Juni 2012, Tainan im Südwesten Taiwans. In einem Raum liegen Kinder auf Matten, bei jedem ein Glas Milch. Man schliesst die Augen. Die Kinder folgen den englischen Worten der Betreuerin. Die Teppiche heben ab, sie fliegen durch ein Dorf, sie riechen Blumen. Die Eltern der Kinder im Zentrum der «Tainan New Generation Social Welfare Association» sind entweder im Gefängnis, krank oder gewalttätig. Die Kinder fliegen zum Weltall und wieder zurück.
Im Praktikumszeugnis der Betreuerin Susanne Su wird später stehen, «es wurde immer und immer wieder klar, dass Miss Su interessiert ist, den Dingen auf den Grund zu gehen». Am Morgen lernt sie Chinesisch an der Universität, am Nachmittag unterrichtet sie Englisch, hilft Einwanderern bei Übersetzungen, macht Hausbesuche in Risikohaushalten. Und lässt Kinder fliegen.
Oktober 2016, St.Gallen. Wir sitzen vor dem Bioladen «Ultimo Bacio». «Mich erinnert das ein wenig an Bern, an das Länggass-Quartier». Susanne Su wurde in Bern geboren, in Taiwan 30, und wird in St.Gallen an der FHS bald ausgebildete Sozialarbeiterin. Eigentlich wollte sie nach Olten, an die FHNW. Doch dort war der Bachelor ausgebucht, wie jedes Jahr schon seit der Einführung vor zehn Jahren. Etwa 300 pro Jahr können beginnen, es gibt eine Warteliste. Warten wollte Susanne nicht. «Ich habe alle meine Sachen gepackt und bin nach St.Gallen gekommen.»
Ein hellblauer Hemdkragen unter dem grauen Pullover. Das glatte schwarze Haar fällt Susanne manchmal über das rechte Auge. Den Blickkontakt hält sie lange. Mal lehnt sie sich zurück, wenn sie spricht, verschränkt die Arme. Mal stützt sie die Ellbogen auf dem Tisch ab, beugt sich nach vorne und kommt näher.
«Sozialpolitik gibt der Sozialen Arbeit den Auftrag», sagt Susanne Su. «Allein darum schon sollte uns Sozialpolitik interessieren.»
Für das Gespräch hat sie einen Artikel ausgedruckt und drückt ihn mir in die Hand: Die 14 wichtigsten Kompetenzen für Soziale Arbeit und was das mit der Gesellschaft zu tun hat. Als Erstes nennt sie Nummer 2; Empathie, danach Nummer 8; Ambiguitätstoleranz. Kein Wort für Liebesbriefe. Gemeint ist die Kompetenz, Ungewissheiten und Widersprüche aushalten zu können in einer sich immer schneller verändernden Welt. Das Mehrdeutige tolerieren, das «Sowohl-als-auch» denken statt das «Entweder-oder». «Wir leben in einer VUCA-Welt», sagt Susanne. «Volatil, ungewiss, komplex und widersprüchlich.» Der Begriff wird zurückgeführt auf das US Army War College. Neuerdings fällt er vor allem im Zusammenhang mit Disruption, verkürzten Marktlebenszyklen und Leadership-Seminaren.
Für Susanne ist Soziale Arbeit die einzige Disziplin, die auf den Wandel, die VUCA-Welt reagieren kann, indem sie Professionelle in diesen Kompetenzen schult und deren Wichtigkeit der Öffentlichkeit vermittelt. «Soziale Arbeit fördert Lebenskompetenz, damit Menschen in dieser VUCA-Welt ein lebenswertes Leben führen können. Sie erkennt kranke Strukturen und versucht, sie in gesunde zu verändern.»
Manchmal spricht Susanne so, als ob sie mich und die Welt noch von ihrem zukünftigen Beruf überzeugen will. «Wird in den Medien beispielsweise Terrorismus thematisiert, kommen Soziologen zu Wort, Psychologen, Historiker, Politologen, aber nie Sozialarbeiter.» Im Studium fehlt ihr manchmal der Meinungsaustausch. Aus ihrer Sicht setzen sich zu wenige mit Sozialpolitik auseinander. «Sozialpolitik gibt der Sozialen Arbeit den Auftrag. Allein darum schon sollte uns Sozialpolitik interessieren.»
Susanne hat eine Theorie, warum sie sich schon früh für politische Themen zu interessieren begann, ihren Bruder und ihre Schwester zum Abstimmen drängte, sie zu Diskussionen herausforderte, sich mit der Integralen-Politik-Bewegung oder der Unia beschäftigte, linkspolitischen «Zecken-Rap» hörte. «Meine Mutter hat uns verboten, über Politik zu sprechen, geschweige denn, sich politisch zu engagieren. Vielleicht genau deswegen, und weil ich keinen Grund fand, weshalb ich mich nicht interessieren solle, hat es mich beschäftigt. Ich wollte die Mechanismen verstehen. Meine Mutter assoziierte das Politische mit dem Kommunismus, Politik sei gefährlich. Sie hat den Krieg in Vietnam erlebt.»
Susannes Familiengeschichte ist eine der Ungewissheit und des Zusammenhalts. Sie beginnt in den 50er-Jahren, im Süden Chinas. Susanne erzählt, wie ihre Urgrosseltern und Grosseltern, politische Beamte aus der Oberschicht Guangzhous, vor dem Kommunismus nach Vietnam fliehen mussten, nur um dort erneut entwurzelt zu werden.
Während des Chinesisch-Vietnamesischen Kriegs fliehen bis zu 1,5 Millionen Menschen, sogenannte Boat People, mit Booten aus Vietnam. Eines davon, acht Meter lang und vier Meter breit, bringt Susannes Familie 1979 nach Hongkong in ein Flüchtlingslager. Ihr Urgrossvater entschied sich dort gegen die Weiterreise in die USA und für die Berge. «So sind wir 1981 in der Schweiz angekommen, ein Jahr später wurde ich geboren.»
Es gibt eine viel zitierte Studie aus den 90er-Jahren, die Gründe suchte für die aussergewöhnlich erfolgreichen akademischen Laufbahnen der indochinesischen Boat-People-Kinder. Als ein entscheidender Faktor wird der Familienzusammenhalt aufgeführt.
Eines der Familienrituale, die Susannes Familie über China, Vietnam und die Bootsfahrt nach Hongkong schliesslich nach Bern brachte, fand sie selbst, zur Enttäuschung ihrer Eltern, lange sehr seltsam: die Ahnenanbetung. «Tote anbeten. Meine Mutter konnte mir nie erklären, warum wir das machen. Ich habe gedacht: Da mache ich nicht mit. Dabei hat es eigentlich nichts mit Ahnenanbetung zu tun. Es sind Erinnerungsrituale. Was haben meine Vorfahren gemacht? Wo sind die Wurzeln? Wie bin ich entstanden? So kommt die ganze Familie zusammen. So kann man das Familiensystem sichern.»
Während den vier Jahren ihrer Ausbildung hat sich Susanne viel mit ihrer Familie auseinandergesetzt, mit China, konfuzianischer Philosophie und westlicher Pädagogik, den Unterschieden, der Sozialpädagogin in Tainan, der nicht widersprochen wird, und der Sozialpädagogin in St.Gallen, die versucht, Macht in Autorität zu verwandeln, in die Lebenswelt des Kindes einzutauchen und die Eltern, das System, einbezieht. Sie hat sich mit Gemeinsamkeiten beschäftigt, mit Sowohl-als-auch-Denken und Entweder-oder.
Warum sie damals ausgerechnet nach Taiwan ging für ihr Vorpraktikum? «Ich wollte wissen, was es bedeutet, Chinese zu sein. Ein Chinese ist für mich ein Mensch, der die konfuzianische Philosophie in sich trägt. Du könntest auch Chinese werden. Ich glaube, ich bin nicht wirklich chinesisch.»
Claudio Bucher, 1980, lebt in St.Gallen. Er hat an der ZHdK Kulturpublizistik/-Vermittlung studiert und arbeitet als Autor, Musiker und Musikproduzent.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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