Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben das Thema «Klimawandel» ziemlich in den Hintergrund gedrängt. Vielleicht wird es aber gerade wieder aktuell, wenn das Sommerwetter einmal mehr durcheinandergerät und negative Rekordwerte produziert wie in diesem Juni.
In der Orangerie des Botanischen Gartens St.Gallen ist das Klima ein wichtiges Thema, in der Ausstellung «Bäume in der Stadt». Als Besucher:in wird man aber nicht ständig vom Mahnfinger verfolgt. Man begegnet auch ganz anderen Themen, zum Beispiel dem Baum als Lebensraum und Lebensgemeinschaft. Man trifft auf prominente Bäume wie die Linde auf dem Gallusplatz, den Gingko auf dem Roten Platz oder die Rosskastanien auf der Kreuzbleiche, aber auch auf Bäume, die man leicht übersieht.
Blick in die Ausstellung. (Bilder: Grün Stadt Zürich/Ayse Yavas)
Wenn das alles zu pädagogisch inszeniert würde, zu alarmistisch, würden die Leute bald einmal abhängen, meinte Heidi Moser, Co-Leiterin des Botanischen Gartens, an der Vernissage. Zielführender sei es, das Publikum neugierig auf die Bäume zu machen, es in deren lebendige, vernetzte und spannende Welt zu führen, ihm die Augen zu öffnen.
Gesucht: Stadtbäume für morgen
Die lebendig und sympathisch inszenierte Ausstellung in dem lichten, hohen Gebäude, das dafür wie geschaffen scheint, ist von Grün Stadt Zürich realisiert worden. Für St.Gallen wurde sie inhaltlich angepasst. Zu den spannendsten Teilen gehört die Präsentation von sechs Bäumen, die als zukünftige Stadtbäume im Gespräch sind oder bereits als solche verwendet werden: Zürgelbaum, Zerreiche, Silberlinde, Amberbaum, Tulpenbaum und Purpur-Erle. Sie können mit heissen, trockenen Sommern besser umgehen.
Bis ins Letzte voraussagen lässt sich das allerdings nicht. Kein Mensch weiss, wie das Klima bei uns in 40 oder 60 Jahren sein wird. Wichtig ist damit auch eine gute Mischung, wie an einer der Hörstationen der Ausstellung zu erfahren ist: Die Allee der Zukunft besteht aus mehreren Baumarten. Fällt irgendwann eine Baumart aus, aus klimatischen Gründen oder wegen einem Schädling, stehen die anderen Bäume immer noch.
Klar ist für die meisten Fachleute: Bäume werden in der Stadt der Zukunft noch viel wichtiger sein als heute, als natürliche Klimaanlagen sozusagen. Sie spenden Schatten, kühlen und befeuchten die Luft.
Wurzelraum und Regenwasser
Mit der Wahl der richtigen Bäume ist es allerdings nicht getan. Auch ihre Lebensbedingungen müssen verbessert werden. Viele Bäume haben zu wenig Raum für ihre Wurzel, und vom lebenswichtigen Regen- und Schmelzwasser fliesst zuviel in die Kanalisation ab. Abhilfe soll das Konzept der «Schwammstadt» schaffen: Regenwasser soll lokal zurückgehalten werden und dosiert im Untergrund versickern oder auf begrünten Flächen verdunsten.
An den Hörstationen und in prägnanten Kurzinterviews mit Fachleuten wird das schwierige Leben vieler Stadtbäume beschrieben: Bestimmte Arten haben auf dem freien Feld oder im Wald eine viel höhere Lebenserwartung als am Strassenrand. Oft ist der Stadtbaum ein Einzelkämpfer, weil er sich über sein Wurzelsystem nicht mit anderen Bäumen verbinden kann, und bestimmte Baumarten leiden unter «Lichtverschmutzung», weil sie nachts beleuchtet sind und keine wirkliche Ruhephase haben.
Die Liste der Schwierigkeiten ist aber noch länger. Der Platz für Äste ist rar, Sommerhitze und Trockenheit sind ausgeprägter als auf dem Land, Abstands- und Sicherheitsvorschriften setzen dem Wachstum Grenzen. Erhöhtes Verkehrsaufkommen und Streusalz im Winter sind weitere Probleme, dazu kommen versiegelte Böden und Bodenverdichtung, Feinstaub, Verletzungen, bekannte und neue Krankheiten und Schädlinge. Bäume, die «Heldenhaftes» leisten, gibt es in der Schweiz nicht nur in Bergwäldern und Lawinenschutzwäldern.
In der Stadt St.Gallen stehen auf öffentlichem Grund rund 7500 Bäume, auf privatem Grund dürften es nochmals soviel sein. Sie prägen das Stadtbild mit, sind Lebensraum und Nahrung für verschiedenste Lebewesen. Sie produzieren Sauerstoff, sind Schadstoff-Filter, binden CO2 und dienen wie erwähnt als natürliche Klimaanlagen.
Wie wichtige gerade Letzteres schon heute ist, illustriert die Ausstellung mit einem Beispiel aus der Innenstadt: An heissen Sommertagen heizt sich der Gallusplatz stark auf. Ein paar Schritte weiter, bei der Talstation der Mühleggbahn, ist es viel angenehmer, weil die Mülenenschlucht und die vielen Bäume für Erfrischung sorgen.
Die Bäume und das Sicherheitsdenken
Für die Bäume auf öffentlichen Grund ist Stadtgrün St.Gallen verantwortlich, das frühere Gartenbaumt. «Planen, Pflanzen, Pflegen und Schützen» sind die vier Hauptaufgaben des rund 80köpfigen Teams. Die Ausstellung vermittelt einen Eindruck davon, wie anspruchsvoll diese Arbeit in einem komplexen Siedlungsraum einer Stadt ist: technisch, juristisch, finanziell, ökologisch, botanisch, politisch… Es ist eine ganze Wissenschaft, eine Wissenschaft für den Mikrokosmos «Stadt St.Gallen».
«Bäume in der Stadt»: bis 2. Oktober, täglich 8-17 Uhr, Botanischer Garten St.Gallen.
Zur Ausstellung erscheint ein Faltblatt mit einem Rundgang zu 20 Bäumen in St.Gallen.
Ein Dauerthema ist das Sicherheitsdenken, die Forderung des Zeitgeistes, dass jeder Baum genau auf seine «Gefährlichkeit» geprüft ist – damit ja nie ein Ast abbricht und ein Auto beschädigt oder Passant:innen verletzt.
Komplex kann aber auch die Frage sein, welcher Baum gepflanzt werden soll. Rund 70 Kriterien helfen bei der Wahl, erfährt man in der Ausstellung. Der Gingko etwa ist gegenüber Krankheiten sehr robust und hat eine schöne, gelbe Herbstfärbung. Aber es leben kaum einheimische Tiere auf ihm.
Die Zahl der Bäume auf öffentlichem Grund ist in St.Gallen seit Jahren abnehmend. Die Stadt St.Gallen hat 2020 eine Baumstrategie erarbeitet mit Zielen zum Erhalt eines gesunden, alterungsfähigen und gut durchmischten Baumbestandes. Der Baumbestand im öffentlichen Raum soll langfristig erhöht, das Baumvolumen auf privaten Flächen erhalten werden. Details dazu gibt es auf der Website der Stadt.
Wichtig ist aber auch der Blick in gruenesgallustal.ch, die Pilotstudie für eine nachhaltige Entwicklung der Stadt. Und der Blick auf die Stadtbäume im Alltag. Sie haben es verdient.
Ausführliches zum Projekt Grünes Gallustal folgt im Sommerheft von Saiten.
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.