, 25. Oktober 2018
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Zum Saisonschluss nochmal in die Halle

Diesen Samstag lädt das St.Galler Lattich-Areal zum Saisonschluss-Fest. Damit geht auch die Halle zu – die SBB wollen sie anderweitig vermieten. Das temporäre Quartierprojekt wuchere aber weiter, sagt Mitinitiantin Gabriela Falkner: Bis im Frühling steht der neue Lattichbau.

Die Halle. (Bild: lattich)

Das Saisonschluss-Programm im Lattich ist so bunt wie das Areal selber: Musiker Roman Rutishauser lädt heute Donnerstagabend in seinen Container für Unerhörtes zu einer Werkstatt für improvisierte Musik – niederschwellig und kostenlos: Wer Lust hat, kommt und improvisiert «ohne Furcht und Tadel» mit. Nebenan gibt die Floristin Marianne de Tomasi am Freitag den letzten von vier Workshops, die sie seit September im mietbaren Container durchgeführt hat. Und am Samstag ist Fest von 16 bis 22 Uhr, unter anderem mit Musik von Dachs, Purzelbäumen auf dem Spielweg, Essen von den Heks-Gärtnerinnen und Gärtnern und Informationen zur Lattich-Zukunft.

Treffpunkt Hochbeet – Aufnahme vom Mai 2018. (Bild: lattich)

Diese Zukunft heisst in drei Stichworten: Die Halle ist weg, die Aktivitäten im Aussenraum gehen weiter, und aus der Brache wachsen die Holzmodule des temporären Lattich-Quartiers.

Die Halle konnte vor drei Jahren als eines der Herzstücke der Zwischennutzung auf dem Güterbahnhofareal in Betrieb genommen werden. 2017 gab es darin ein reichhaltiges Kulturprogramm, kuratiert und mit Bühnen-Infrastruktur ausgestattet von Ann Katrin Cooper und Tobias Spori.

2018 lag unter Leitung von Nathalie Bösch, der neuen Hallen-Chefin, das Gewicht stärker auf Begegnung und Soziokultur – Tagungen, Märkte, private und öffentliche Feste fanden statt, insgesamt rund 50 Veranstaltungen. Bemerkenswert erfolgreich seien die Sonntags-Angebote gewesen: ein Indiz dafür, dass der Sonntag in St.Gallen bisher eher kümmerlich belebt ist. Grossanlässe wie das Fest zur Eröffnung des Ruckhaldentunnels (samt eigener «Station Lattich» der Appenzeller Bahnen) oder der Kulturtag der Pädagogischen Hochschule füllten neben kleineren und privaten Anlässen die Halle.

Die Halle geht zu – ein Verlust?

Damit ist es künftig vorbei, die SBB suchen für ihre Halle wieder einen Dauermieter und verlangen dafür laut Ausschreibung rund 6500 Franken Miete pro Monat. «Wir bauen komplett zurück», sagt Lattich-Mitinitiantin Gabriela Falkner. Einrichtungen in der Halle und Installationen entlang der Rampe müssen wieder entfernt werden.

Saisonabschluss im Lattich:
27. Oktober ab 16 Uhr, Güterbahnhof-Areal St.Gallen
lattich.ch

Was geht damit verloren? Die Halle sei einerseits attraktiv gewesen, «weder alternativ noch hip», sondern offen für vieles, ein Möglichkeitsort ohne allzu klares und damit einschränkendes Profil. Andrerseits hatte das Rohe seine Nachteile, die Halle war ungeheizt und ohne Infrastruktur (von Licht und Ton bis zu Duschen), wie sie für ein Kulturlokal auf Dauer notwendig wäre.

Fazit aus der Besucherperspektive: St.Gallen verliert mit der Halle ein sympathisch kratziges Sandkorn im sonst vielfach allzu geschmierten Kulturbetrieb.

Aber Lattich wuchert weiter. Und auch Anlässe, die ein Dach brauchen, seien weiterhin möglich, denn im langgestreckten Gebäude gebe es noch andere «Hallen», sagt Falkner. Das Kugl ist gleich nebenan, mit ihm und anderen Institutionen wie der Projektwerkstatt, dem Förderraum, dem Licht-Geschäft Konigs oder der Schweizer Tafel sei im Lauf des Jahres der Kontakt intensiver geworden. «Nathalie Bösch hat viel für die gemeinsame Güterbahnhof-Stimmung getan.» Bezeichnend dafür: Wenn am Samstag um 22 Uhr aus Lärmschutz-Gründen Lichterlöschen ist in der Lattichhalle, «geht es im Kugl erst richtig los»; dies verspricht die Ankündigung zum Abschlussfest.

Halle in Bewegung – hier am Kulturtag der PHSG 2017. (Bild: PHSG)

Ohne die Halle und ihre Angebote wäre das Lattich-Projekt sicher in der Öffentlichkeit weniger stark wahrgenommen worden, ist Gabriela Falkner überzeugt. Ein eigentliches Kulturlokal zu betreiben, sei aber nie die Absicht gewesen; dafür gebe es in der Stadt mit Grabenhalle, Palace oder Kugl genügend andere Lokalitäten.

Von Beginn weg sei die Halle zudem nur eins von vielen Puzzleteilen des Lattich-Projekts gewesen. Und die anderen Teile bleiben – das Heks-Gartenprojekt mit Geflüchteten, die Gastronomie, der Musikcontainer von Roman Rutishauser, Hannes Rutishausers Einmann-Werkstatt «Sparkingranch», der Spielweg oder der mietbare Schiffscontainer.

Viel Resonanz für die Module

Künftig könnten kleinere Lattich-Anlässe dafür auf einer Dachterrasse stattfinden: zuoberst auf dem dreistöckigen Lattich-Bau, der vis-à-vis des alten Backsteingebäudes entsteht. Insgesamt 45 Holzmodule werden zu einem langgestreckten Quader zusammengebaut, konzipiert und gebaut von den Holzbauern Blumer-Lehmann AG in Gossau. Im November würden die Module vorproduziert, anschliessend soll die technische Infrastruktur erstellt werden mit Wasser und Strom, im neuen Jahr wird gebaut. Und ab April 2019 soll in den Modulen gearbeitet werden. Die Baubewilligung der Stadt für das Ostschweizer Pionierprojekt liegt seit September vor.

Informationsanlass zum künftigen Lattichbau mit Modell. (Bild: Dorothee Haarer)

«Auf dem Güterbahnhofareal soll ein temporäres Quartier entstehen, mit kleinteiligem Arbeitsraum und einem Umfeld für den wachsenden Wirtschaftszweig der Kreativwirtschaft.» So steht es als «Vision» auf der Lattich-Webseite. Die Zahl Interessierter sei gross, sagt Gabriela Falkner. An die zwei Informationsanlässe im September und Oktober seien je rund 30 Personen gekommen, weitere Termine gibt es im November und Dezember.

Bewerben kann man sich für eins, zwei oder drei Module von je knapp 30 Quadratmeter. Die Miete pro Modul beträgt monatlich 595 Franken. Im Moment sammle der Betreiberverein Lattich die Bewerbungen, Ende November sollen die ersten Verträge unterschrieben werden, Ziel sei ein guter «Mietermix», sagt Gabriela Falkner. Die Trägerschaft für das auf zehn Jahre befristete und nicht auf Rendite angelegte Projekt bilden private Geldgeber, die Basler Stiftung Edith Maryon sowie die St.Galler Kantonalbank. Das Baubüro in situ AG realisiert den Holzbau.

Infos: lattich.ch

 

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