Zum Apero gibt es Lavash, das hauchdünne armenische Fladenbrot, gefüllt mit Köstlichkeiten aller Art. Wie die Frauen traditionell Lavash kneten und backen, kann man in der zur Ausstellung erschienenen Broschüre nachlesen, es wäre eine Geschichte für sich.
Seit 2014 ist Lavash als immaterielles Kulturerbe von der Unesco anerkannt. Noch immer geleugnet, zumindest vom Täterstaat Türkei, ist hingegen der Genozid von 1915, dem rund eine Million Armenierinnen und Armenier zum Opfer gefallen sind. Der Nationalrat hat ihn 2003 anerkannt, der Bundesrat druckst bis heute herum.
Allgegenwärtig: der Genozid
Manushak Karnusian, im Berner Oberland aufgewachsene Buchautorin, hat den Genozid an den Armeniern in ihren Genen, wie sie in ihrer Vernissagerede erzählt: Die Grosseltern waren dem Völkermord entkommen, unter anderem dank dem aus Ausserrhoden stammenden Krankenpfleger Jakob Künzler, der im heute türkischen Urfa rund 8000 armenische Kinder gerettet hat. Karnusians Vater forschte und publizierte über den Genozid, kämpfte um Öffentlichkeit für das Menschheitsverbrechen, von dem damals in den 70er-Jahren in der Schweiz kaum jemand wusste.
Armenien, sagt Karnusian, bestand für sie als Jugendliche aus einem unaussprechlichen Namen, einer unleserlichen Schrift und den allgegenwärtigen Erzählungen vom Genozid. Eine «Überforderung»; erst viel später sei sie wirklich «zur Armenierin geworden»: dank Kontakten mit jungen, für Armenien engagierten Leuten, durch das allmähliche Erstarken der Diaspora, der es zuvor «die Stimme verschlagen hatte», und durch ihre eigenen Aktivitäten, unter anderem das Porträtbuch Unsere Wurzeln, unser Leben, 2015 zum Jahrestag des Genozids erschienen.
Karnusians eindringliche Rede inspiriert den Geiger Shant Eskenian, der zusammen mit Cellistin Angelika Zwerger die Vernissage umrahmt, zu einem Sehnsuchtslied; das zahlreiche Vernissagepublikum lässt sich dazu auffordern, den Bordun mitzusummen, und so ist Armenien plötzlich nicht mehr das ferne unbekannte Land, sondern wird hinten im Neckertal zu einem gemeinsamen Klang.
Schönheit und Zerfall
Die drei Fotografen Sebastian Stadler, Patrick Cipriani und Till Martin leisten ihrerseits intensive und inspirierte Vermittlungsarbeit. Sie haben das Land erforscht und dokumentieren es mit mal poetischen und mal ungeschönten Bildern.
Till Martin: Sight Walks.
Eher abstrakt bleibt die den Raum eröffnende Bild-Installation in Schwarzweiss von Patrick Cipriani. Till Martin rückt Bäume, Fassaden, Landschaften und Stadträume mit einem Auge für Strukturen und Muster ins Bild. Schönheit mischt sich mit Zerfall und Spuren der Armut, das eine wie das andere in geheimnisvolles, diffuses Licht getaucht.
Shifting Cascades: bis 15. September, Propstei St.Peterzell 11. August, 16 Uhr: Konzert mit Vahram Sargsyan
ereignisse-propstei.ch
Sebastian Stadler ist derjenige im Trio, der Armenien dank einem halbjährigen Zivildiensteinsatz «entdeckt» hat. Er stellt zum einen 34 Bilder, gedruckt auf armenischen Travertin, in den Raum, halb Klagemauer, halb Ikonenwand. Zudem zeigt er auf zwei grossen Projektionsflächen die Videoarbeiten Apartment Ararat und Gambit.
In der ersten zieht Eriwan, die Hauptstadt, als nächtliches Lichtermeer vorbei, der Ararat ragt auf, Armeniens heiliger, im türkischen Ausland liegender Berg, Wohnplattenbauten im Sowjetstil werden von Strassenszenen abgelöst, fantastische Felsformationen und dampfende Quellen zeugen vom Reichtum der Landschaft, notdürftig gemörtelte Mauern von der Mangelwirtschaft. Bauarbeiter sind am Werk, einmal gestikuliert ein Mann am Strassenrand, die Szene bleibt rätselhaft.
Sebastian Stadler: Apartment Ararat.
Konzentrierte Mienen, nervöse Finger, angespannte Blicke: Gambit, der zweite Film, zeigt in Grossaufnahmen Schach spielende Jugendliche. Das Nationalspiel Armeniens ist offizielles Schulfach. In der Propstei lädt ein Schachbrett zum Spielen ein. Dazu fehlt an der Vernissage die Zeit, denn es ist auch noch eine ganze Bibliothek zu studieren.
Was man dort unter anderem erfährt: Nicht nur im Schach, sondern auch am Eurovision Song Contest ist Armenien jeweils vorne mit dabei. Wie sich die Nachbarländer Aserbeidschan und Armenien popmusikalisch das Leben schwer machen, schildert einer von rund zwanzig Begleittexten zur Ausstellung. Dazu kann man sich die Youtube-Filme aller armenischen ESC-Auftritte ansehen und ein Buch auf Armenisch über den prominentesten Exilmusiker des Landes, Charles Aznavour in die Hand nehmen.
Die temporäre armenische Bibliothek in der Propstei. (Bilder: Patrick Cipriani)
Ernster sind die anderen Abteilungen der eigens für die Ausstellung zusammengestellten Bibliothek, die das Herz der Ausstellung bildet. Sie behandeln die Geschichte der Schrift, frühe Christianisierung und klösterliche Kunst, den Genozid und die Verträge von Sèvres und Lausanne: In Sèvres, 1920, sollte nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs den Armeniern vorerst ein eigener Staat zugestanden werden, in Lausanne 1923 garantierten die Grossmächte dann nur noch einen fragilen Minderheitenschutz innerhalb des erstarkten türkischen Staats. Zum eigenen Staat wurde Armenien so erst nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991.
Andere Beiträge handeln allgemeiner von der Bibliothek als Wissensort, vom Kulturerbe oder von einem Europa, das gerade daran ist, seine Grenzen dicht zu machen.
Schliesslich, unscheinbar am Rand, zeigt die Ausstellung einige Eindrücke der «samtenen Revolution» vom Mai dieses Jahres, als eine so beharrliche wie friedliche Bürgerschaft das autokratische Regime stürzte und Oppositionsführer Nikol Paschinjan zur Macht verhalf. Eindrücke dieser pazifistischen Revolution sind im Juniheft von Saiten nachzulesen. Dort haben die Fotografen und die Kuratorin der Ausstellung, Angela Kuratli, von ihrer damaligen Reise nach Eriwan berichtet. Anlass war die Ausstellungseröffnung in Eriwan, wo «Shifting Cascades» bereits Anfang Mai gezeigt wurde – genau zur Zeit des friedlichen Aufstands.
Die samtene Revolution: Protestfahrt am Sacharow-Platz in Eriwan (Bild: Till Martin, April 2018)
Zum 17. Mal gibt es im Neckertal die «Ereignisse Propstei St.Peterzell», wieder ist Angela Kuratli für die sommerliche Ausstellung verantwortlich. Warum Armenien? Die Frage, sagt die Kuratorin in ihrer Begrüssungsrede, sei ihr schon «gefühlt dreitausend Mal» gestellt worden. Für sie selber war es seit langem die Faszination für die Schrift, für Co-Ausstellungsmacher Christian Hörler die Faszination für Steine.
Eine eigene Antwort auf die Warum-Frage kann man sich in der Propstei auf vielen Wegen suchen. Und mit einiger Sicherheit wird man danach einmal googlen, wie es mit einer Reise nach Armenien aussähe. Oder zumindest was die Schriftzeichen bedeuten, die ein Mönch im frühen 5. Jahrhundert erfunden hat, und die den Weg durch die Ausstellung weisen.
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Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
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Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
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