, 18. November 2020
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Zu spät, Ma

Generationenkonflikt in der Kellerbühne St.Gallen: Dort hat das Mutter-Tochter-Stück «Herzzeitlose» von Margit Koemeda Premiere. Boglárka Horváth spielt, Matthias Peter inszeniert.

«Hab ich was falsch gemacht?» Die Frage der Mutter kommt gleich im Prolog. Es ist die Mutterfrage par excellence, wenn das Kind mit den Eltern plötzlich nichts mehr zu tun haben will. Wie hier Jenny, die Tochter, die eines Tages die Tür zuschlägt und klarmacht: «Zu spät, Ma.» Paul Simons Song Mother and Child Reunion ertönt zum Auftakt, doch er hallt ins Leere.

Probenbild mit Boglárka Horváth. (Bilder: Kellerbühne)

Auf der Bühne ein Stuhl, ein Kleiderständer, herumliegende Spielsachen, Zeitungen, stilisierte Frauenköpfe. Einer der Köpfe kommt als Mutter aufs Podest, einer verkörpert die Tochter, aus den Zeitungen knüllt und malt Boglárka Horváth nach und nach den Kopf des nur als Phantom anwesenden Vaters und die fuchtelnden Arme des Onkels. Der Kleiderständer wird zur Onkelfigur. Die Schauspielerin ist allein, und dennoch bevölkert sich die Bühne um sie herum immer mehr, mit Versatzstücken einer Familie, die nie wirklich Familie war.

Theater als Dramatherapie

Die Tochter holt Kindheitserinnerungen ans Licht und liest parallel aus dem Tagebuch der Mutter. «Verzicht, Fürsorge, Hintanstellen von eige­nen Wünschen, Mitgefühl, Zeit. War das alles nichts?»: Die Vorwurfslitanei der Mutter wechselt ab mit der Anklagestimme der Tochter: «Du hast mich nicht beschützt.» Die Stimmen kreuzen sich, dahinter taucht immer klarer die Schreckensfigur des Onkels auf, zu dem Mutter und Tochter gezogen sind und der die beiden terrorisiert, bis es die Tochter nicht mehr aushält.

Matthias Peter lobt beim Gespräch mit Saiten während den Proben den Text, die Genauigkeit der Dialoge, die Tiefenschichten hinter den Wörtern. Die Vorlage von Margit Koemeda, die stärker aus der Mutterperspektive geschrieben war, hat er so bearbeitet, dass die Tochter ins Zentrum tritt. In einer Art Therapieanordnung arbeitet sie die Geschichte des familiären Zerwürfnisses. Ein Unfall der Mutter, der ein Selbstmordversuch sein könnte, Übergriffe des Onkels, Schuldgefühle der Tochter gegenüber der Mutter und ihrem Lebensversagen: Solche Hintergründe seien angedeutet, aber auch im Offenen gelassen, sagt Peter.

Herzzeitlose: 18., 20., 21., 22. November und 10. Februar, Kellerbühne St.Gallen. Ab 25. Februar in Steckborn, Weinfelden, Gottlieben, Frauenfeld und Ermatingen.

kellerbuehne.ch

Das Spiel mit wechselnden Rollen kommt der Schauspielerin entgegen. Boglárka Horváth hat selber zwei Kinder von sechs und neun Jahren, war Ensemblemitglied am Theater St.Gallen und absolviert momentan zusätzlich eine Ausbildung zur Dramatherapeutin. Dort werde, wie hier auf der Bühne, mit Requisiten gearbeitet, würden Figuren durch Objekte verkörpert und die Reflexion ergänzt um körperliches Handeln. Der Kopf, der immer alles zurecht-rationalisieren könne, habe auf diese Weise nicht das letzte Wort, sagt Boglárka Horváth. Die Objekte reden mit.

Dinge verändern sich, wenn man mit ihnen spielt – das erinnere sie an das Spiel von Kindern, in dem sich alle möglichen Dinge mit Leben füllen können. «Kinder brauchen diese Art von Spiel» – und auch Jenny, die Tochter im Stück, kommt sich und ihrer Mutter so zumindest ein Stück näher. Allerdings ohne Happyend – zwischen den Generationen gibt es in Herzzeitlose keine Aussöhnung.

Die Kellerbühne setzt mit Herzzeitlose, das als Uraufführung in St.Gallen zu sehen ist und im Februar auf Tournee in den Thurgau geht, einmal mehr auf zeitgenössisches Kammertheater. Und will darüberhinaus deutlich machen, dass sich trotz verschärfter Corona-Restriktionen weiter engagiertes Theater machen lässt.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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