen alle nicht, wie man das stoppen kann. Egal ob links oder rechts, die Politiker schaffen es nicht gegen den Lobbyismus. In den 70ern haben wir uns das einfacher vorgestellt.
Wie engagieren Sie sich heute politisch?
In kleinen Dingen. Ich fliege nicht viel, sondern fahre Zug. Und ich versuche Plastik zu vermeiden, indem ich beim Einkaufen meine eigenen Stoffbeutel dabei habe. Auch bei den Kleidern achte ich auf eine faire Produktion. Und beim Asiaten esse ich kein Huhn. Das sind ja die Ärmsten der Armen! Solchen Kleinkram mache ich schon. Leider kann ich aber nicht gross brillieren. Früher ging es mir um die Menschen. Heute sind die Hühner übriggeblieben.
Mehr zum Geist von 1968, 50 Jahre danach: im Maiheft von Saiten.
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