, 2. Februar 2012
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Zwischen Hollywood und Sozialstudie

Immer wieder ist dem Schauspieler Karl Markovics eine Figur durch den Kopf gegangen, mit der er nichts anfangen konnte. Also machte er sie zur Hauptfigur seines Regiedebüts «Atmen» und genau das zu ihrem Thema. – Mit Roman Kogler kann niemand etwas anfangen. Seine Mutter nicht (sie gab ihn als Baby weg), seine Betreuer im Jugendgefängnis […]

Immer wieder ist dem Schauspieler Karl Markovics eine Figur durch den Kopf gegangen, mit der er nichts anfangen konnte. Also machte er sie zur Hauptfigur seines Regiedebüts «Atmen» und genau das zu ihrem Thema. – Mit Roman Kogler kann niemand etwas anfangen. Seine Mutter nicht (sie gab ihn als Baby weg), seine Betreuer im Jugendgefängnis nicht und er mit sich selbst erst recht nicht.

Der neunzehnjährige Roman sitzt in einer Jugendstrafanstalt ausserhalb Wiens – bereits seit fünf Jahren – und sucht einen Job um frühzeitig auf Bewährung aus der Haft entlassen zu werden. Als er eine Stellenanzeige von der Wiener Bestattung sieht, meldet er sich dort zur Arbeit. Auf den wortkargen Roman, treffen grantige Kollegen.

Bei der Abholung einer weiblichen Leiche im Franz-Josef-Spital spottet sein boxnasiger Mitarbeiter, ob er denn noch nie eine Nackerte gesehen hab – er ahnt nicht, dass Romans Augen nicht wegen dem Aussehen der Leiche aufgerissen sind, sondern weil sie heisst, wie er: Kogler.

Bekanntlich herrscht zwischen Wien und dem Tod ein inniges Verhältnis – trotzdem verweigert sich der Film wider Erwarten diesem Filter. Die Verstorbenen sind ein Teil, der andere aber geht um Roman und seinen Weg zurück ins eigenständige und selbstbestimmte Leben.

«Atmen» ist der erste Film des als Schauspieler bekannten Österreichers Karl Markovics, der damit ein Werk in die Kinos bringt, dass sich dem Sozialrealismus verpflichtet fühlt und trotzdem «Hollywood für die Armen» sein will. Markovics sagt in einem Interview, dass er die «Intellektuelle Panik vor Ästhetik, vor Poesie» nicht teilt. Er dreht in Scope (Breitbild) und arbeitet mit Musik.

Entstanden ist so ein mehrfach ausgezeichneter Film, der sich nicht davor scheut eine Geschichte zu erzählen und dabei Blicke in einen Alltag zu werfen, den man so genau gar nie sehen wollte – weil es doch so schön ist, Unschönes auszublenden. Diese Balance zwischen leichtköstigem Hollywood und tonnenschwerer Sozialstudie schafft der Film mit wohltuender Entspanntheit.

«Atmen» läuft ab heute im Kinok St.Gallen.

Im Februar-«Saiten» «Willkommen in der Zweckgemeinschaft» schreibt der Filmkritiker Geri Krebs über das österreichische Filmschaffen.

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