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Zusammenschmelzen und entfalten

Was passiert, wenn Musiker:innen und Tänzer:innen gemeinsame Sache machen? Es wird musiziert und getanzt, klar. Doch was passiert, wenn sich die Grenzen dazwischen allmählich auflösen? Das zeigt die Produktion Klangtanz im Klanghaus Toggenburg.

2505 Alisa Strub Klanghaus X Saiten 0 4 von 98

Der Or­ches­ter­gra­ben ist ver­schwun­den. Die Mu­si­ker:in­nen ste­hen ge­mein­sam mit der Tanz­kom­pa­nie von Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len auf der glei­chen Spiel­flä­che. Der Balg des Schwy­zer­ör­ge­lis dehnt sich aus­ein­an­der. Am ei­nen En­de zieht ei­ne Mu­si­ke­rin, am an­de­ren ein Tän­zer. Der Kon­tra­bass wippt mit, bis auf ein­mal nur noch die Schrit­te ei­ni­ger Tän­ze­rin­nen zu hö­ren sind.

Beim ers­ten Zu­sam­men­tref­fen von Isa Wiss (Stim­me), Phil­ipp Moll (Kon­tra­bass) so­wie Eve­lyn und Kris­ti­na Brun­ner (Schwy­zer­ör­ge­li, Cel­lo, Kon­tra­bass) mit der Tanz­kom­pa­nie im ver­gan­ge­nen De­zem­ber schmol­zen die bei­den Wel­ten zu ei­ner neu­en zu­sam­men. «Es war auf ein­mal gar nicht mehr so klar, wer Tän­zer:in und wer Mu­si­ker:in ist», sagt Frank Fan­nar Pe­der­sen, Cho­reo­graf von Klang­tanz. Ge­mein­sam mit Chris­ti­an Zehn­der, dem künst­le­ri­schen Lei­ter der Klang­welt Tog­gen­burg, lud er zu ei­ner Art Jam­ses­si­on ein, es war der Start­schuss für ein spar­ten­über­grei­fen­des Pro­jekt, das ab En­de Mai im und um das Klang­haus zu er­le­ben sein wird.

Die bei­den ken­nen sich von der Ar­beit am Thea­ter Ba­sel, wo Zehn­der als Re­gis­seur und Kom­po­nist und Pe­der­sen als Tän­zer ar­bei­te­te. Schon vor ein paar Jah­ren lud Zehn­der ihn ge­mein­sam mit Ja­vier Ro­drí­guez Co­bos nach Neu St.Jo­hann ein, wo die bei­den Tän­zer in ei­ner Per­for­mance auf Schel­len­schöt­ter tra­fen. «Das war ei­ne kraft­vol­le und nach­hal­ti­ge Er­fah­rung, die zum Aus­gangs­punkt für die Ko­ope­ra­ti­on wur­de.» Zehn­der hat den Klang­tanz in­iti­iert. Pe­der­sen macht ge­mein­sam mit Ro­drí­guez die Cho­reo­gra­fie für die Per­for­mance, die ab En­de Mai am Schwen­di­see zu se­hen ist.

Ver­stecktes Poten­ti­al

Pe­der­sen glaubt, dass vie­le Künst­ler:in­nen in ih­ren Rol­len oft gar nicht ihr vol­les Po­ten­zi­al aus­schöp­fen kön­nen. «Klang­tanz ver­sucht nicht, Mu­si­ker:in­nen zu Tän­zer:in­nen zu ma­chen oder um­ge­kehrt. Aber die Mu­si­ker:in­nen in­te­grie­ren mehr Kör­per­lich­keit in ih­re Mu­sik, wäh­rend die Tän­zer:in­nen Rhyth­mus und Klang in ih­re Be­we­gun­gen auf­neh­men. Es geht dar­um, Über­schnei­dun­gen zu fin­den.»

Es ist ein Ex­pe­ri­ment, auf das sie sich ein­las­sen. Und da­mit passt die Pro­duk­ti­on per­fekt in das neue Haus, wo die Gren­zen von Klang und Re­so­nanz aus­ge­lo­tet wer­den. Das Klang­haus ist ein Ort der Krea­ti­on. Es ist nicht nur ei­ne Büh­ne, son­dern vor al­lem ei­ne Werk­statt. Der Pro­zess steht im Vor­der­grund. Im Klang­tanz wird es im­mer wie­der An­ker­punk­te ge­ben, doch da­zwi­schen ist auch viel Raum für Im­pro­vi­sa­ti­on. «Die vier Mu­si­ker:in­nen wer­den ge­mein­sam mit der Tanz­kom­pa­nie das Haus in Be­sitz neh­men und es in je­der Ecke aus­lo­ten», sagt Zehn­der. Ne­ben ih­nen kom­men auch lo­ka­le Schel­len­schöt­ter zum Ein­satz.

Das Klang­haus mit sei­nen or­ga­ni­schen For­men prägt die Per­for­mance be­deu­tend mit. «Der Bau hat Ele­men­te, die an Pa­ra­bol­spie­gel oder Ele­fan­ten­oh­ren er­in­nern», fährt Zehn­der fort. «Sie vi­sua­li­sie­ren die Idee, die Laut­sphä­re und ih­re Im­pul­se von aus­sen auf­zu­neh­men und zu et­was Neu­em zu­sam­men­flies­sen zu las­sen.» So führt auch der Klang­tanz aus der Land­schaft in das Haus. Das Pu­bli­kum wird draus­sen emp­fan­gen und ir­gend­wann in das Haus be­glei­tet.

Das Stück passt zur bis­he­ri­gen Ar­beit von Pe­der­sen am Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len. Im­pro­vi­sa­tio­nen mit den Tän­zer:in­nen wa­ren im­mer die Quel­le in sei­nen letz­ten Pro­duk­tio­nen. Die Tanz­kom­pa­nie trifft sich in ei­nem Raum und lie­fert Ideen, die aus­pro­biert und dann gross­zü­gig ver­wor­fen wer­den. «Die Tän­zer:in­nen sind äus­serst krea­tiv und ge­hen mu­tig an die Sa­che ran. Das Ziel ist es, ge­mein­sam mit dem Pu­bli­kum et­was Neu­es zu er­le­ben.»

Pro­vo­kation muss sein

Zehn­der macht kein Ge­heim­nis dar­aus: «Der ei­ne oder an­de­re Tog­gen­bur­ger kann viel­leicht mit Ex­pe­ri­men­ten nicht so viel an­fan­gen, vor al­lem nicht, wenn sie mit Tra­di­tio­nen in Ver­bin­dung ste­hen.» Auf­kom­men­de Ängs­te, dass das ge­heg­te Brauch­tum miss­braucht und ver­hunzt wer­de, sei­en ver­ständ­lich. Dem will Zehn­der ent­ge­gen­set­zen, dass es sich im­mer um ei­ne ge­gen­sei­ti­ge An­nä­he­rung han­delt. Schliess­lich müs­se Kul­tur auch manch­mal an­ecken. «Wer Tra­di­tio­nen le­ben­dig hal­ten will, soll­te sie nicht nur kon­ser­vie­ren, son­dern auch wei­ter­ent­wi­ckeln.» Er will die po­li­ti­sche Ver­ein­nah­mung von Tra­di­tio­nen auf­bre­chen und für al­le öff­nen, die sich da­von in­spi­rie­ren las­sen wol­len. «Wir soll­ten die da­mit ver­bun­de­nen Wer­te nicht ze­men­tie­ren, son­dern mu­tig im­mer wie­der auf den Prüf­stand stel­len.»

Eng­li­sche Tou­rist:in­nen ver­hal­fen dem Alp­horn zum heu­ti­gen Kult­sta­tus, und auch das Hack­brett oder das Schwy­zer­ör­ge­li sind kei­ne rein schwei­ze­ri­schen Er­fin­dun­gen. «Schwei­zer Volks­mu­sik war nie et­was rein Länd­li­ches. Sie war schon im­mer ge­prägt von städ­ti­schen und in­ter­na­tio­na­len Ein­flüs­sen», er­klärt Zehn­der. Die Tanz­kom­pa­nie, be­stehend aus jun­gen Men­schen aus der gan­zen Welt, nimmt das Tog­gen­burg an­ders wahr als die ein­hei­mi­schen Schel­len­schöt­ter. Und die Mu­si­ker:in­nen, die al­le aus der neu­en al­pi­nen Volks­mu­sik kom­men, wer­den zu­sätz­lich für po­si­ti­ve Rei­bung sor­gen. Üb­ri­gens ist auch die Mu­sik noch nicht kom­po­niert. Sie ent­steht bei den Pro­ben, die ge­ra­de an­ge­fan­gen ha­ben. Und so wie Klang und Kör­per schon im­mer zu­sam­men­ge­hör­ten, wer­den auch Tra­di­tio­nen und Ex­pe­ri­men­te zu ei­nem neu­en Stück zu­sam­men­ge­führt.

Klang­tanz: 30. Mai (Pre­mie­re), 31. Mai, 13. und 14. Ju­ni, je­weils 19:30 Uhr, Klang­haus Tog­gen­burg, Wild­haus.
klang­welt.ch

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