Drei Tänzer:innen liegen reglos auf dem Boden des Proberaums. Im Hintergrund erklingen weibliche Stimmen aus den Boxen. Bei näherem Hinhören offenbart das Gespräch Fragen und Antworten zu einer Bekanntschaft, einer Beziehung, Situationen und Gespräche einer Frauenfreundschaft. Die Stimmen sprechen auch über die Liebe. Über Mexico. Über Diego.
Die Körper regen sich. Sie strecken die Finger, heben die Unterschenkel, recken die Hände nach oben. Ächzend wirken die Regungen, die Glieder leicht unnatürlich verdreht – es scheint, als koste es enorme Energie, in Bewegung zu kommen. Die Tänzer:innen wirken wie Marionetten, fremdgesteuert. Langsam nehmen sie Fahrt auf, sie laufen, laufen schneller, fangen an zu tanzen, als würde eine unsichtbare Kraft ihnen neuen Lebenswillen einhauchen.
Die zwei Fridas
«Die zwei Fridas waren für mich der ausschlaggebende Moment für die Konzeptidee», sagt Nadika Mohn. Kahlos Gemälde Die zwei Fridas von 1939 zeigt zwei den Betrachter:innen zugewandte Fridas auf einer Bank sitzend. «Die zwei Persönlichkeiten oder Seiten von Frida Kahlo in ihrem Gemälde haben mich angesprochen.»
Frida Kahlo: Die zwei Fridas, 1939
Die 47-jährig verstorbene Kahlo wuchs während der Mexikanischen Revolution auf, war Mitglied der Kommunistischen Partei Mexikos und setzte sich stark mit der Rolle der Frau auseinander. Nach einem schweren Verkehrsunfall mit achtzehn Jahren litt Kahlo unter chronischen Schmerzen und musste sich immer wieder Operationen unterziehen, die sie lange Abschnitte ihres Lebens ans Bett fesselten.
Ihr Leben, geprägt von physischem und psychischem Schmerz, nicht zuletzt verstärkt durch die Liebesbeziehung mit dem Maler Diego Rivera, welche von zahlreichen Affären beiderseits gezeichnet war, ist immer wieder in Kunst und Tanz und Film dargestellt worden. ZWEI sei aber nicht als blosse tänzerische Darstellung von Frida Kahlos Leben gemeint, sagt Mohn. «Vielmehr vermischt sich ihre inspirative Kraft mit unserem persönlichen Erleben.»
ZWEI: 19. bis 21. August Lokremise St.Gallen 6. November Kantonsschule Trogen 9. November Presswerk Arbon 11. und 12. November Tanzraum Herisau alle Vorstellungen um 20 Uhr
nadikamohn.ch
Die 1995 in Trogen geborene Tänzerin schliesst mit ZWEI an EINS an, ihre erste Tanzproduktion von 2021. Dort performte sie selbst zu Minmal Techno von Milian Mori ihre eigene Choreografie. Standen in ihrem Solo-Debut Einsamkeit und Leere im Zentrum, gewährt Mohn auch in ZWEI einen sehr persönlichen Einblick in ihr Gefühlsleben.
Die körperlichen und seelischen Leiden Kahlos haben Mohn inspiriert, ihre Figuren als drei Einheiten auf die Bühne zu schicken. Die Tänzerinnen Ariana Qizmolli und Tamara Bermudez und Tänzer Mauricio Zuñiga verkörpern je eine Einheit, die über individuelle Rollen und Aufgaben verfügen: «Geist», «Emotion» und «Künstlerischer Ausdruck». Mit dieser Dreiheit erzählt die Performance eine aufreibende tänzerische Darstellung von persönlichem Unbehagen und Zerfall.
Mit Hip Hop wachsen
Die Entwicklung der Choreografie teilte sich Nadika Mohn mit der 1998 geborenen, im Thurgau aufgewachsenen Ariana Qizmolli. Entstanden sind zwei unterschiedliche Tanzperformances, unterlegt mit einer Musikcollage aus HipHop, Rancheras und Dream Pop.
Aussergewöhnlich mag Qizmollis Musikwahl für ihre Choreografie scheinen: United in Grief von Rapper Kendrick Lamar. «In dem Stück geht es um Leid», sagt sie, «und das ist der Ausgangspunkt meiner Choreografie. Wir alle im Leben trauern.» Die Performance zeige den Prozess des Neubeginns und des Wachstums, der sich nach einer Trauerphase einstellen würde. «Das ist meine Verbindung zu Frida Kahlo, der Neuanfang.»
Qizmolli, die 2019 eine Ausbildung in Zeitgenössischem und Urbanem Bühnentanz abgeschlossen hat, erkennt sich auch im Aktivismus und Feminismus Frida Kahlos wieder: «Mein Aktivismus fängt da an, dass ich ich selbst bin und meine Geschichte erzähle.»
Eins ist sicher – in ZWEI bieten die Tanzschaffenden unter Nadika Mohns Leitung eine ausdrucksstarke Interpretation vom Zerfall und Wachstum und vereinen so generationsübergreifend Geschichten von starken Frauen, die etwas zu erzählen hatten und haben.
Das Schicksal brachte die mexikanische Malerin zu ihrer Kunst. Am Samstag hatte das Tanzstück «Frida Kahlo» von Philipp Egli am Theater St. Gallen Premiere. Stefan Späti war beeindruckt.
Das «Rote Velo» rollt wieder an: Die Tanzkompanie um Exequiel Barreras und Hella Immler spielt in der Grabenhalle ihr neues Stück «Uppercut». Und will die freie Szene in St.Gallen beleben.
Geduld, um das sanfte Messer der Hoffnung zu schärfen: Vor 20 Jahren begann der Aufstand der Zapatisten in Chiapas. An Neujahr erinnerten Kaspar Surber und Maurus Bieler im Palace an die Botschaften aus dem lakandonischen Urwald. Hier die Rede.
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.