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Zwischentöne gegen den Krieg

Das Theater St.Gallen spielt «Die lächerliche Finsternis» nach dem Hörspiel von Wolfram Lotz. In der Lokremise war am Mittwoch Premiere und am Donnerstag schon wieder Schluss. Das surreale Stück wird vom hyperrealen Virus gestoppt. Besser könnte es nicht passen.
Von  Peter Surber , 
Anna Blumer, Jeanne Le Moign (hinten) und das rote Kanu. (Bilder: Iko Freese)

Das Publikum sitzt verstreut im Rund, zwischen allerlei Low-Budget-Kulissen: roh gezimmerte Podeste, ein Stück Kunstrasen, Strandhäuschen, Röhrengestelle, Plastikpalmen. Mitten drin das einzig kostbare Stück: ein knallrotes Kanu fast wie von Roman Signer.

Aus dem Publikumsrund sieht jede und jeder ein anderes Stück, die Säule in der Mitte verstellt den Blick zusätzlich. Alle haben ihre eigene Theaterwahrnehmung und Stückwahrheit: Damit ist man schon mitten im Lotz drin, dem Spiel des Autors mit Gewissheiten und Brüchen, mit Allervertrautestem und Allerfremdesten, das sich beständig überlagert und mischt.

«Auf nichts ist Verlass», das ist nicht nur Hauptfeldwebel Pellners Erkenntnis tief in der lächerlichen Finsternis des Hindukusch, der hier ein Fluss ist statt ein Gebirge – es ist auch die Devise dieses Stücks. Es passt so wie kein anderes in die aktuelle Corona-Lage hinein. Ungewiss war bis fast zuletzt, ob überhaupt gespielt werden kann. Noch am Premierentag machte die Regierung dann klar: Die zwei ersten Vorstellungen werden zugleich die vorerst letzten sein. Erst im Februar steht Die lächerliche Finsternis wieder auf dem Spielplan des Theaters St.Gallen. Ohne Gewähr.

Der «Piraten-Prozess» von Hamburg

Der Auftakt zum Stück ist allerdings glasklar und politisch fadengrad. Ein somalischer Pirat erzählt vor Gericht, was ihn vom Fischer zum Piraten gemacht hat: die rücksichtslose Leerfischerei des Ozeans vor Somalia durch die deutsche und internationale Fischereiindustrie. Das ist Kolonialkritik pur, brillant und höflich argumentiert in tadellosem Deutsch von Fabian Müller in der Rolle des Piraten. Und schnörkellos inszeniert: als Ansprache.

Die Rede des Piraten: Fabian Müller.

Wie übel beim realen Fall, der Lotz zum Vorbild diente, 2010 im Hamburger «Piraten-Prozess» das Recht der Fischer mit Füssen getreten wurde, kann man im Programmheft nachlesen.

Aber Lotz lässt es dabei nicht bewenden. Dass sein Pirat den seltsamen Namen Ultimo Michael Pussi trägt, dass Piratenkollege Tofdau zuvor am Rand von Mogadischu Crêpes verkauft hat, dass ihr Boot «Hoffnung» hiess oder dass das Meer nicht nur leer von Fischen, sondern auch leer von Wasser war: Das macht nach und nach klar, dass im Lotz’schen Universum nichts ist, wie es ist.

Biederkeit und Kriegsgreuel

Übergangslos vergisst der Text dann auch seinen Anfang: Pirat Pussi schweigt, dafür sind Pellner und Dorsch da, zwei Militärs mit dem befremdlichen Auftrag, in den Regenwäldern Afghanistans den angeblich wahnsinnig gewordenen Oberstleutnant Deutinger aufzuspüren.

Die Fahrt führt an eine Reihe bizarrer Stationen vorbei – erst ein Camp italienischer Blauhelme, dann eine Begegnung mit dem fliegenden Händler Bojan Stojkovic, weiter eine Missionsstation mit einem durchgeknallten Pastor, schliesslich Deutinger selber.

Bojan Stojkovic (Anja Tobler) verkauft seine Greuelgeschichte.

Und überall: Grotesken. Im Camp der Italiener regt sich Commandante Lodetti auf über die Unordentlichkeit der «Eingeborenen» und erzählt von seinen Drogentrips als Siebenjähriger. Auf der Mission zelebriert Reverend Lyle Carter eine irrwitzige Hallelujah-Party und predigt von der Liebe. Auf dem Boot verkauft Stojkovic Dinge des täglichen Gebrauchs von Spirelli-Nudeln bis Luftmatratzen, von Zahnseide bis Investmentfonds. Und berichtet vom grauenhaft absurden Tod seiner Frau und seines Sohnes, ausgelöst durch eine brennende Markise nach einem Natobombenangriff. Des Ausstatters böse Pointe: Die Theatermarkise in der Lokremise krönt ein Gitter gegen Taubenschiss.

Biederkeit und Kriegsgreuel schmiegen sich an wie die Zuckerstimme, mit der Anja Tobler Stojkovics Geschichte von Verbrechen und Schuld erzählt, diese Sache, in der ihm «nicht zu helfen» ist. Tobler spielt mit wandelbarer Stimme und rabiater Energie auch Lodetti und Carter, sekundiert von Jeanne Le Moign und Moritz Bürge, zwei Studierenden des Schauspielstudios der Hochschule der Künste Bern.

Verloren im nebligen Hindukusch: Pellner (Brigit Bücker) und Dorsch (Anna Blumer).

Vom Leben Versehrte wie die «Eingeborenen» mit ihren abgehackten Beinen oder fehlenden Händen sind alle in diesem Stück, so auch Pellner und Dorsch, die Hauptfiguren. Birgit Bücker spielt den Chef abgebrüht, beinah reglos, die Stimme wie die Hose in Bügelfalten gelegt, aber mit unerschöpflichen Nuancen. Anna Blumer ist der dusslige, auf der Schattenseite gelandete Underdog, der keinen ordentlichen Knoten ins Seil und keinen Zug in sein Leben bringt.

Die Sinnlichkeit der Stimme

In Lotz’ Welt ist Krieg – in den Köpfen, in den Geschichten, im mörderischen Zusammenprall von Tragischem und Trivialem. In der St.Galler Inszenierung gewinnen aber die Zwischentöne diesen Krieg. Weite Strecken des Stücks hört man sich über Kopfhörer an. Subtilste Stimmschwankungen, Flüstern und Beben werden so hörbar in einer Transparenz, wie sie auf der Bühne nie zu erreichen ist. Die Inszenierung feiert die Stimme in ihrer Sinnlichkeit und Poesie – und erst noch aerosolfrei.

Musiker Andi Peter, Fabian Müller und Jeanne Le Moign.

Die urwaldig wuchernde Geräuschkulisse dazu kommt von den drei Musikern Nico Feer, Martin Flüge und Andi Peter. Ihr Instrumentarium ist von der E-Gitarre bis zur Bohrmaschine ein unerschöpfliches Arsenal an Materialien zur Weckung der Klangfantasie und zur Befreiung der Ohrgänge vor dem Geschrei der Vereinfacher allenthalben.

Vorerst einzige weitere Vorstellung heute Do abend, 20 Uhr. Wiederaufnahme ab Februar geplant. Das Theater St.Gallen schliesst bis voraussichtlich 20. Januar.

theatersg.ch

Das Leitungsteam, Regisseur Jonas Knecht, Ausstatter Markus Karner und Sounddesigner Albrecht Ziepert, arbeitet mit Materialien des «armen Theaters», aber zugleich mit einer Fülle an technischen Raffinessen und Einfällen. Es setzt das Publikum selber der wachsenden Nebligkeit und Bedrohlichkeit dieses surrealen Trips aus, bis dieser für Momente «auf entsetzlichste Weise real» wird – bevor uns dann der nächste Schlenker des Autors wieder ins banale Hier und Jetzt zurückholt.

Kein Wunder, dass das Stück kein zuverlässiges Ende findet, vielmehr mehrere Schlüsse vorschlägt, die allesamt irgendwie nicht stattfinden. Das letzte Wort hat, Irrtum vorbehalten, Deutinger, der verschollene, eher weise als wahnsinnig gewordene Offizier. «Mag sein. Oder irgendwas Ähnliches»: Das könnten seine letzten Worte gewesen sein, bevor es dunkel wird.

Mehr zum Stück im Dezemberheft von Saiten.

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover