Origen hat es seit seiner Gründung 2006 fast immer mit biblischen Stoffen. Die Sintflut war schon Thema, der Turmbau zu Babel, das Paradies, die Königin von Saba oder Samson. Vor Jahresfrist wurde zum Karlsjahr ausnahmsweise ein weltlicher Held, Karl der Grosse auf den Theaterthron gehievt – seine goldenglänzende Statue begrüsst das Publikum jetzt im Innenhof vor der umgebauten Scheune. Diese «Clavadeira» soll künftig als Wintertheater dem Festival dienen und beherbergt dieses Jahr zur Einweihung auch die sömmerliche Hauptproduktion: «Benjamin».
Gegenüber der gewaltigen Burg von Riom, dem traditionellen Origen-Spielort, die das Surses rund um Savognin überragt, ist die Scheune bescheidener und intimer. Das Publikum sitzt reihum auf goldgelben Bänken, gespielt wird im Quadrat in der Mitte, ohne Bühnenbild und Requisiten.
Das in Graubünden vielfach aktive Architektenduo Gasser Derungs hat die Bruchsteinwände wo immer möglich roh belassen, die geschnitzten offenen Holzladen dazwischen hinter Scheiben sichtbar gelassen und dem Theaterraum so sein bäuerliches Ambiente bewahrt. Die Einbauten in Eingang und Foyer sind lakonisch einfach in Beton und Holz – Architektur ohne Schnörkel, abgesehen vom Hang zum goldenen Schein mit den Sitzen fürs Publikum.
Achtstimmig im siebten Himmel
Beschränkung auf das Wesentliche: Das gilt weithin auch für die Inszenierung von Origen-Intendant Giovanni Netzer. Und das Wesentliche ist hier die menschliche Stimme. Ein achtköpfiges Ensemble von phänomenalen Sängerinnen und Sängern, dirigiert von Clau Scherrer, trägt das Stück. Instrumente sieht die Partitur des Bündner Altmeisters Gion Antoni Derungs nicht vor – die Stimme ist Melodie- und Begleitinstrument in einem. Teils solo, im Duett und Trio oder in komplexer Vielstimmigkeit, meist ernst und dazwischen auch mal mit frechem musikalischem Witz spielt sich die Geschichte um Joseph und Benjamin ab, die beiden jüngsten und meistgeliebten Söhne des biblischen Stammvaters Jakob.
Der Erzählstrang ist rätoromanisch; der wunderbare Erzähler Valentin Johannes Gloor erklärt jeweils auf Deutsch den Inhalt. Daneben zitiert und verfremdet Komponist Derungs Motive aus der lateinischen Requiemtradition. Trauergesänge begleiten Rahels Tod, das «Dies irae» und «Libera me» erklingen bei der Verbannung Josephs in die ägyptische Sklaverei, sein triumphaler Aufstieg vom Sklaven zum ersten Minister des Pharao und die schliessliche Versöhnung mit den Brüdern münden in ein Finale «in paradisum».
Glamouröse Stoffe zum harten Thema
So bestechend zeitgenössisch trotz Rückgriffen auf Gregorianik und frühe Mehrstimmigkeit der Gesang ist, so altbacken muten die tänzerischen Einsprengsel ein. Alle drei getanzten Figuren – der Tod, schwarz und mit starrem Blick, die junge Traumtänzerin und der ebenso junge Benjamin – stecken in einem starren, pantomimisch beschränkten Bewegungskorsett, das mit dem grandiosen Niveau des Gesangs nicht mithalten kann.
Dabei versteht sich das Origen-Festival ausdrücklich auch als Experimentierort für den zeitgenössischen Tanz. Neben «Benjamin» oder der mobilen Commedia-Produktion «Arca» stehen in den kommenden Wochen gleich mehrere Tanzproduktionen in der Burg und in der Scheune auf dem Programm, von teils renommierten Choreographen wie dem Albaner Eno Peci oder der Japanerin Yuka Oishi.
Sie alle thematisieren das diesjährige Über-Thema des «Exodus» auf je eigene Weise. In der «Benjamin»-Oper bleibt das Thema eher unpolitisch, im Vordergrund stehen der Bruderkonflikt und die Bruderliebe, die im berührenden Liebeslied ihren Höhepunkt findet, mit dem Joseph Benjamin in Schlaf singt.
Der St.Galler Designer Martin Leuthold hat Sängerinnen, Sänger und Tänzer in kostbare Kostüme eingekleidet: prachtvoll und eine Augenweide, aber auch zwiespältig. Eine solche bloss ästhetische «Feier des schönen Stoffs» passt wie die Faust aufs Auge zum harten Flüchtlingsthema, das sich Origen 2015 inhaltlich vorgenommen hat.
Weitere Spieldaten «Benjamin»: 21., 23., 25. und 29. Juli, 4. August. Infos und alle anderen Termine hier.
Bilder: Bowie Verschuuren
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»