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Zu politisch für den Kulturpreis?

Sitterwerk-Gründer Felix Lehner erhält den grossen Kulturpreis der Stadt St.Gallen. Ein würdiger Preisträger – aber die Kulturkommission hatte, wie man hört, noch einen anderen Namen im Spiel: Theatermann Milo Rau.
Von  Peter Surber , 
Szenenbild aus «City of Change». (Bild: IIPM)

Die Kulturkommission schlägt vor, der Stadtrat entscheidet: So ist das Prozedere sowohl bei den jährlich vergebenen Werkbeiträgen und Förderpreisen wie auch beim alle vier Jahre vergebenen, mit 30’000 Franken dotierten Grossen Kulturpreis der Stadt St.Gallen.

Seinen Entscheid für den Kulturpreisträger 2018 hat der Stadtrat letzten Freitag bekanntgegeben: Es ist Felix Lehner, Kunstgiesser und Gründer des Sitterwerks St.Gallen. Der Kulturpreis würdige Kulturschaffende, «die sich um die Förderung des allgemeinen kulturellen Lebens der Stadt besondere Verdienste erworben haben und die in ihrem Tätigkeitsgebiet Leistungen von überregionaler Bedeutung erbracht haben», heisst es in der Mitteilung der Stadt, und weiter: «Felix Lehner vereint beides in mustergültiger Art und Weise: ein innovativer, aktiver, gut verankerter Kulturvermittler vor Ort und ein aktiver, professioneller, gut vernetzter St.Galler in der Welt.»

Lehners grosser «kultureller Fussabdruck»

Auf Nachfrage betont Stadtpräsiden Thomas Scheitlin den imposanten «kulturellen Fussabdruck» von Felix Lehner und der Stiftung Sitterwerk, in der Stadt und weit darüber hinaus. Lehners Kunstgiesserei spiele für die internationale Kunstwelt ebenso eine einmalige Rolle wie für die Stadtbevölkerung, zum Beispiel mit dem jährlichen «Mitternachtsguss» der Museumsnacht. Seine Verdienste für das kulturelle Leben der Stadt seien so unbestritten wie die überregionale Ausstrahlung seiner Arbeit. «Felix Lehner ist der ideale Kulturpreisträger.»

Auf Diskussionen über andere mögliche Kandidatinnen oder Kandidaten lässt sich Scheitlin nicht ein. Dem stehe zum einen das Kommissionsgeheimnis entgegen, zum andern gehe es nicht an, Namen gegeneinander auszuspielen. «Es war nicht ein Entscheid gegen jemanden, sondern ein Entscheid für jemanden.»

Soweit, so unanfechtbar. Felix Lehner ist ein perfekter Kulturpreisträger. Es wäre grotesk, seine Verdienste in Frage zu stellen.

Milo Raus St.Galler Wurzeln

Dennoch lohnt sich die Frage, ob es für einen St.Galler Kulturpreisträger Milo Rau nicht ebenso fraglose Gründe gegeben hätte. Beziehungsweise: Ob Rau zwar der Favorit der Kulturkommission war, dem Stadtrat jedoch nicht genehm oder angeblich zu wenig mit St.Gallen verbunden gewesen ist? Die Frage lässt sich wegen des Kommissionsgeheimnisses nicht beantworten. Drum ein paar eigenhändige Überlegungen.

Zum einen: Milo Rau wird international zwar oft als «Schweizer» Theatermacher benannt, manchmal auch als Berner, weil dort geboren. Er hat jedoch einen Teil seiner Kindheit und die ganze Gymnasialzeit bis 19-jährig in St.Gallen verbracht. Rau ist wie sein Vater St.Galler Ortsbürger, sein Grossvater war der Schriftsteller und Kulturvermittler Dino Larese, sein Grossonkel Franz Larese führte die Erker-Galerie. St.Gallischer geht es kaum. Ob man es wichtig oder provinziell findet, Herkunft so lokalchauvinistisch zu verorten, ist eine andere Frage.

Zum zweiten: 2011 hat Rau am Theater St.Gallen das Projekt City of Change realisiert. Missverständlich als «Stück über den St.Galler Lehrermord» nach dem Muster des von Rau praktizierten Formats des «Reenactments» angekündigt, war im Vorfeld eine Protestkampagne bis hin zu Drohungen gegen Schauspieldirektor Tim Kramer in Gang gekommen. Das ursprüngliche Vorhaben wurde vom Theater schliesslich abgeblockt. Rau veränderte es zu einem Debattenzyklus, der St.Gallen über mehrere Wochen auf Trab hielt und in dessen Zentrum die Forderung nach dem Ausländerstimmrecht stand. Im Sinn des «Theaters des Realen», für das Rau steht, gipfelte das Projekt in einer realen Petition an den Kanton – die allerdings ohne Wirkung blieb.

Zum dritten: Milo Rau arbeitet trotz europaweiter Vernetzung bis heute eng mit St.Galler Köpfen zusammen. Der Filmer und Architekt Marcel Bächtiger gehört dazu, der Theologe und Publizist Rolf Bossart ist zuständig für den Theorie-Hintergrund in Raus Theater-Unternehmen, dem International Institute of Political Murder (IIPM). Zuletzt erschien von Bossart und Rau das Dialogbuch Wiederholung und Ekstase (mehr dazu im Februarheft von Saiten). Zu nennen wäre daneben auch Raus Rumänien-Reportage in Saiten, für die er 2010 den Ostschweizer Medienpreis erhalten hat.

Aus diesen vielfachen st.gallischen Bezügen lassen sich zwei «verpasste Chancen» ableiten – beziehungsweise kann man hoffen, dass in vier oder acht Jahren ein Kulturpreisträger Milo Rau immer noch eine Option ist.

Stichwort Selbstbewusstsein

Milo Rau hat in den letzten Jahren einige der wichtigsten Theaterpreise gewonnen: Regisseur des Jahres und Inszenierung des Jahres 2017, Peter Weiss-Preis 2017, Einladung ans Berliner Theatertreffen 2017 und 2012, Preis des Internationalen Theaterinstituts 2016, Hörspielpreis der Kriegsblinden 2014, Schweizer Theaterpreis 2014. Lächerlich also, wenn jetzt auch noch die Kleinstadt St.Gallen ihrem «Sohn der Stadt» einen Preis gäbe? Im Gegenteil. Es wäre eine gute Gelegenheit, sich auf der europäischen Landkarte wieder einmal einzuschreiben als Ort der zeitgenössischen Kultur (und nicht nur der klösterlichen) und der kulturellen Humusbildung.

In seiner Dankrede zum Preis des Internationalen Theaterinstituts ITI am Welttheatertag 2016 in der Schaubühne Berlin hat Rau auf die Frage «Was ist Welttheater?» gesagt, er müsste jetzt eine Geschichte erzählen, «die irgendwann in den späten 80ern beginnt, als mir mein Grossvater ein Buch mit chinesischen Märchen in die Hand drückte». Raus eigene Theater- und Weltfaszination beginnt also offenbar mit Dino Larese, dem Herausgeber unter anderem der St.Galler Sagen, in Amriswil…

Stichwort Weltoffenheit

Ein Preis für Rau böte darüber hinanus die Gelegenheit, das versandete Thema des damaligen City of Change-Projekts wieder aufzugreifen. Die «Stadt des Wandels» könnte sich als Stadt der interkulturellen Partizipation und des Stimmrechts für Alle profilieren – oder die Thematik zumindest noch einmal neu diskutieren.

Wie Rau müssen im übrigen alle Kulturschaffenden raus aus St.Gallen – denn die Ausbildungsstätten sind anderswo, in Zürich, in Feldkirch, in Paris etc. Um gross zu werden, muss man weg. Um zu studieren, muss man weg. Um Kontakte zu haben, muss man weg. Im besten Fall kommt man zurück. Und sei es für einen Preis.

Interpellation zu «politischen KünstlerInnen»

Oder war es doch ein politisch motivierter Entscheid? Diesen Verdacht hat Stadtparlamentarier Etrit Hasler. Er plant daher eine Interpellation zum Kulturpreis unter dem Titel «Keine Preise für politische KünstlerInnen»?

Hasler will darin an die frühere Nicht-Unterstützung für den Historiker Hans Fässler und seine Ausstellung zum Gletscherforscher und Rassisten Louis Agassiz erinnern – damals ihrerseits mit dem fehlenden Stadtbezug begründet. Er zählt einige von Raus Theaterinszenierungen mit «politischer Materie» auf (die Stücke zu den Völkermorden in Ruanda und im Kongo oder den Text zum rechtsextremen norwegischen Terroristen Breivik) und fragt, ob Rau deshalb «übergangen» wurde.

Die Interpellation will vom Stadtrat erstens die Gründe der jetzigen Kulturpreis-Entscheidung erfahren, zweitens die Definition des «Bezugs zur Stadt» bei solchen Preisen und drittens, wie die Stadt das Bürgerrecht als Kriterium bei der Vergabe handhabt – in einer Zeit, da namentlich in grossen Kantonen die Berücksichtigung des Bürgerrechts als «alter Zopf» abgeschafft worden ist.

Der Glaube an die Macht der Kunst

In der vorhin genannten Rede zum ITI-Preis hat Milo Rau Jean Ziegler zitiert, der wiederum Georges Bernano zitiert mit den Worten «Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen.» Daraus leitet er seinen bis heute offenbar unerschütterlichen Glauben an die Macht des Theaters bei aller Ohnmacht ab. Dieser Wagemut allein wäre einen Preis wert. Auch einen stadt-st.gallischen. Irgendwann.

Noch einmal: All das spricht nicht gegen den aktuellen Kulturpreisträger – im Gegenteil. Mit dem Sitterwerk hat St.Gallen dank Felix Lehner einen Brennpunkt der Bildenden Kunst mit buchstäblich weltweiter Ausstrahlung bekommen. Der Film Feuer und Flamme legt davon, unter vielem anderem, Zeugnis ab. Das Kesselhaus Josephsohn als Teil des Sitterwerks ist ein Ausstellungsraum, der seinesgleichen sucht. Und das Bernano-Zitat von den «Händen» gilt für kaum einen Kunstschaffenden so sehr wie für den Hand- und Netzwerker Lehner.

Lehner ist, wie alle, auch einmal weggegangen. Und dann zurückgekommen. Dank ihm ist St.Gallen ein bisschen grösser, als es ohne ihn wäre.

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

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