Wem gehört die Geschichte? Diese Frage stellt sich besonders bei ethnografischen Sammlungen, deren Objekte unter unterschiedlichsten Umständen in europäischen Museen gelandet sind. Zunehmend setzt sich die Auffassung durch, dass nachweislich geraubte oder unter Zwang verkaufte Kulturgüter an ihre ursprünglichen Besitzer:innen oder deren legitime Erb:innen zurückgegeben werden sollen. Was die einen als Schritt zu einem postkolonialen, interkulturellen Miteinander bejubeln, empfinden andere als schmerzhaften Verlust. Ist ein British Museum ohne die griechischen Parthenon-Skulpturen, ein Louvre ohne «seine» ägyptischen Schätze oder ein Ethnologisches Museum in Berlin ohne die Benin-Bronzen noch denkbar?
Und wie steht es im Kulturmuseum St.Gallen, das ebenfalls über Benin-Bronzen verfügt? Historiker Hans Fässler und Journalist Richard Butz haben nachgefragt, warum es in der Sache trotz angeblicher Beteiligung an der Benin-Initiative Schweiz nicht vorwärts geht. Zudem haben wir das Depot des Historischen Museums Thurgau in Frauenfeld besucht. Dort wird aktuell die über 3000 Objekte umfassende (und 2023 aus dem Kulturmuseum St.Gallen zurückgeholte) ethnografische Sammlung untersucht. Es sind schon ein paar problematische Stücke aufgetaucht, Restitutionen sind nicht ausgeschlossen. Und Patrick Ziltener bespricht in diesem Postkolonial-Schwerpunkt das Buch Verwoben und verstrickt, in dem der Historiker Andreas Zangger den Ostschweizer Textilunternehmern und ihren globalen Netzwerken nachspürt.
Der zweite Schwerpunkt dieser Ausgabe widmet sich den St.Galler Kultursparplänen, die ans Eingemachte gehen, sollte das Parlament im Dezember zustimmen. Wir haben uns in der Politik und in der Kulturlobby umgehört, David Gadze sprach mit einigen der Institutionen, die von der kantonalen Sparwut betroffen wären, und Marion Loher wagt einen Blick nach Winterthur, wo die Kulturlobby dieses Jahr einen Wertschöpfungsbericht präsentiert hat. Mit erstaunlichen Ergebnissen, die zeigen: Kultur ist kein lästiger Kosten-, sondern ein gewichtiger Standortfaktor. Zudem nimmt Mia Nägeli in ihrer aktuellen Traumacore-Kolumne die Subventionspraxis etwas genauer unter die Lupe.
Ausserdem im emsigen November: die spacige Ausstellung im Naturmuseum St.Gallen zum Zehnjahrjubiläum des Neubaus, die Flaschenpost aus Marokko, das Redeplatzinterview zur neuen Austauschgruppe für Eltern von trans Kindern und das erste Soloalbum von Kafi-D.Roman Hertler
«Ich spüre die Löwinnenmutter in mir»
Trans Menschen stehen zunehmend im Zentrum politischer Debatten. Für Annette Spitzenberg ist das Thema auch persönlich: Die St.Galler Pfarrerin ist Muter einer trans Tochter. Mit der neu gegründeten Austauschgruppe «TransParents Ostschweiz» will sie Angehörigen einen geschützten Raum bieten – fernab von Vorurteilen und politischen Grabenkämpfen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Winzige Weltkriege
Stimmrecht-Kolumne im November
Zwischen den Realitäten
Kolumne: 24/7 Traumacore
Kulturgeld 4 ever
Thurgau ist auf gutem Weg
Aktuelle Untersuchungen zeigen: In der ethnografischen Sammlung des Kantons Thurgau befinden sich auch ein paar problematische Objekte. Restitutionen sind nicht ausgeschlossen. Die Sammlung selbst war über 20 Jahre als Dauerleihgabe in St.Gallen und ging 2023 zurück nach Frauenfeld.
Warum wir die Ostschweizer Textilgeschichte in neuem Licht sehen
In seinem Buch Verwoben und verstrickt spürt der Historiker Andreas Zangger den globalen Netzwerken der Ostschweizer Textilindustrie nach. Menschen und ihre Beziehungen – von der Sklavin bis zum Unternehmer – stehen im Fokus seiner Untersuchung.
Weniger Geld bedeutet weniger Leistung
Viele der vom Kanton St.Gallen mit einem Jahresbeitrag geförderten Kulturinstitutionen kommen gerade so über die Runden – oft nur dank grossem ehrenamtlichem Engagement. Sollten ihnen ab 2028 14,5 Prozent der Beiträge gestrichen werden, wie es die Regierung vorschlägt, müssten sie Abstriche beim Programm machen.
Vereinigte Kulturszene protestiert gegen den Sparhammer
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kulturförderung zahlt sich aus
In St.Gallen wird einmal mehr über Kürzungen bei der Kultur diskutiert. In Winterthur hat man nachgerechnet, welche wirtschaftlichen Effekte aus der Kultur hervorgehen. Die Ergebnisse könnten auch der St.Galler Kulturszene Argumente liefern.
Die Erde ist nicht genug
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Ein Blick von Innen
Mit Lötkolben und künstlicher Intelligenz
Zwischen Samples, Granularsynthese und Synthesizern: Urs Baumgartner alias Kafi-D veröffentlicht sein erstes elektronisches Soloalbum Grains – und macht seine Lust am unperfekten Klang hörbar.
Zwischen Ruhm und Knast
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.