«Die Schmierfinke sött me jetzt denn mal verwütsche und ganz tüchtig abchlöpfe», sagt eine Zürcher Passantin 1977 zum Schweizer Fernsehen. Ein anderer widerspricht: «Ich finds schuurig guet, es isch schön. Es isch sone graui Wand und denn chunnt plötzlech rot und schwarz und violett.»
Als im bünzlig-tränigen Zürich der späten 70er-Jahre die ersten Sprayereien im öffentlichen Raum auftauchen – Fabelwesen, Fantasiefiguren, mit träfen Strichen auf den Beton geschossen – erhitzt das die Gemüter. Die einen schreiben ein Kopfgeld von 3000 Franken aus für Hinweise, die zur Verhaftung des Täters führen, andere schreiben Seminararbeiten über den «Sprayer von Zürich», stellen Fotografien seiner Werke in Galerien aus oder widmen dem «unbekannten Meister» einen Song.
Kunst oder Sachbeschädigung? Bis heute fordert Harald Naegeli – Zeichner, Wolkengänger und Utopist, wie er sich selbst bezeichnet – diese Frage heraus. 2019 kehrt der heute 82-Jährige nach über 35 Jahren im Düsseldorfer Exil in seine erste Heimat Zürich zurück. Im Corona-Lockdown sprayt er über 50 «Totentänze» in der Stadt, unter anderem hinter Rodins Höllentor beim Kunsthaus Zürich – eine seiner Lieblingsflächen.
Die Stiftung Kunsthaus lässt die Figur subito wegputzen und reicht Strafanzeige ein, zieht diese aber nach einigem Hin und Her wieder zurück. Anders als die Baudirektion des Kantons Zürich, die ihn wegen eines Flamingos an einer alten Turnhalle verklagt. Und die Stadt Zürich? Zeichnet Naegeli 2020 für sein Lebenswerk mit dem Grossen Kunstpreis aus. Zum Dank hält er eine Anti-Kampfjet-Rede.
«Ich will entscheiden, nicht andere»
Nathalie David hat dem politisch motivierten Graffiti-Pionier einen Dokfilm gewidmet, die Idee dazu ist von Peter Spoerri. Doch Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich ist nicht nur eine Hommage, es ist auch eine Art Testament, ein filmischer Totentanz. Naegeli wird sterben, er hat Krebs. Gleich zu Beginn erklärt er, dass er Exit-Mitglied ist. «Ich will entscheiden, nicht andere.» Wenn der Tag also gekommen ist, wird er sich auslöschen wie die Behörden einst seine Werke.
Dieses Nicht-Verblassen-Wollen passt zu ihm. Nathalie David porträtiert einen eigenwilligen, freiheitsliebenden, manchmal fast trotzigen Rebell, der bis heute keinen Konflikt scheut, sondern ihn mit Freuden sucht. Hier will einer Grenzen sprengen, auch im nicht übertragenen Sinn, wenn es nur um wenige Zentimeter geht wie etwa im Fall seines Totentanzes im Zürcher Grossmünster: Er blieb unvollendet, weil Naegeli sich nicht an die vorgegebenen Perimeter gehalten hat und die Sache vom Bauamt daraufhin wieder abgeblasen wurde.
Solche Episoden amüsieren ihn sichtlich. Vergnügt und spitzbübisch lacht sich Naegeli ins Fäustchen, wenn er von seinen Erlebnissen mit den Behörden und der Staatsmacht erzählt. «Ohne Widerstand, ohne Opposition wäre die Kunst belanglos», sagt er. Und: Sprayer:innen dürfen ruhig angeklagt werden, aber sie müssten anders beschuldigt werden. «Zum Beispiel: Bereicherung des öffentlichen Raums ist verboten. Oder: Kritik am Kapitalismus ist verboten.»
Geht es nach ihm, beschenkt er die Hausbesitzer:innen und -verwaltungen mit seinen Werken. Seine Graffiti versteht er als Kontrast zur urbanen Verödung und Vereinzelung. Es ist seine Revolte gegen die geleckte, rentable Stadt, aber auch gegen Umweltverschmutzung, Grosskonzerne, Massentierhaltung und «Steuereintreiber».
Ruhm dank der Staatsanwaltschaft
1979 wird der «Schmierfink» ertappt – Naegeli ist enttarnt. Seine Popularität wächst, viele sehen ihn als Symbol des Aufbruchs. In dieser Zeit brodelt es gewaltig in Zürich, doch Naegeli beteiligt sich nicht an den Protesten rund ums Opernhaus. Er macht weiter sein eigenes Ding – und weitet sein Revier aus, macht Abstecher nach Stuttgart, Berlin, Frankfurt, Köln und Düsseldorf.
Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich: bis 25. November im Kinok St.Gallen
Premiere in Anwesenheit der Regisseurin Nathalie David: 5. November, 18:30 Uhr
kinok.ch
Das Zürcher Obergericht verurteilt ihn schliesslich wegen «wiederholter und fortgesetzter Sachbeschädigung», das Bundesgericht bestätigt dieses Urteil. 1982 macht sich Naegeli aus dem Staub und wird international zur Fahndung ausgeschrieben – auch das für ihn ein grosses Amüsement und ein kleiner Sieg über die bürgerliche Borniertheit. Aber er weiss auch um die Bedeutung dieser Episode: Sie hat seinen Ruhm begründet. 1984 stellt er sich freiwillig und fährt unter grossem Getöse für sieben Monate ein.
Die Zwiste mit den Behörden, die Anekdoten aus dem Gefängnis, seine fabelhaften Zuschreibungen der gemeinen Wanze oder der innere Dialog mit Till Eulenspiegel: All das macht den Film durchaus unterhaltsam. Wirklich sehenswert machen ihn aber die nachdenklichen Zwischentöne, Naegelis Nachdenken über die Kunst, die Freiheit oder das Sterben – Sätze und Beobachtungen, die genau so scharf und präzis geschossen sind wie die Linien seiner Figuren.
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