, 27. August 2015
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«Zum Beispiel fahren wie ein Irrer»

Velokuriere huschen meistens schnell an einem vorbei. Bald kann man die rasenden Kuriere in St.Gallen aber ausführlich in Aktion beobachten: Über 150 Fahrer aus aller Welt kämpfen in den Gassen der Altstadt um den Titel des Schweizer Meisters.

Velokuriere verdienen ihr Leben damit, mit schweren Rucksäcken von A nach B zu heizen. Kurierfahren ist offensichtlich nicht nur ein Beruf, sondern irgendwie auch ein Sport. Und zwar einer, bei dem Kopf und Körper gefordert sind.

Davon überzeugen kann man sich an den Swiss & German Cycle Messenger Championships 2015, den Schweizer Meisterschaften der Velokuriere. Diese steigen am ersten September-Wochenende in St.Gallen. Die St.Galler Altstadt ist zum ersten Mal überhaupt Schauplatz der Schweizer Meisterschaft, die seit 1993 jährlich ausgetragen wird.

Und wer des Englischen mächtig ist, hat gemerkt: In St.Gallen fahren auch die Kuriere aus Deutschland ihre Meisterschaft. Der Grund: In Deutschland fand sich niemand, der für 2015 eine eigene Meisterschaft organisiert.

Doch die Szene ist europaweit gut vernetzt. Die St.Galler Organisatoren boten also Hilfe, und so kommt nun ein grosser Teil des Fahrerfelds aus Leipzig, Karlsruhe, Berlin und weitern Städten. Auch vereinzelte Fahrer aus Paris, London und Mailand sind dabei. Rund 150 Fahrer sind angemeldet, bis zu 200 könnten es werden. Am Start stehen auch acht Fahrer vom St.Galler Velokurier Die Fliege.

Wer Geschwindigkeit und Spektakel mag, wird nicht enttäuscht werden: Das Feld ist stark bestückt. So fährt der amtierende Europameister 2015 sowie frühere Schweizer- und Weltmeister mit.

Brutal steile Passagen

Auch die Rennstrecke hat es in sich: Grösstenteils führt sie über die holprigen Gassen der nördlichen Altstadt rund um den Klosterplatz; hoch von der Felsenbrücke bis runter zum Vadian-Denkmal. «Wir haben eine Strecke gesucht, auf der von allem etwas dabei», sagt Jürgen Wössner, Kurier bei Die Fliege und Ok-Präsident der Championships.

Ein Vorgeschmack darauf, was die Fahrer in St.Gallen erwartet:

Wössner hebt den «brutal steilen» Anstieg auf der Mühlenstrasse und die Abfahrt runter zum Einstein hervor. Aber auch die Passagen, auf denen man das Velo tragen muss (etwa von der Moosbruggstrasse die Treppen hoch zur Felsenstrasse) sind knackig. Und nicht zuletzt sei die St.Galler Altstadt eine «wunderschöne Kulisse» für ein solches Rennen.

Dieses läuft natürlich nicht wie ein normales Gümmeler-Rennen ab: Beim Hauptrennen am Sonntag gibt es am Morgen eine Quali. Dort erhalten die Fahrer so genannte «Manifeste» in die Hand gedrückt. Darauf ist angegeben, welche Checkpoints angefahren werden müssen – natürlich mit Fracht, die auf- und wieder abgeladen werden muss. «Es gibt dabei grundsätzlich zwei Taktiken: Fahren wie ein Irrer oder mit der Stadtkarte einen klugen Plan erstellen», sagt Wössner.

Die Rennstrecke ist durchwegs Einbahn – wer also einen Checkpoint verpasst, kann nicht einfach umkehren, sondern muss eine Zusatzschlaufe einlegen. Wer die Aufgaben am schnellsten erfüllt, kommt ins Finale am Sonntagnachmittag.

Dort gehts grundsätzlich mit dem gleichen Modus weiter, die zeitlich hinten platzierten Fahrer scheiden aber in einem KO-System laufend aus. Bei Rennschluss nach etwa drei Stunden steht dann eine Rangliste.

Wie so etwas abläuft, kann man hier auf einem Video von der Europameisterschaft 2014 sehen:

Pedalen und Party machen

Aber eben: Velokuriere haben nicht nur einen Ruf als verbissene Pedaler, sondern auch als fleissige Partymacher. So hat auch das SGCMC15 in St.Gallen ein dichtes Rahmenprogramm: Alleycat Party am Freitagabend in der Tankstell, am Samstag ab 17 Uhr steigen ein paar Aufwärmwettkämpfe bei der Projektwerkstatt im Güterbahnhof. Dort messen sich die Kuriere im Bergsprint bis nach Drei Weieren, im 150-Meter-Sprint oder im Skidden (rutschen mit blockiertem Fixie-Hinterrad), aber auch im Trackstand: Dort gewinnt, wer an Ort und Stelle am längsten auf den Pedalen stehen kann. Danach gibts ein Fest in der Projektwerkstatt. Und am Sonntag gibts beim Gallusplatz ab 9 Uhr eine Festwirtschaft mit Brunch und später auch Zmittag.

Jürgen Wössner wünscht sich für das Wochenende im Zeichen der Velokuriere viele Zuschauer. «Es kommt immer wieder vor, dass mir Leute sagen, sie würden Velokuriere nur aus dem TV kennen und wüssten gar nicht, dass es das auch in St.Gallen gibt. Das wollen wir ändern.»

 

 

SGCMC15 – Swiss & German Cycle Messenger Champhionships 2015. 4. – 6. September. Hauptrennen Sonntag, 6. September, Qualifikation ab 9 Uhr. Festwirtschaft beim Gallusplatz.

Weitere Infos & Programm auf der SGCMC15-Website.

Titelbild: Fahrer an der Schweizer Meisterschaft 2013 in Lausanne. (Bild: pd)

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