Im saubersten Ostschweizer Dialekt, die A’s hell wie Engelsglocken und kein R dazwischen, fragte der SBB-Kondukteur auf halbem Weg nach Winterthur nach den Fahrausweisen. So dermassen freundlich und beschwingt, dass einige Reisende ihm vor lauter Verdutztheit stattdessen die Cumulus-Karte hinstreckten. Von einem begeisterten Passagier auf seine Freundlichkeit angesprochen, verriet der Kontrolleur, dass er der aktuellen Weltlage doch nur so begegnen könne: «Mit erbarmungsloser Freundlichkeit.»
Besonders für Misanthrop:innen und Pessimist:innen dürfte dieser Weg kein leichter sein. Denn die Welt brennt. Im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Wir alle kennen die Bilder und wir alle sind müde – wenn auch privilegiert, von vielem verschont zu bleiben. Umso wichtiger die besagte Freundlichkeit, ein bisschen Liebe: Wer kann, sollte küssen, spielen, lachen. Und die kleinen Feste feiern. So halten wir es auch in der aktuellen Saiten-Ausgabe, frisch aus der Sommerpause.
Da feiern wir zum einen die Liebe und den Zusammenhalt über die Kantonsgrenzen hinweg. Saiten hat sich nämlich im Sommer mit den Kulturmagazinen «Coucou» aus Winterthur und «Null41» aus Luzern getroffen – eine Art interkultureller Austausch. Daraus ist eine Artikelserie entstanden, welche reihum die jeweiligen Kulturszenen und lokalen Besonderheiten untersucht und vergleicht. Am Ende zeigt sich, dass trotz kleiner, aber manchmal bedeutender Unterschiede die kulturpolitischen Herausforderungen doch sehr ähnlich sind.
Zum anderen feiern wir die wohl umtriebigste St.Galler Künstlerin: Anita Zimmermann. Sie feiert dieses Jahr einen runden Geburtstag, so heisst es. Angela Kuratli hat eine Würdigung der Jubilarin geschrieben und dafür Einblick in deren Bildarchiv erhalten. Zudem haben wir einige Künstler:innen gebeten, ihr ein paar Sätze zu widmen.
Auch das Figurentheater St.Gallen feiert sein 70-jähriges Bestehen. Peter Surber hat mit der Co-Leiterin Frauke Jacobi über Puppen und deren Zukunft gesprochen. Ein weiteres Jubiläum begeht die Museumsnacht St.Gallen. Marion Loher hat sich mit der Präsidentin des Vereins, Barbara Affolter, unterhalten. Damit die Feierei nicht überhandnimmt, findet sich in diesem Septemberheft eine Flaschenpost aus Afghanistan sowie der zweite Teil unserer Serie «Rechtsextremismus in der Ostschweiz», diesmal von Roman Hertler über einen St.Galler Pfarrer auf (braunen) Abwegen. Ausserdem hat sich René Hornung Das Ende einer Ära angesehen und Reto Voneschen mit Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der städtischen Dienststelle Umwelt und Energie über die (leider noch immer aktuelle) Hitzewelle und die St.Galler Klimawoche gesprochen. Wir wünschen einen guten Start in hoffentlich bald kühlere Monate und viel Spass beim Lesen!Daria Frick
«Wie ein Vorfilm dessen, was auf uns zukommen könnte»
Heppelers Bestiarium
Cyborg-Kakerlaken
Stimmrecht
St.Gallen in den Augen eines Soldaten
24/7 Traumacore
Heat Girl Summer
Das Schöne an der Provinz
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Wintis Glücksfall
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Der Neonazipfarrer
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Unterwegs in Anitas Bildarchiv: Metzger, Engel, Himmel und Tante Bergs Rosengebüsch
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Innovation gehört zur DNA
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die Stickmaschine steht still
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Tubes, Pipelines, Cords
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
«Nicht neu erfinden, was funktioniert»
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Nur Vorwärts
In der Lokremise präsentiert Emilija Škarnulytė ihre Filminstallation Arrow of Time – ein Werk über Vergänglichkeit und die Spuren, die alles hinterlässt.
Offene Türen – tiefe Einblicke
Zum ersten Septemberwochenende öffnet St.Gallen die Türen diverser architektonisch interessanter Bauten – darunter das Haus Mikulski oder das Bundesverwaltungsgericht.
Zeitreise zu den Anfängen der Schulbildung
Eine Ausstellung und ein Buch beleuchten 200 Jahre Schulwesen in Ausserrhoden.
Lust auf Schule
Die Kantonsschule in Wattwil ist zu klein und sanierungsbedürftig. Das «Gymnasium der Zukunft» setzt auf neue Lernformen sowie Begegnungsorte, Flexibilität und Möglichkeitsräume. Deshalb hat der Kanton auf dem schuleigenen Gelände an der Thur einen Neubau erstellt, der alle Erwartungen übertrifft und räumlich begeistert.