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Zwischen Trommeln und Hackbrett

Kenia trifft Toggenburg: Im Klanghaus sollen sich im Juni zwei unterschiedliche Musikgenres, aber auch zwei unterschiedliche Kulturen in einem gemeinsamen Konzert begegnen.Kein leichtes Unterfangen, wie zwei Probenbesuche zeigen.

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Kei­ne Ge­räu­sche. Kei­ne Mu­sik. Es ist lei­se im Zen­tral­raum, dem Her­zen des Klang­hau­ses, als ich die­sen be­tre­te. Die Stil­le hallt hier über die in den Wän­den ein­ge­bau­ten Klang­scha­len wi­der, luf­tig und leicht. Ei­gent­lich soll­ten hier die Klän­ge der schwei­ze­risch-ke­nia­ni­schen Künst­le­rin Clau­dia Mas­ika und ih­rer Band so­wie der Na­tur­jod­le­rin­nen und Mu­si­ker:in­nen rund um Di­ri­gent und Kom­po­nist Rue­di Roth den Raum er­fül­len. Die Mu­si­ker:in­nen ste­hen und sit­zen im Raum ver­teilt. «Ich möch­te Mu­sik ma­chen!», durch­bricht Clau­dia Mas­ika, die seit über 15 Jah­ren in der Schweiz lebt, die­se Stil­le. «Es braucht aber Struk­tur!», hallt es uni­so­no aus den Rei­hen der Na­tur­jod­ler:in­nen.

Kei­ne Stun­de hat es ge­dau­ert, bis das ur­schwei­ze­ri­sche Be­dürf­nis nach Klar­heit und Struk­tur – und Har­mo­nie – un­ge­bremst auf ke­nia­ni­schen Groo­ve, Rhyth­mus und Tem­pe­ra­ment ge­stos­sen ist. Im­pro­vi­sa­ti­on ver­sus ein­stu­dier­tes Dreh­buch. Wäh­rend auf der ei­nen Sei­te des Rau­mes die bei­den Na­tur­jod­le­rin­nen die Köp­fe schüt­teln, ver­su­chen Mas­ika, ihr Gi­tar­rist Re­né Rei­mann und Per­kus­sio­nist Wil­li Hau­en­stein die Dif­fe­ren­zen mu­si­ka­lisch zu über­win­den. Sie stim­men ein Lied an, die Per­kus­si­on treibt rhyth­mi­sches Po­chen durch den Raum, Gi­tar­ren­sai­ten klim­pern und Mas­ikas Stim­me schwebt über al­lem – kei­ne Ver­stär­ker, kein Mi­kro­fon, nur die Ma­gie des Rau­mes.

Zö­ger­lich steigt das Hack­brett mit ein, dann der Kon­tra­bass und die Hand­or­gel – die In­stru­men­te von Han­sue­li Her­sche, Mad­lai­na Küng und Si­mon Lü­thi kon­kur­ren­zie­ren nicht mit dem Afro-Fu­si­on-Sound, der be­reits durch den Raum wa­bert, son­dern er­gän­zen die­sen zu ei­nem zau­ber­haf­ten Sound­tep­pich. Die Sän­ge­rin tanzt durch den Raum und ver­sucht, die Jod­le­rin­nen An­ne­ma­rie Bau­mann und Tru­di Frei zum Mit­ma­chen zu mo­ti­vie­ren. Mit leicht er­rö­te­ten Wan­gen schlies­sen sich die­se zag­haft an. Es klingt wun­der­bar, als hät­ten die Mu­sik­rich­tun­gen schon im­mer zu­sam­men­ge­hört.

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Ke­nia trifft Toggenburg oder lieber nicht?

Rue­di Roth al­ler­dings hat den Raum be­reits ver­las­sen. Nach dem kur­zen Ver­such, sich ge­mein­sam in der Mu­sik zu fin­den, wird über Mit­tag wei­ter dis­ku­tiert. Zäh zieht sich die De­bat­te dar­über hin, wie das ge­mein­sa­me Kon­zert aus­se­hen und vor al­lem wie die Pro­be mit zwei so un­ter­schied­li­chen An­sät­zen und Pro­zess­vor­stel­lun­gen ab­lau­fen soll. Am En­de ei­nigt man sich auf den Wunsch der En­tou­ra­ge um Rue­di Roth: Es soll ein Stück nach dem an­de­ren ge­probt wer­den. Ab­lauf nach Dreh­buch.

Der Hem­ber­ger Volks­mu­si­kant Rue­di Roth gibt Jo­del­kur­se und ar­bei­tet als Fach­jour­na­list. Als 2015 Wes An­der­sons Grand Bu­da­pest Ho­tel den Os­car für die bes­te Film­mu­sik er­hielt, ging der Preis auch ein biss­chen ins Tog­gen­burg: Die Me­lo­die sei­nes Na­tur­jo­dels S’Ro­the Zäu­er­li un­ter­malt die Er­öff­nungs- wie die Schluss­se­quenz des Films. Für «Ke­nia trifft Tog­gen­burg» ha­be sich Roth mit den «bes­ten Mu­si­kan­ten» zu­sam­men­ge­tan, wie er mir be­rich­tet. «Es ist ein tol­ler Auf­trag, ei­ne span­nen­de Ge­schich­te und soll mehr als ein Kon­zert sein.»

Mas­ika, die Sän­ge­rin, die ne­ben ih­rem Schaf­fen als Mu­si­ke­rin auch Bil­der malt und sich mit ih­rer Stif­tung für die Aus­bil­dung jun­ger Frau­en in Ke­nia ein­setzt, sitzt vor dem Klang­haus in der Son­ne. Ich set­ze mich zu ihr. Wir spre­chen mal Eng­lisch, mal Schwei­zer­deutsch mit­ein­an­der. Das Be­dürf­nis nach kla­ren Struk­tu­ren und strik­ten Ab­läu­fen kann sie nur be­dingt nach­voll­zie­hen: «Man muss doch erst vom ei­ge­nen Haus träu­men, be­vor man es baut.» Ob sie trotz al­lem op­ti­mis­tisch sei, will ich wis­sen – schliess­lich geht es in die­ser Pro­be schein­bar nicht nur um die Mu­sik, son­dern eben auch um kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen. «Klar, mu­sic con­nects, es geht um das Ge­fühl», ant­wor­tet Mas­ika. Auch in der Spra­che ih­rer Vor­fah­ren ge­be es ei­ne Art Na­tur­jo­del: «Gw­eyo».

Sind al­so die bei­den Mu­sik­rich­tun­gen gar nicht so weit von­ein­an­der ent­fernt? Ei­gent­lich nicht, be­stä­tigt auch Rue­di Roth, der von «Gw­eyo» weiss. «Weil sie auch ei­nen Na­tur­jo­del ha­ben, ver­bin­det das. Das war ja die Idee die­ser Pro­duk­ti­on.» Zu­mal sich die The­men hin­ter den ein­zel­nen Stü­cken zu­wei­len de­cken: «In ei­nem Jo­del the­ma­ti­sie­ren wir zum Bei­spiel auch die Hun­gers­not 
im Tog­gen­burg.»

Er­neut be­gin­nen die Pro­ben. Rue­di Roth di­ri­giert sei­ne Mu­si­ker:in­nen durch die Stü­cke. Der Raum scheint wie fürs Joh­len, die Tog­gen­bur­ger Va­ri­an­te des Na­tur­jo­dels, ge­macht. Je­der Ton, je­de Nu­an­ce hallt durch den Raum, über die Ber­ge, um den Schwen­di­see und zu­rück. Und als ob die Bäu­me hör­ten, dass sie ein Teil die­ser Mu­sik sind, be­we­gen sie sich vor den Fens­tern im Wind.

Der Na­tur­jo­del be­rührt, ar­cha­isch und episch. Ge­nau­so wirkt auch die Mu­sik von Mas­ikas Band: Wie ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen Mensch und Na­tur, ei­ne Ver­bin­dung, die weit in der Zeit zu­rück­reicht und die Son­ne wär­mer schei­nen lässt. Die Sän­ge­rin be­wegt sich mit ih­rem gan­zen Kör­per zur Mu­sik. Es scheint, als ob sie je­de No­te, je­den Ton bis in die Fin­ger­spit­zen fühlt. Sie lässt sich von der Mu­sik lei­ten, schwimmt mit dem Klang, der hier end­los scheint und als Echo am­pli­fi­ziert von den Wän­den hallt. Die Na­tur­jod­ler:in­nen las­sen ih­re Hän­de tra­di­ti­ons­ge­mäss in den Ho­sen­ta­schen und blei­ben vor ih­ren Stüh­len ste­hen. Sie wir­ken fo­kus­siert. Nicht min­der er­grif­fen vom ge­mein­schaft­li­chen Klang­ge­bil­de zwar, aber sie tan­zen nur, wenn es im Dreh­buch steht.

So­bald al­le mit­ein­an­der mu­si­zie­ren, scheint es or­ga­nisch zu pas­sen. Die Klan­ge­be­nen er­gän­zen sich, ver­bin­den sich in die­sem Raum zu ei­nem har­mo­ni­schen Stru­del, der sanft in tie­fe Sphä­ren zieht. Ganz so, als ob es der Mu­sik egal wä­re, dass sich hier zwei Kul­tu­ren im Pro­zess­ab­lauf nicht ei­nig sind und Cha­rak­te­re auf­ein­an­der­pral­len.

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«Ich füh­le unity»

Dann, am zwei­ten Pro­be­tag, der nächs­te Eklat. Wie­der geht es um das Dreh­buch. Und dar­um, ob es ein­stu­dier­te, schau­spie­le­ri­sche Ein­la­gen braucht, um zu ver­deut­li­chen, dass sich hier zwei Kul­tu­ren tref­fen, ken­nen und am En­de so­gar lie­ben ler­nen. Oder ob es reicht zu mu­si­zie­ren, al­le nach ih­rer Fa­çon und dann aber auch ge­mein­sam, mal streng nach Plan, mal un­ge­hemmt.

«Ich muss die Mu­sik füh­len, be­vor ich sie spie­len kann», er­klärt mir Clau­dia Mas­ika aber­mals am Ran­de der De­bat­te. Es sei ein biss­chen wie mit der In­te­gra­ti­on. Sie ha­be hier le­ben und die Spra­che hö­ren müs­sen, um sie sel­ber spre­chen und die Schweiz ver­ste­hen zu kön­nen. Oft wer­de sie skep­tisch be­ob­ach­tet, auf der Büh­ne als Mu­si­ke­rin so­wie beim Ein­kau­fen, aber auch sie schaue sich an Or­ten wie hier im Tog­gen­burg neu­gie­rig um. «Aber in der Mu­sik, da füh­le ich mich als Mensch – ich füh­le unity.»

Sie fragt, ob ich das ver­ste­hen kön­ne. Wäh­rend mein Blick über die Chur­firs­ten und die grü­nen Fel­der schweift, er­in­ne­re ich mich an die Mu­sik, die Mi­schung aus Volks­mu­sik, Na­tur­jo­del und Afro-Fu­si­on. Ich wer­de nie nach­voll­zie­hen kön­nen, wie es ist, als per­son of co­lour in der Schweiz zu le­ben und auf der Büh­ne zu ste­hen, aber die «unity», die Ei­nig­keit von zwei Mu­sik­rich­tun­gen so un­ter­schied­li­cher Her­kunft ha­be ich ge­spürt. Und ich bin mir si­cher, dass in der Mu­sik im Klang­haus al­le Tö­ne gleich­wer­tig und im Ein­klang im Raum hal­len.

Nach dem Mit­tag sit­zen sich die Mu­si­ker:in­nen wie­der ge­gen­über: Rue­di Roth oh­ne En­tou­ra­ge – die­se hat er nach den Dis­kus­sio­nen vom Vor­tag nicht mehr zum zwei­ten Pro­be­tag ein­be­stellt – und Clau­dia Mas­ika mit Band. Ge­mein­sam ei­ni­gen sie sich auf ei­nen Ab­lauf – mit we­ni­ger Theäter­lis, da­für mit lust­vol­len, ge­mein­sa­men mu­si­ka­li­schen Ein­la­gen. Der Dis­put sei wich­tig ge­we­sen, sagt Roth. «Wir ha­ben jetzt die Fet­zen zu­sam­men­ge­le­sen und uns ge­ei­nigt. Jetzt sind wir wie­der mo­ti­viert, denn wir ha­ben al­le gleich viel Freu­de an der Mu­sik!» Ob sich die­se «unity» bis im Ju­ni hält, wird sich zei­gen.

Ke­nia trifft Tog­gen­burg: 20. Ju­ni (Pre­mie­re), 23. Au­gust und 5. Sep­tem­ber, je­weils 19:30 Uhr, Klang­haus Tog­gen­burg, Wild­haus.

Am 20. Ju­ni fin­det aus­ser­dem ein Work­shop von Clau­dia Mas­ika statt. Da­bei soll ge­sun­gen wer­den oh­ne No­ten und oh­ne Wor­te. Auch An­fän­ger:in­nen sind will­kom­men.

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