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Cyprien Gaillard – When you expect flutes, it's whistles
Foto: Max Paul © Cyprien Gaillard

bis So.4.10.26

Cyprien Gaillard – When you expect flutes, it's whistles

Gail­lard be­wegt sich in sei­nen Ar­bei­ten durch Städ­te und de­ren Rand­ge­bie­te. En­tro­pie ist sein Ge­stal­tungs­mit­tel: Ero­si­on und Ab­la­ge­run­gen ver­steht er als Spu­ren.

Cyprien Gaillard bewegt sich in seinen Arbeiten durch Städte und deren Randgebiete. Entropie ist sein Gestaltungsmittel: Erosion und Ablagerungen versteht er als Spuren – nicht einfach als Zeichen von Verlust und Verfall. Seine Werke lehnen Resilienz als Deutungsrahmen ab. Vielmehr zeigen sie das Leben an unwirtlichen Orten als etwas, das einfach fortbesteht – unkommentiert und wertungsfrei. Im Kunsthaus Bregenz montiert Gaillard hinter der Außenfassade eine Baurutsche, durch die bereits mehrfach die Reste von Abrissbauten abtransportiert wurden. Diese Schuttrutsche aus orangefarbenen Röhren, die an Ketten hängend ineinandergeschoben sind, steht für Entsorgung, Dekonstruktion, Zerstörung und einen nicht enden wollenden Umbau.

Im Erdgeschoss begrüßt uns mit Visitant, 2021–2026, eine gewaltige, aufblasbare Skulptur, eine Art flüchtiger Gast, ein Gespenst mit fahrigen Gesten ohne feste Gestalt. Solche Figuren kennt man von Festivals, Sportplätzen oder Autohäusern. Im Kunsthaus Bregenz tanzt sie zu einer vom Künstler programmierten Choreografie. Die Musik dazu kommt aus dem für die Berliner Underground-Musikszene prägenden KILLASAN Soundsystem, das ursprünglich in den 90er Jahren für einen Club in Osaka gebaut wurde. Gaillard löst das übergroße Wesen aus seinem gewohnten Zusammenhang und versetzt es in das Foyer des Kunsthaus Bregenz – einen Ort, der mit seiner asketischen Gestaltung für eine kontemplative Auseinandersetzung mit Kunst steht, die hier durch die Präsenz des Visitant gebrochen wird. 

Die hohle Figur ist in Bewegung, bläht sich auf und fällt in sich zusammen, zu groß, um sich vollständig aufzurichten: ein bewegliches, fremdbestimmtes Gebilde, das nur aus Luft und einer Nylonhülle besteht. Mehrmals die Stunde setzt laute, durchdringende Musik ein und erzeugt für kurze Zeit Club-Atmosphäre. Der Visitant imponiert gleichermaßen durch seine Größe und seine überraschend sanften Bewegungen.

Ein durchgängiges Motiv der Ausstellung sind „Deterrents“ – Mittel zur Abschreckung. Tatsächlich ist der öffentliche Raum häufig durch gezielte Eingriffe gestaltet und kontrolliert. Bänke, Zäune, aber auch Licht, Geräusche oder Musik werden so eingesetzt, dass sie manche Menschen willkommen heißen und andere fernhalten. Besonders jene, die ohnehin von der Gesellschaft marginalisiert sind, werden dadurch noch weiter verdrängt. Die Macht wirkt dabei aus dem Verborgenen, ist vorbeugend und normativ. Gaillard interessiert sich für die Schnittstellen von Anziehung und Abwehr. So wird etwa klassische Musik an öffentlichen Orten nicht als kulturelle Aufwertung eingesetzt, sondern zur Abschreckung und als Methode, um zu markieren, wer hier erwünscht ist und wer nicht. Was im Konzertsaal als Hochkultur gefeiert wird, kommt hier, so Gaillard, als „sanfte Waffe“ zum Einsatz.

Im ersten Obergeschoss sind neue Arbeiten zu sehen, die Fotografie, Collage und Skulptur kombinieren. Sie bestehen aus Gruppierungen von jeweils neun Polaroids, die diamantförmig angeordnet auf einem Stück Karton aufliegen. An der Wand aufgehängt und durch Metalldraht in Spannung gehalten zwingt sie die Krümmung in eine halb aufrechte Position. Dieses visuelle Archiv, das Gaillard bis 2011 im inzwischen nicht mehr existierenden Polaroid-Spectra-Format aufgenommen hat, präsentiert eine kaleidoskopische Ansicht von bekannten und unbekannten Orten, erhaltenen Objekten und natürlichen Strukturen, die von menschlichem Eingriff geprägt sind. Polaroids lassen sich naturgemäß nicht verändern, was ihnen einen dokumentarischen Charakter verleiht. Sorgfältig ausgewählt und ohne Glas und Schutz präsentiert, zeigen diese Fotografien ihre Zerbrechlichkeit. Sie sind sowohl private Beobachtungen als auch gesellschaftliche Zeugnisse öffentlicher Einrichtung und kultureller Identität. 

Im zweiten Obergeschoss des KUB bezieht sich Cyprien Gaillard auf die bekannte deutsche Sage Der Rattenfänger von Hameln. Dort bestückt Gaillard Querflöten mit Geldscheinen im Wert von null Euro, die wie Zigarettenpapier oder Ziehröhrchen für den Konsum von Drogen zusammengerollt sind. Es handelt sich um echte, von der Europäischen Zentralbank ausgegebene Null-Euro-Banknoten, die jedoch keinen tatsächlichen Wert besitzen – darauf abgebildet sind unter anderem die Figur des Rattenfängers und die Stadt Hameln. So verbindet sich das Bild von Musik mit dem von Konsum und Verführung, Wert und Täuschung, Rausch und Verdrängung. 

Eine weitere Arbeit in diesem Stockwerk führt diesen Gedanken fort: An den Wänden wölben sich gefächerte Skulpturen aus Edelstahl. Gaillard hat diese Objekte, angelehnt an italienische Beschattungsvorrichtungen für Bankomaten, zusammen mit einem Hersteller von Bankautomatenzubehör entwickelt. Am Boden liegen Farbpatronen und andere Bestandteile aus demolierten Geldautomaten, die nach dem Aufbrechen an den Produzenten zurückgeschickt wurden. Wird ein Automat gewaltsam geöffnet, färben sie die Scheine blau und machen sie unbrauchbar. Ähnlich wie die auseinandergenommenen Flöten auf Unterbrechungen der Luftzirkulation verweisen, können auch die gestohlenen markierten Geldscheine nicht mehr zirkulieren. Es geht um den Moment, in dem Wert in Wertlosigkeit umschlägt, und um die verborgene Gewalt, die dabei zutage tritt.

„Der öffentliche Raum ist kein Ort des Zusammenlebens mehr, sondern zunehmend eine Bühne der Ausgrenzung“ 
Cyprien Gaillard

Im dritten Obergeschoss ist DETERRENT, 2026, zu sehen, eine Neuproduktion, die Gaillard in Los Angeles sowie in verschiedenen Städten Nordeuropas gedreht hat. Der Film wurde vom Kunsthaus Bregenz gemeinsam mit der Mailänder Fondazione Prada produziert und ist in Bregenz zum ersten Mal zu sehen. Er beginnt vor einer Filiale der US-amerikanischen Ladenkette 7-Eleven, wo laut klassische Musik als Abschreckung gegen Unerwünschte gespielt wird, bevor er zu Szenen mit übermalten Graffiti, Drogenumschlagplätzen, Museumsvitrinen, der schneebedeckten Architektur Skandinaviens sowie dem wiederkehrenden Motiv von Verbotsschildern übergeht.

„Das Projekt richtet den Blick auf die Ränder des städtischen Gefüges, dort, wo Kontrolle am deutlichsten sichtbar wird. Entlang der betonierten Kanäle des Los-Angeles-Flusses dienen Wände als Grenzen zwischen bewohnbarem und unbewohnbarem Raum. Auf diesen Oberflächen bildet Graffiti – wiederholt überdeckt durch grobe Schichten von Farbe, die von den Kommunen aufgetragen wurde – eine unbeabsichtigte visuelle Sprache. Jeder Akt des Übermalens unterdrückt Ausdruck und erzeugt zugleich neue Formen. Auslöschung wird so zu einer Form der Produktion, bei der das Entfernen selbst als kollektives Fresko Spuren hinterlässt.” 
Cyprien Gaillard

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6900 Bregenz
Österreich
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