Der Doppelbahnhof als Entwicklungsbooster

Die Stadt St.Gallen hat für den weiss umrandeten Perimeter ein Entwicklungsleitbild erarbeitet. (Bilder: Stadt St.Gallen) 

Die Realisierung des Doppelbahnhofs Bruggen-Haggen hätte auch Einfluss auf die bauliche Entwicklung des angrenzenden Quartiers. Nun hat die Stadt das Entwicklungsleitbild für das Gebiet präsentiert. Es zeigt: Die Zusammenlegung der Bahnhöfe bietet ein enormes Potenzial.

Die Ver­schie­bung des Bahn­hofs Brug­gen ost­wärts auf Hö­he des Bahn­hofs Hag­gen nimmt im­mer deut­li­cher Ge­stalt an. Nach­dem An­fang Jahr ein Mit­wir­kungs­ver­fah­ren zum Pro­jekt ge­star­tet wur­de, des­sen Re­sul­ta­te nun ins Bau­pro­jekt ein­flies­sen, hat die Stadt nun den Zeit­plan für das 40-Mil­lio­nen-Pro­jekt kon­kre­ti­siert: En­de 2026 soll die Vor­la­ge für den Bei­trag der Stadt, der sich ge­gen 15 Mil­lio­nen Fran­ken be­we­gen wird, ins Stadt­par­la­ment kom­men. En­de 2031 ist die Er­öff­nung des neu­en Bahn­hofs vor­ge­se­hen. 

Der Dop­pel­bahn­hof soll aber nicht nur die Er­schlies­sung des Quar­tiers Brug­gen-Hag­gen ver­bes­sern, son­dern auch ei­ne In­iti­al­zün­dung sein für die bau­li­che Ent­wick­lung des weiss um­ran­de­ten Pe­ri­me­ters auf dem Ti­tel­bild. Als der Stadt­rat im Früh­ling 2022 beim Stadt­par­la­ment den Pro­jek­tie­rungs­kre­dit für die Bahn­hof­ver­schie­bung be­an­tragt hat­te, be­ton­te er be­reits, dass die­se ei­ne gros­se Chan­ce für die­sen Teil der Stadt sein wür­de. 

Nun zeigt sich, was hin­ter die­se Aus­sa­ge steckt: Am Mitt­woch ha­ben Bau­di­rek­tor Mar­kus Busch­or und Stadt­pla­ner Flo­ri­an Kess­ler an ei­ner Me­di­en­kon­fe­renz das Ent­wick­lungs­leit­bild prä­sen­tiert. Die­ses ist in ei­nem ko­ope­ra­ti­ven Pla­nungs­pro­zess mit den Grund­ei­gen­tü­mer:in­nen im be­tref­fen­den Pe­ri­me­ter ent­stan­den. Da­bei ha­be man un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen ko­or­di­niert und die Ent­wick­lungs­ab­sich­ten der ein­zel­nen Grund­ei­gen­tü­mer:in­nen ab­ge­stimmt. 

Par­ti­zi­pa­ti­on fürs Ge­samt­ge­biet 

Bei der Ent­wick­lung der Stadt ge­be es lei­der nicht im­mer die Ge­le­gen­heit, über ein­zel­ne Par­zel­len hin­aus zu den­ken, sag­te Mar­kus Busch­or. Im kon­kre­ten Fall zei­ge sich nun, wie wert­voll es sei, ein gan­zes Ge­biet zu­sam­men mit den Grund­ei­gen­tü­mer:in­nen zu pla­nen und so des­sen Po­ten­zi­al aus­schöp­fen zu kön­nen. Durch ei­nen sol­chen Aus­tausch ent­ste­he ei­ne Sen­si­bi­li­sie­rung für das Ge­samt­ge­biet, ein Ver­ständ­nis da­für, dass es nicht um ei­ne Ma­xi­mie­rung der Ein­zel­in­ter­es­sen, son­dern um ei­ne Op­ti­mie­rung der ge­mein­sa­men In­ter­es­sen ge­he. Dies er­mög­li­che letzt­lich, die Stadt nicht nur quan­ti­ta­tiv zu ent­wi­ckeln, son­dern auch qua­li­ta­tiv.

So könnte sich die Bebauung rund um den Doppelbahnhof Bruggen-Haggen verändern. 

Flo­ri­an Kess­ler ging im De­tail auf das Ent­wick­lungs­leit­bild ein. Die­ses zei­ge kei­ne kon­kre­ten Pro­jek­te auf, be­ton­te der Stadt­pla­ner, son­dern die «räum­li­chen Er­kennt­nis­se und Hand­lungs­spiel­räu­me». Es il­lus­trie­re die mög­li­che Ent­wick­lung und ei­ne Stoss­rich­tung in­klu­si­ve der pas­sen­den Nut­zun­gen in ei­nem dich­ten und ge­misch­ten Wohn- und Ar­beits­ge­biet. Es be­stehe aus zwei zeit­li­chen Sze­na­ri­en: Ei­nem mit­tel­fris­ti­gen, in dem sich be­reits heu­te Ver­än­de­run­gen ab­zeich­ne­ten, und ei­nem lang­fris­ti­gen – al­so nicht in­ner­halb der nächs­ten zehn Jah­re –, das ei­ner­seits in­fra­struk­tu­rel­le Mass­nah­men der SBB an den Glei­sen be­rück­sich­ti­ge und an­de­rer­seits Grund­stü­cke, wo es heu­te noch kei­ne oder weit ent­fern­te Ver­än­de­rungs­ab­sich­ten ge­be. 

De­brun­ner-Are­al als Fi­let­stück 

Der Ent­wick­lungs­pe­ri­me­ter wur­de in neun Teil­ge­bie­te un­ter­teilt und für je­des da­von ein «Steck­brief» be­tref­fend die mög­li­che Be­bau­ungs­struk­tur mit Hö­hen, Dich­ten und Nut­zung er­ar­bei­tet. Al­len ist ge­mein­sam, dass ei­ne Nut­zung in mitt­le­rer bis ho­her Dich­te mög­lich und sinn­voll wä­re.

Ein rie­si­ges Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al bie­tet das heu­te in­dus­tri­ell-ge­werb­lich ge­nutz­te – oder nur noch teil­wei­se ge­nutz­te – De­brun­ner-Are­al, das sich auf ei­ner Län­ge von rund 500 Me­tern ent­lang der Hecht­a­ckera­cker­stras­se er­streckt. Es wä­re in die­sem Ent­wick­lungs­pe­ri­me­ter auf­grund sei­ner Grös­se und La­ge zwei­fels­oh­ne das Fi­let­stück. Es hand­le sich um ein klas­si­sches «Trans­for­ma­ti­ons­are­al», sag­te Kess­ler. Auf­grund der Nä­he zum Dop­pel­bahn­hof sei es gut ge­eig­net für Ar­bei­ten, aber auch für ei­ne dich­te Wohn­be­bau­ung, nicht zu­letzt we­gen der Aus­sicht von der Hang­kan­te über den Wes­ten der Stadt. Auf der nörd­li­chen Sei­te, ent­lang der SOB-Glei­se zwi­schen dem Bahn­hof Hag­gen und dem Bü­ro­ge­bäu­de Hecht­a­cker, ist ei­ne be­grün­te «Gleis­pro­me­na­de» vor­ge­se­hen. 

Auch der di­rekt ans De­brun­ner-Are­al an­schlies­sen­de Bahn­hof Hag­gen mit der heu­ti­gen klein­tei­li­gen Be­bau­ung bie­te gu­te Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten für ei­ne Misch­nut­zung. Neu­bau­ten könn­ten das Quar­tier­zen­trum und den Dop­pel­bahn­hof stär­ken. 

Neben dem Treppen- und Liffturm der Passerelle könnten Neubauten entstehen. Ihnen müsste das Feuerwehrdepot (am linken Bildrand) weichen. 

In­ter­es­sant ist auch das Teil­ge­biet zwi­schen dem Moos­wei­her und den SBB-Glei­sen, wo sich das De­pot der Mi­liz­feu­er­wehr West be­fin­det. Auf des­sen Vor­platz ist der nörd­li­che Trep­pen- und Lift­turm der neu­en Pas­se­rel­le, die den neu­en Bahn­hof Brug­gen mit dem Bahn­hof Hag­gen und der Um­ge­bung ver­bin­den soll, ge­plant. Auf­grund der räum­li­chen Si­tua­ti­on sei an die­sem Ort ei­ne ho­he bau­li­che Dich­te bis hin zu ei­nem «Hoch­punkt» denk­bar, sag­te Kess­ler. Auf­grund des di­rek­ten An­schlus­ses an den Dop­pel­bahn­hof soll der­einst ein Misch­ge­biet für Woh­nen und Ar­bei­ten ent­ste­hen. Wich­tig sei, dass – ge­ra­de im Zu­sam­men­spiel mit dem Moos­wei­her – der Vor­platz er­hal­ten blei­be und öf­fent­li­che Nut­zun­gen in den Erd­ge­schos­sen all­fäl­li­ger neu­er Ge­bäu­de ent­stün­den. Im Fal­le ei­ner Neu­be­bau­ung müss­te für das Feu­er­wehr­de­pot, das 2018 sa­niert und mit ei­nem An­bau er­wei­tert wur­de, ein al­ter­na­ti­ver Stand­ort ge­sucht wer­den. 

Im Raum­kon­zept, das die Stadt St.Gal­len An­fang 2024 vor­ge­stellt hat­te, ist denn das Are­al zwi­schen dem Ler­chen­feld und dem Bahn­hof Hag­gen ex­pli­zit als ei­nes von vier Ge­bie­ten in der gan­zen Stadt de­fi­niert, in dem Hoch­häu­ser zwi­schen 45 und 85 Me­tern Hö­he mög­lich sein sol­len. 

Ein wei­te­res Teil­ge­biet be­fin­det sich am süd­li­chen En­de der Strau­ben­zell­stras­se. Das gan­ze Are­al vom Dor­sin-Mar­ket bis zum Fried­hof Brug­gen ge­hört in­zwi­schen der Stadt. Der Schwer­punkt soll dort künf­tig auf neu­em Wohn­raum lie­gen. 

Auch im ge­werb­lich ge­präg­ten Teil­ge­biet Gröb­listras­se West ist die Stadt Grund­ei­gen­tü­me­rin. Ihr ge­hört die Lie­gen­schaft Hag­gen­stras­se 45, wo sie vor zehn Jah­ren die So­zia­len Diens­te un­ter­brin­gen woll­te, das Vor­ha­ben aber we­nig spä­ter wie­der be­grub. Auch hier­bei hand­le es sich um ein Trans­for­ma­ti­ons­are­al hin zu Woh­nen und Ar­bei­ten. 

Brut­to­ge­schoss­flä­che na­he­zu ver­dop­pelt 

Be­ein­dru­ckend ist vor al­lem das Po­ten­zi­al, dass sich durch die bau­li­che Ent­wick­lung die­ses Ge­biets er­gibt: Die Ge­samt­flä­che für Woh­nen und Ar­bei­ten könn­te von heu­te 100’000 Qua­drat­me­tern auf bis zu 180’000 Qua­drat­me­ter stei­gen, al­so fast dop­pelt so viel. Der An­teil an Wohn­flä­che könn­te von heu­te 20 Pro­zent auf schät­zungs­wei­se bis zu 60 Pro­zent zu­neh­men. Rech­net man mit ei­ner Wohn­flä­che von 45 bis 50 Qua­drat­me­tern pro Per­son, er­gibt sich zu­sätz­li­cher Wohn­raum für über 2000 Per­so­nen. 

Bau­di­rek­tor Busch­or kam auch noch­mal auf den Nut­zen der Zu­sam­men­le­gung der Bahn­hö­fe be­zie­hungs­wei­se die dar­aus re­sul­tie­ren­de so­ge­nann­te Er­schlies­sungs­gü­te zu spre­chen, die sich an der Zahl der ÖV-Hal­te­stel­len und -Ab­fahr­ten in ei­nem be­stimm­ten Ra­di­us be­rech­net. Wäh­rend das Ge­biet rund um den heu­ti­gen Bahn­hof Brug­gen auch oh­ne die­sen in der ÖV-Gü­te­klas­se A blei­ben wür­de, hät­te der Pe­ri­me­ter rund um den neu­en Dop­pel­bahn­hof neu die Gü­te­klas­se A statt B oder C (Ra­di­us 300 Me­ter) be­zie­hungs­wei­se teil­wei­se B statt C (Ra­di­us 500 Me­ter). Das sei ein zen­tra­ler Punkt für den Im­puls, der vom Bahn­hof auf das Um­feld aus­ge­hen könn­te. 

Mar­kus Busch­or und Flo­ri­an Kess­ler prä­sen­tier­ten das Ent­wick­lungs­leit­bild am Mitt­woch­abend auch den Quar­tier­be­woh­ner:in­nen. In der Dis­kus­si­on zeig­te sich, dass es bei der Be­völ­ke­rung nebst Zu­stim­mung zur gan­zen Ge­biets­ent­wick­lung auch Vor­be­hal­te gibt, sei es zu den Kos­ten und dem Nut­zen der Bahn­hof­ver­schie­bung oder zu de­ren grund­sätz­li­chem Sinn. Mit dem Ent­wick­lungs­leit­bild hat die Stadt aber ei­nen wei­te­ren wich­ti­gen Schritt ge­tan, um die «rie­si­ge Chan­ce» Rea­li­tät wer­den zu las­sen. 

Al­le In­for­ma­tio­nen und Un­ter­la­gen zum Ent­wick­lungs­leit­bild gibt es hier. 

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