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Von der Garage auf die Tanzfläche

Philipp Meienhofer und Elio Ricca bilden zusammen die Band Elio Ricca. (Bild: pd)

Philipp Meienhofer und Elio Ricca bilden zusammen die Band Elio Ricca. (Bild: pd)

Das St.Galler Duo Elio Ricca setzt seine musikalische Reise mit Emotional Hardcore, dem vierten Studioalbum, konsequent fort: tanzbarer, persönlicher, aber nicht weniger rockig.

Zu Syn­th­klän­gen bret­tert ein schwar­zer Ma­se­r­a­ti durch die Däm­me­rung, der Beat setzt ein. Vor­ne auf dem Sankt­gal­ler Num­mern­schild steht «ELIO RIC­CA», hin­ten «RCH AF» – al­so: «rich as fuck». Die Iro­nie die­ser Prot­ze­rei wird ei­nem al­ler­spä­tes­tens klar, als der Bo­li­de hin­ter ei­nem Fa­brik­ge­bäu­de hält und so­fort von ei­ner pin­ken Pi­ag­gio Ape zu­par­kiert wird. Elio Ric­ca steigt aus dem knuf­fi­gen Italo-Drei­rad und be­ginnt in They Say They Say über die Kon­sum­ge­sell­schaft und in­fla­tio­nä­re Rat­schlä­ge zur ego­ma­ni­schen Selbst­op­ti­mie­rung zu sin­gen. Er wird da­bei von ei­ner auf­dring­li­chen Peo­p­le-Jour­ni-Meu­te ver­folgt, es gibt ei­ne Über­fall- und ei­ne Vamp-Sze­ne, al­les gip­felt in ei­ner K-Pop-Cho­reo. Im Vi­deo­clip wim­melt es nur so von pop­kul­tu­rel­len An­spie­lun­gen. Das sitzt und passt al­les her­vor­ra­gend zu­sam­men. Wie im­mer, wenn Elio Ric­ca ein Vi­deo pro­du­zie­ren.

Als der Clip ver­gan­ge­nen De­zem­ber raus­kam, war vie­len nicht so­fort klar, dass ein neu­es Elio-Ric­ca-Al­bum im An­marsch ist. Das gschaf­fi­ge St.Gal­ler Duo hat­te sich nach dem letz­ten Al­bum Lu­na Park (2022) in ers­ter Li­nie dar­auf kon­zen­triert, live zu spie­len und dann und wann ein­zel­ne Sin­gles raus­zu­hau­en. Wie man das heu­te halt macht. Doch Elio Ric­ca, Song­schrei­ber, Sän­ger, Mul­ti­in­stru­men­ta­list und Na­mens­ge­ber der Band, hat­te im Früh­ling 2024 die­ses Reis­sen, doch wie­der et­was Um­fas­sen­de­res zu schaf­fen. Viel­leicht lags an sei­nen da­ma­li­gen Le­bens­um­stän­den, die ihn Tag und Nacht in den Pro­be­raum trie­ben, oder auch dar­an, dass er sich seit ei­ni­ger Zeit ver­tieft mit Ly­rics aus­ein­an­der­zu­set­zen be­gann.

Ge­gen Welt­schmerz und ra­di­ka­len In­di­vi­dua­lis­mus

Die Tex­te auf Emo­tio­nal Hard­core, dem mitt­ler­wei­le vier­ten Lang­spie­ler, sind denn auch per­sön­li­cher und tief­grün­di­ger und nicht mehr nur Bei­gemü­se mit mal mehr, mal we­ni­ger Sinn wie auf den Vor­gän­ger­plat­ten. Und end­lich wag­te Elio sich auch an sei­ne Mut­ter­spra­che. Mit dem Italo-Dis­co-Ban­ger Mie­le und der Bal­la­de Tu mi fai ma­le hat er zwei Songs auf Ita­lie­nisch ein­ge­sun­gen, ob­wohl er Auf­for­de­run­gen da­zu aus sei­nem Um­feld lan­ge ka­te­go­risch ab­ge­wehrt hat­te. «Hin­ter dem Eng­li­schen konn­te ich mich auch im­mer et­was ver­ste­cken», sagt Ric­ca.

Elio Ricca: Emotional Hardcore (Mouthwatering Records). Am 22. August auf diversen digitalen Platt- formen veröffentlicht. Eine Pressung ist aktuell nicht geplant.

Live: 
5. September, 21.45 Uhr, Musig i dä Stadt, Frauenfeld
Plattentaufe: 5. Dezember, Grabenhalle St.Gallen.

elioricca.com

Emotional Hardcore Albumcover by Marlene Pichler 4000x4000 WEB

Bei al­ler Me­lan­cho­lie ist Emo­tio­nal Hard­core – schon der Al­bum­ti­tel sug­ge­riert es – mit viel wohl­tu­en­dem Au­gen­zwin­kern durch­setzt. Im wa­vi­gen ADHD spe­ku­liert Ric­ca über ei­ne ADHS-Dia­gno­se, oh­ne dem über­trie­be­nen Ernst bei­mes­sen oder ir­gend­je­man­den be­schu­len zu wol­len – in­klu­si­ve In­kauf­nah­me der Ge­fahr, sich we­gen des un­ver­krampf­ten Um­gangs mit see­li­schem Lei­den Dis­kri­mi­nie­rungs­vor­wür­fen aus­zu­set­zen, die heu­te so schnell bei der Hand sind. Und mit dem Schluss­track So­me­ti­mes I Dream Up Places hüpft das Al­bum rich­tig­ge­hend fröh­lich sei­nem En­de ent­ge­gen.

Dem ra­di­ka­len Rück­zug aufs In­di­vi­du­um und ei­ge­ne Be­find­lich­kei­ten als Re­ak­ti­on auf den all­ge­mei­nen Welt­schmerz kann die Pop­kul­tur im Grun­de nur mit Hu­mor und Zu­ver­sicht be­geg­nen. «No fu­ture» war noch nie die Ant­wort. Emo­tio­nal Hard­core hat nun aber nicht den nai­ven An­spruch, die Welt zu ver­bes­sern. Da­zu ist Mas­ter­mind Ric­ca viel zu be­schei­den. Sein An­spruch gilt gu­ter Kunst. Sei­ne Er­zäh­lun­gen sind per­sön­lich ge­färb­te An­ek­do­ten, die mit fei­ner Iro­nie den Irr­sinn der Welt und die Wir­run­gen des ei­ge­nen Le­bens wi­der­spie­geln.

Com­pu­ter-Beats und so­li­des Hand­werk

Und der Sound­track da­zu ba­siert wie ge­wohnt auf so­li­dem Mu­sik­hand­werk. Klang­lich ist Emo­tio­nal Hard­core die lo­gi­sche Fort­set­zung des Wegs, den Elio Ric­ca be­reits mit Lu­na Park ein­ge­schla­gen ha­ben: weg vom rau­en Zwei-Mann-Ga­ra­gen­rock, hin zu et­was viel­schich­ti­ge­ren Mel­lo­tron- und an­de­ren Syn­th-Ex­pe­ri­men­ten. Ei­ne coo­le Mi­schung, die über­zeugt. Hübsch ist zum Bei­spiel das lang­ge­zo­ge­ne Pia­no- und Chör­li-Ou­t­ro zum Ti­tel­track Emo­tio­nal Hard­core. Oder die Re­fe­renz auf des­sen Haupt-Riff im Fol­ge­track 1001 Nacht.

Oh­ren­fäl­lig ist der häu­fi­ge Ein­satz des Drum-Com­pu­ters. Schlag­zeu­ger Phil­ipp Mei­en­ho­fer sei des­we­gen nicht be­lei­digt, ver­si­chert Elio Ric­ca. Als sie die ent­spre­chen­den Parts be­spra­chen, wa­ren sie sich rasch ei­nig, dass der pro­gram­mier­te Beat oft ein­fach bes­ser pass­te. Als Kon­se­quenz hat Mei­en­ho­fer sein ana­lo­ges Drum­kit um ei­ni­ge E-Pads er­gänzt. In der Live-Um­set­zung, bei der er auch mal gleich­zei­tig zum Beat ei­nen Syn­the­si­zer be­dient, zeigt sich Mei­en­ho­fers Mul­ti­tas­king-Ta­lent, das je­nem Ric­cas in nichts nach­steht.

Als au­dio­vi­su­el­les Ge­samt­kunst­werk funk­tio­nie­ren Elio Ric­ca nach wie vor her­vor­ra­gend. Da­zu bei­getra­gen ha­ben dies­mal auch Mi­xer Giu­lia­no Sulz­ber­ger (Porch­mou­se Stu­dio) und Künst­le­rin Mar­lè­ne Pich­ler (Art­work). Scha­de, gibt es bis auf wei­te­res kei­ne zu­sätz­li­chen Vi­deo­clip-Aus­kopp­lun­gen zu Emo­tio­nal Hard­core, son­dern «nur» Short­clips. Aber selbst die­se sind al­le­samt krea­ti­ve und lie­be­voll pro­du­zier­te Hin­gu­cker.

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