Saiten 07/08/25
PDF herunterladen
27MB
Editorial

Während man sich hüben an den ersten «mediterranen» Nächten erfreut und die sonnigen Ferientage herbeisehnt, haut man sich drüben die Köpfe ein. Die lauen Sommergefühle vermischen sich dieser Tage ganz eigenartig mit dem Entsetzen über eine zunehmend kriegerische Welt. Was soll man tun? Einfach zum Wirtschaftsteil umblättern, auf den Schlagerkanal zappen, runterscrollen, bis nichts mehr kommt? Oder einfach nach Australien fliegen? Aber Down Under ist die Nachrichtenlage schliesslich dieselbe.

Wie soll man als im Prinzip unbescholtene:r, privilegierte:r Mitteleuropäer:in angemessen auf die Weltlage reagieren? Wir wissen nur so viel: lesen hilft, reden hilft. Hilft, die Gedanken zu sortieren, kurbelt die Kreativität an, um der eigenen Ohnmacht etwas Positives, etwas Sinnstiftendes entgegenhalten zu können, im eigenen Umfeld Gutes zu bewirken. Ablenkung und Zerstreuung ist wichtig, die Welt um sich herum dabei nicht zu vergessen, aber ebenso.

Unangenehmes einfach auszublenden, hat noch niemanden weitergebracht. Das gilt zum Beispiel auch für Museen. Beim Kulturmuseum St.Gallen wurde schon öfters die Zurückhaltung im Umgang mit dem eigenen historisch belasteten Erbe in der Sammlung kritisiert. Zwar kam es in der Vergangenheit schon zu Rückgaben und wird aktuell die Geschichte der Ostschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft, deren Sammlung vor über 100 Jahren die Basis für die Museumsgründung bildete, aufgearbeitet. Im Herbst gibt es eine Ausstellung dazu. Auch bei der Benin-Initiative Schweiz ist man beteiligt. Doch nach aussen kommuniziert wird in dieser Hinsicht so gut wie gar nicht, es wirkt, als ob man sich fürs eigene Engagement schäme. Man will offensichtlich kein Modeopfer zeitgeistiger Wokeness-Debatten werden. 

Erschwerend kommt hinzu, dass seit der Einsetzung des neuen Direktoriums 2021 sechs Personen das Museum verlassen haben, darunter die Ethnologin und der Provenienzforscher, die sich beide stark – eventuell zu stark? – für eine kritische fachliche Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte engagierten. Für Saiten Grund genug, beim Kulturmuseum und in dessen Umfeld einmal eine Bestandesaufnahme zu versuchen und nachzufragen, wie es tatsächlich um die Bereitschaft zu einem offenen Dialog steht. Die Recherche gibts ab Seite 14.

Ausserdem im Sommerheft: die Auslegeordnung zu den Chancen, welche die aktuelle Frauenfussball-EM für den Sport vor Ort mit sich bringt, die finale Saitenlinie-Kolumne von Nathalie Grand, eine historische Recherche über reichsdeutsche und nationalsozialistische Umtriebe in der Ostschweiz, die Flaschenpost aus Armenien, und – wie gewohnt – die Saiten-Sommerkulturtipps für alle Daheimgebliebenen und Zurückgelassenen, die sich dieser Tage in hiesigen Breiten etwas Gutes tun wollen.

Erspriessliche Lektüre, erbauliche Gespräche und guten Sommer wünscht das Saiten-Team!Roman Hertler

Inhalt