Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zuerst Haue, dann ein Preis

Gut gegangen, nachdem es zwischenzeitlich schlecht aussah: Die in Rorschach aufgewachsene Autorin Anna Stern kehrt mit dem 3sat-Preis vom Klagenfurter Literaturwettbewerb heim.
Von  Peter Surber

Es ist schon eine Auszeichnung, ans Klagenfurter Wettlesen eingeladen zu werden. Aber auch eine Herausforderung. Allein steht man da mit seinem Text, vor laufenden TV-Kameras, und dann nimmt die siebenköpfige Jury Mass – mal begeistert, mal kritisch, im Fall von Anna Stern mehrheitlich erklärtermassen ratlos. Wer sich das antut, muss ein dickes Fell haben.

Beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis, offiziell Tage der deutschsprachigen Literatur geheissen, erinnert nicht nur das Kürzel TddL an die gleichzeitig stattfindende TdF – es gibt Bergpreise und Abstürze, auch Skandale, bloss von Doping wie bei den Velofahrern ist bislang nicht die Rede.

Langeweile, Schwebezustand…

Hubert Winkels, der Juryvorsitzende, sagte es am Ende dieser 42. Durchführung des Wettbewerbs sinngemäss so: Es stimme schon, mal halte hier in Klagenfurt ein Tribunal und übe Macht aus. Die Mittel hätten sich aber gegenüber früheren Jahren zivilisiert, es gehe allen Jurorinnen und Juroren stark um die Texte, die Machart und nicht um den Inhalt oder darum, die Kollegen zu beeindrucken. Das stimmte im Fall der Auseinandersetzung mit Anna Stern – der Text, seine Konstruktion und seine Leerstellen standen im Zentrum.

Anna Stern (Bild: ORF)

Anna Sterns Warten auf Ava (der vollständige Text hier) dreht sich um eine schwangere Frau, die nach einem Bergunglück in den schottischen Hills offenbar im Koma liegt. Am Spitalbett sprechen reihum Paul, ihr Partner, und andere Bekannte, sie reden auf die Patientin ein, erklären sich oder stellen Bezüge her, etwa zu einem Flugzeugunglück vor Jahren an gleicher Stelle. Der Auszug ist Teil eines Romans, der 2019 erscheinen soll – für einen Teil der Jury ein Grund zur Kritik, es fehlten Zusammenhänge.

Der österreichische Juror Klaus Kastberger fuhr der Autorin am heftigsten an den Karren – er fand keinen Grund, für die Geschichte Interesse zu entwickeln, versank in Langeweile, «bei mir sperrt sich alles gegen den Text». Andere verteidigten die Bildhaftigkeit rund um Navigation und Katastrophen (Michael Wiederstein), sahen im Text «ein Opfer seiner eigenen Diskretion» (Stefan Gmünder) oder lobten das virtuose Spiel mit den Zeiten und den «Schwebezustand», den der Text erschaffe – so Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, welche Anna Stern nach Klagenfurt eingeladen hatte.

Alle Lesungen und Jurydiskussionen sind hier nachzusehen.

Kritik an der «denkfaulen Jury»

Am Donnerstag, dem ersten Lesetag, konnte man nach den mehrheitlich negativen Urteilen der Jury zumindest nicht damit rechnen, dass die junge Schweizer Autorin für einen der Preise in Frage käme. Ihr Verleger André Gstettenhofer vom Salis-Verlag rief denn auch in einem Mailing zur Unterstützung für den Publikumspreis auf – und lieferte gleich ein paar Begründungen mit, warum die Autorin den Preis verdient hätte, darunter auch ziemlich sarkastische wie: «Unsere Zeit und unsere Literatur brauchen Rätsel, keine beantworteten Fragen» oder gleich: «Lasst uns die denkfaulen Mitglieder der Jury bestrafen mit dem Publikumspreis für Anna Stern».

Dazu kam es dann jedoch nicht; vielmehr errang Anna Stern nach mehreren Stichwahl-Gängen den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis. Siegerin des Wettbewerbs und Gewinnerin des Bachmannpreises in der Höhe von 25000 Euro ist die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk mit Frösche im Meer, einem Text mit Migrationshintergrund.

Man habe viele Geschichten gehört, die gut gebaut seien, sagte Jurypräsident Winkels zum Schluss – früher seien experimentelle Texte zahlreicher gewesen, heute dominiere die «gut erzählte Geschichte». Zu diesen gehört zweifellos auch, soweit nach dem Ausschnitt zu beurteilen, Anna Sterns Warten auf Ava.

Anna Stern, Jahrgang 1990, stammt aus Rorschach, hat Umweltwissenschaften studiert und arbeitet als Doktorandin am Institut für Integrative Biologie an der ETH Zürich. Im Juniheft 2017 von Saiten erschien ihr Text S’isch Rorschach sowie die Besprechung ihres dritten Buchs Beim Auftauchen der Himmel. Bisher hat sie zudem die Romane Schneestill (2014) und Der Gutachter (2016) publiziert.

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02