Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zürichs wilde Vergangenheit

Ab Donnerstag im Kinok: Glow, Gabriel Baurs kaleidoskopischer Dokumentarfilm über die Zürcher Ikone Lady Shiva.
Von  Corinne Riedener
Bilder: Cineworx

Irena Staub alias Irena alias Lady Shiva. Man kann sich vorstellen, wie diese Frau im Zürich der 1970er- und 80er-Jahre polarisiert haben muss – und fragt sich unwillkürlich: Wie das wohl heute wäre, in unserer reaktionär verrutschten Gesellschaft? 1975 gab es einen Film über sie, 2012 eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich. Lady Shiva sei eine postmoderne Ikone, behauptet Glow, der
neue Dokumentarfilm über sie, der im Dezember in die Kinos kommt.

Aber wer war Irene Staub, diese Frau, «die immer alle gleich behandelte, vom Arzt bis zum Strassenwischer», diese Diva, die Catherine Deneuve, Mick Jagger, David Bowie und Iggy Pop kannte, ihren Lebensunterhalt selbstbestimmt als Hure verdiente, Frontsängerin der Punkband Dressed Up Animals war und 1989 im Alter von 37 Jahren unter ungeklärten Umständen in Thailand verstarb?

Irene Staub alias Lady Shiva

Eine Idee davon erhält man, wenn sie zum Beispiel über die Liebe nachdenkt: «Ich verliebe mich immer wieder, es gibt verschiedene Lieben», sagt Irena in einer Szene. Und dass Liebe immer auch ein Stück weit Illusion sei.

«Wer ist eigentlich fähig zu lieben?», fragt sie und stellt fest: Die Liebe steht im Gegensatz zur Freiheit. «Sie darf nicht besitzergreifend sein. Das umzusetzen ist sehr schwer.» Irenas Song, den sie zusammen mit den Dressed Up Animals performt, unterstreicht die Gedanken- und Herzenswelt dieser unglaublichen Frau und ist eine der intensivsten Szenen In Glow. Und vielleicht gerade darum auch eine der letzten.

Nostalgie mit Weggefährten

Regisseur Gabriel Baur macht es – besonders dem jüngeren Publikum – relativ schwer, einen Zugang zu Irena zu finden. Der
Film setzt sich überwiegend aus altem Bildmaterial, wunderbaren Schwarzweiss-Fotografien und Interviews mit Irenas Weggefährtinnen und Weggefährten zusammen.

Ohne Vorwissen ist es schwierig, in den Film hineinzufinden. Wer ihn verstehen will, muss recherchieren vor dem Kinobesuch. Irenas Aufstieg bzw. einige wichtige Ereignisse werden nur in einzelnen englischen, typografisch recht unauffälligen Sätzen eingeblendet. «Ein Nostalgie-Streifen für die Szene von damals», denkt man als 1984 Geborene – und wünscht sich im gleichen Moment, mit Irena und den anderen zusammen jung und wild gewesen zu sein.

Premiere mit Regisseur Gabriel Baur: 7. Dezember, 20 Uhr, Kinok St.Gallen
kinok.ch

Es gibt diese Szene, in der die Dressed Up Animals, zu denen auch Karl Lienert und Federico Emanuel Pfaffen gehörten, die in Glow ebenfalls zu Wort kommen, über ihre Musik und das Leben reden. Rauchend, trinkend, wild durcheinander. «Es ist die Musik, die mich interessiert – sie ist das Intensivste und Persönlichste, das man machen kann», sagt Irena. «So kann man den Leuten alles mitteilen.»

Da wäre man gerne mit am Tisch gehockt. Wegen all der Schminke, dem Sex, den irren Kleidern und der revolutionären Action. Und um herauszufinden, ob Irenas Präsenz tatsächlich so enorm gewesen ist, wie man angesichts der vielen, ihr zu Füssen liegenden Männer und Frauen den Eindruck hat.

Die Dressed Up Animals

Wer einen klassischen Dokfilm erwartet, dürfte aber enttäuscht werden. Glow liefert kaum Jahreszahlen, folgt keiner Chronologie und bietet wenig Einordnungen – kein Wort über Irenas Kindheit oder darüber, dass sie selbst Mutter war.

Glow funktioniert eher als Panoptikum, als Kaleidoskop einer ausserordentlichen, bewegten und freiheitsliebenden Persönlichkeit. Gabriel Baur pinselt ein schillerndes Panorama aus einzelnen Charakterzügen auf die Leinwand, die zusammen die Person Irena Staub und die Figur Lady Shiva ergeben. Das erfordert – zurecht – eine gewisse Inkubationszeit, aber wer sich darauf einlässt, wird belohnt.

Viele wollten sie retten

Ursula Rodel, preisgekrönte avantgardistische Designerin und
eine langjährige Freundin Irenas, die ihrerseits ebenfalls einen Dokfilm verdient hätte, erinnert sich, wie es damals war, als sie Irena kennenlernte, bevor sie, unter anderem dank ihr, zur berüchtigten Modeikone wurde: «Ich hatte am Anfang Angst vor Irena, weil
alles an ihr so voluminös war. Eine Frau wie sie habe ich nur einmal gesehen in meiner Karriere. Irena war meine grösste Muse, ich musste sie immer und immer wieder malen.»

Ursula Rodel

Es gab auch schwierige Zeiten zwischen Rodel und Irena. «Sie musste Drogen konsumieren, um auftreten zu können», erklärt Rodel in einer Szene. Dreimal habe sie versucht, einen Entzug mit Irena zu machen. Sie habe sie behandelt wie den letzten Dreck, trotzdem seien sie jedes Mal clean nach Hause gekommen. Doch kaum seien sie wieder in Zürich gewesen, sei das Theater von vorne losgegangen. «Irena wäre die ganze Welt zu Füssen gelegen. Viele wollten sie retten, doch sie war eine zu starke Person, wir konnten alle nichts ausrichten.»

«Die einen schaffens, die anderen nicht», sagt Isabella Glückler, eine weitere Weggefährtin von Irena, auf die Frage nach dem Konsum von illegalen Substanzen zu dieser Zeit. «Irena hat es immer diskret gemacht und konnte ihre Sucht lange kaschieren.»

Ihr Tod auf dem Töff kam unerwartet. Manche tippen auf Selbstmord, andere glauben an einen Unfall. «Irena war verliebt und glücklich. Sie wollte sich ein neues Leben in Thailand aufbau- en», sagt Glückler. «Ich habe sie zufällig getroffen, einige Tage bevor sie abgereist ist.» Ursula Rodel hingegen glaubt an Mord. Irenas Tod habe ihr Leben extrem verändert, sagt sie am Ende des Films, und es scheint, wie wenn sie Irena erst gestern verloren hätte. «Seit sie tot ist, bin ich kaum mehr ausgegangen.
Es ist einfach nicht mehr das Gleiche.»

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Johnny Lopez,  

Habe sie gut gekannt des öftern einen Joint mit ihr geraucht und über Gott und die Welt diskutiert. Eine Frau wie sie habe ich nie mehr kennen gelernt.

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer