Früher hiess es: «An apple a day keeps the doctor away.» Heute weiss man: Ein Apfel allein reicht nicht mehr aus. Es braucht täglich mindestens fünf Brausetabletten in mindestens acht Farben, vier Pillen, einen halluzinogenen Pilz und einen Proteinshake zusätzlich. Für die Darmflora, die Hirnflora und die Muskelmasse. Vielleicht werden auch deswegen in der Schweiz immer weniger Äpfel gegessen und stattdessen mehr Mangos. Vielleicht ist das gut für irgendeine Flora, sicher aber ist es schlecht für die heimischen Obstproduzent:innen. Gleichzeitig wird das heimische Obst in den Läden immer günstiger verkauft, wodurch den Produzent:innen das Geld fehlt – auch, um höhere Löhne zu bezahlen.
Viele landwirtschaftliche Betriebe sind auf günstige Erntehelfer:innen angewiesen. In Sachen Arbeitsbedingungen hinkt die Schweiz im europäischen Vergleich sowieso hinterher: lange Arbeitswochen, kaum Kündigungsschutz, minimalistische Mutter- und Vaterschaftsurlaube. Das Arbeitsgesetz lässt viel zu wünschen übrig – für Arbeitnehmende. Die Landwirtschaft ist diesem aber nicht einmal unterstellt. Wer dort arbeitet, arbeitet in einer Grauzone. Bestimmt durch Merkblätter, schwammige Verträge, Richtlinien – und kaum Gesetze. Und zahlreiche Menschen, die aus finanzieller Not in die Schweiz kommen und bereit sind, für tiefe Löhne harte Arbeit zu leisten. Ihre Not hält das System am Laufen. Aber lässt es sich ändern?
Wir sind losgezogen, um Ausbeutung in der Landwirtschaft aufzudecken. Gefunden haben wir sie nicht, dafür einen enormen juristischen Spielraum. Und wo keine Gesetze existieren, lässt sich niemandem ein Verbrechen vorwerfen. Um der Grauzone etwas Kontur zu geben, haben wir mit Erntehelfer:innen, Verbänden, Landwirt:innen und Gewerkschaften gesprochen.
Apropos fehlende Kontur: In Unterwasser jährt sich der Nazi-Aufmarsch zum zehnten Mal. Diesem fragwürdigen Jubiläum widmet sich der dritte Teil unserer Serie «Rechtsextremismus in der Ostschweiz». Und in Sachsen-Anhalt kehrt mit der Wahl der AfD der Faschismus zweifelsfrei aufs politische Parkett zurück. Unsere Autorin Samira Assir hat bis vor Kurzem in Halle (Saale) gelebt und uns eine Flaschenpost – und einen Appell – geschickt.
Wie ein warmer, bunter Schal im kühlen, braunen Herbst soll sich der zweite Teil des Oktoberhefts anfühlen. Im «Bücherherbst» stellen wir neue Werke von Ostschweizer Autor:innen vor – von Krimis aus dem Appenzellerland bis zu wuchtigen Geschichten von mutigen Frauen. Passend dazu die Besprechung der Manosphere-Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen und des neuen Albums der Stoner-Rock-Band The Black Salt. Wir wünschen eine spannende Lektüre!Daria Frick
«Dieser Ort braucht eine Perspektive»
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
24/7 Traumacore
Ich bin Braveheart (Mel Gibson type shit)
Heppelers Bestiarium
100 Jahre Einsamkeit
Stimmrecht
Im Regen tanzen
Ernten in der Grauzone
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Von Transsilvanien in den Thurgau
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Die Polizei wollte nichts sehen und nichts hören
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Juristische Fehlgeburt im Kantonsrat
Anmerkungen zur Einführung des Artikels 50quarter des St.Galler Polizeigesetzes 2020
Maskulinität als Spektrum
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Langsamkeit als Motor
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Zwischen Liebe und Leiden
Unwucht, der neue Roman von Sarah Elena -Müller, führt in die Tiefen einer vergifteten Beziehung. Die rasante Geschichte von Alice und Rio mäandert zwischen Alptraum und Rausch, verliert aber nie ihren Witz.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Grandiose Groteske
Gion Mathias Cavelty nimmt in seinem neuen Roman die Schweizer Uhrmacherkunst auf die Schippe. Seine mit viel Humor geschriebene Chronik ist so unterhaltsam wie skurril.
Bücherherbst: Auf dem Grund aller Dinge von Till Traber
Den Halbschnabelhechten geht es gut
Ein Aquarium spielt die Hauptrolle in Auf dem Grund aller Dinge, dem ersten Roman des Winterthurers Till Traber. Darum herum leben drei Menschen, die ihrem eigenen Glaskäfig nicht entkommen können.
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Vom Leben und Schreiben
Daniel Badraun beleuchtet in Mondläufer ungelebte Möglichkeiten und körperliche Grenzen. Der Autor aus dem Thurgau greift in seinem Roman auch philosophische Fragen auf.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Hoffnung in einer versteinerten Welt
In seinem Romandebüt Réduit nimmt der St.Galler Autor Alexander Raschle die Leser:innen mit in die alpine Festungsanlage – und in die Zeit des Kalten Krieges, als die Welt auch in der Schweiz am Abgrund stand.
Bücherherbst: Alles in allem von Julia Trachsel
Vom Festhalten und loslassen
Die aus dem Thurgau stammende Comiczeichnerin und Illustratorin Julia Trachsel veröffentlicht mit der Graphic Novel Alles in allem ihr Debüt. Ausgangspunkt der Geschichte ist der plötzliche Unfalltod eines älteren Mannes und die Zeugenschaft der Erzählerin.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Momentaufnahmen
Raffael Rihs konserviert in seinem Kurzgeschichtenband Nie ist alles gut unterschiedliche Facetten der Einsamkeit.
Bücherherbst: Popcorn im Hirn von Hans Gysi
pom pom duridei
Gedichte im leichtfüssigen Tiefgang sind ein Markenzeichen von Hans Gysi. Mit Popcorn im Hirn legt er nach.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Analyse des mütterlichen Wahnsinns
In ihrem Romandebüt Ausser mir schickt Micha Friemel eine Frau in die Berge – auf der Suche nach Ruhe vor ihrer Familie und vor allem vor sich selbst. Entstanden ist ein kluger Text über Beziehungen, Mutterschaft und die Frage, warum wir manchmal einfach ausrasten.
Bücherherbst: Appenzeller Mitternacht – Jock Kobel und die Schatten der Queen von Christian Johannes Käser
Die Welt ist immer Herisau
In seinem zweiten Krimi schickt Christian Johannes Käser den Polizisten Jock Kobel erneut auf eine Ermittlung im Appenzellerland. Ein Roman, der geschickt eine Brücke zwischen Tradition und Progression baut und dabei immer wieder poetisches Potential entfaltet.