Es ist schon eine Auszeichnung, ans Klagenfurter Wettlesen eingeladen zu werden. Aber auch eine Herausforderung. Allein steht man da mit seinem Text, vor laufenden TV-Kameras, und dann nimmt die siebenköpfige Jury Mass – mal begeistert, mal kritisch, im Fall von Anna Stern mehrheitlich erklärtermassen ratlos. Wer sich das antut, muss ein dickes Fell haben.
Beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis, offiziell Tage der deutschsprachigen Literatur geheissen, erinnert nicht nur das Kürzel TddL an die gleichzeitig stattfindende TdF – es gibt Bergpreise und Abstürze, auch Skandale, bloss von Doping wie bei den Velofahrern ist bislang nicht die Rede.
Langeweile, Schwebezustand…
Hubert Winkels, der Juryvorsitzende, sagte es am Ende dieser 42. Durchführung des Wettbewerbs sinngemäss so: Es stimme schon, mal halte hier in Klagenfurt ein Tribunal und übe Macht aus. Die Mittel hätten sich aber gegenüber früheren Jahren zivilisiert, es gehe allen Jurorinnen und Juroren stark um die Texte, die Machart und nicht um den Inhalt oder darum, die Kollegen zu beeindrucken. Das stimmte im Fall der Auseinandersetzung mit Anna Stern – der Text, seine Konstruktion und seine Leerstellen standen im Zentrum.
Anna Stern (Bild: ORF)
Anna Sterns Warten auf Ava (der vollständige Text hier) dreht sich um eine schwangere Frau, die nach einem Bergunglück in den schottischen Hills offenbar im Koma liegt. Am Spitalbett sprechen reihum Paul, ihr Partner, und andere Bekannte, sie reden auf die Patientin ein, erklären sich oder stellen Bezüge her, etwa zu einem Flugzeugunglück vor Jahren an gleicher Stelle. Der Auszug ist Teil eines Romans, der 2019 erscheinen soll – für einen Teil der Jury ein Grund zur Kritik, es fehlten Zusammenhänge.
Der österreichische Juror Klaus Kastberger fuhr der Autorin am heftigsten an den Karren – er fand keinen Grund, für die Geschichte Interesse zu entwickeln, versank in Langeweile, «bei mir sperrt sich alles gegen den Text». Andere verteidigten die Bildhaftigkeit rund um Navigation und Katastrophen (Michael Wiederstein), sahen im Text «ein Opfer seiner eigenen Diskretion» (Stefan Gmünder) oder lobten das virtuose Spiel mit den Zeiten und den «Schwebezustand», den der Text erschaffe – so Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, welche Anna Stern nach Klagenfurt eingeladen hatte.
Alle Lesungen und Jurydiskussionen sind hier nachzusehen.
Kritik an der «denkfaulen Jury»
Am Donnerstag, dem ersten Lesetag, konnte man nach den mehrheitlich negativen Urteilen der Jury zumindest nicht damit rechnen, dass die junge Schweizer Autorin für einen der Preise in Frage käme. Ihr Verleger André Gstettenhofer vom Salis-Verlag rief denn auch in einem Mailing zur Unterstützung für den Publikumspreis auf – und lieferte gleich ein paar Begründungen mit, warum die Autorin den Preis verdient hätte, darunter auch ziemlich sarkastische wie: «Unsere Zeit und unsere Literatur brauchen Rätsel, keine beantworteten Fragen» oder gleich: «Lasst uns die denkfaulen Mitglieder der Jury bestrafen mit dem Publikumspreis für Anna Stern».
Dazu kam es dann jedoch nicht; vielmehr errang Anna Stern nach mehreren Stichwahl-Gängen den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis. Siegerin des Wettbewerbs und Gewinnerin des Bachmannpreises in der Höhe von 25000 Euro ist die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk mit Frösche im Meer, einem Text mit Migrationshintergrund.
Man habe viele Geschichten gehört, die gut gebaut seien, sagte Jurypräsident Winkels zum Schluss – früher seien experimentelle Texte zahlreicher gewesen, heute dominiere die «gut erzählte Geschichte». Zu diesen gehört zweifellos auch, soweit nach dem Ausschnitt zu beurteilen, Anna Sterns Warten auf Ava.
Anna Stern, Jahrgang 1990, stammt aus Rorschach, hat Umweltwissenschaften studiert und arbeitet als Doktorandin am Institut für Integrative Biologie an der ETH Zürich. Im Juniheft 2017 von Saiten erschien ihr Text S’isch Rorschach sowie die Besprechung ihres dritten Buchs Beim Auftauchen der Himmel. Bisher hat sie zudem die Romane Schneestill (2014) und Der Gutachter (2016) publiziert.
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