Wenn Gedichte Partituren sind, wenn Geschichten «Leben aufarbeiten» und Bilder «Fenster öffnen in eine andere Welt» – was leistet, solchem Kunstverständnis gegeäüber und darüber hinaus, ein Filmporträt? Kommenden Herbst wird der Aargauer Schriftsteller Klaus Merz 70. Wir lesen ihn frühestens seit Ende der 60er-Jahre (den Erstling von 1967 bei Tschudi in St.Gallen; die Gedichtsammlung von 1969 bei Sauerländer in Aarau), lesen ihn spätestens – und jetzt regelmässig – seit seinem Kurzroman Jakob schläft (Innsbruck, 1997). Und Mitteleuropa ehrt ihn seither sukzessive, bald sinds 20 Jahre: mit Aufmerksamkeit, mit Literaturpreisen, als Juror, mit Lehraufträgen, mit Einladungen als Gastschreiber. Vergangenes Jahr nun hat Heinz Bütler ein filmisches Merz-Porträt vollendet, im April gelangt es in hiesige Kinos.
Klaus Merz, Bild: pixiufilms.com
Leben und Schaffen eines Schriftstellers, der demnächst 70 wird, in einen 62-minütigen Film zu packen: Ist das nicht ein Unterfangen? Die Gabe der Lakonie, die Vorliebe für sparsame Rede, die Kunst diszipliniertesten Erzählens wird Klaus Merz seit gut und gern 40 Jahren attestiert. Kann darauf ein Film antworten? Kann er es mit ebenden Qualitäten? Ein Film, der sich vorgenommen hat, mehr als eine Mischung von Aussensichten, dieser oder jener Stellungnahme der Hauptperson plus Zitatenlese herzustellen?
Leben, wo man sich auskennt, und schreiben, wovon man Kunde hat
Für ein Feature ist Bütlers Film allzu vielschichtig. Er holt nicht nur einen erstrangigen Deutschschweizer Autor vor Kamera und Mikrofon, schildert dessen Herkommen, dessen Arrivieren, dessen Gedankengut und stellt dessen literarische Hauptwerke ins Licht. Bütlers Film leistet mehr: Er situiert Merz in seinem Wynental, an seiner Neudorfstrasse in Unterkulm, inmitten seiner sowohl bibliothekarisch als auch an Bildern und Grafik reichen Wohnstatt. Porträtiert ist ein Mann in der Region zwischen Aarau, Hallwilersee, Sempachersee – im Osten das Freiamt, im Süden Menziken / Beromünster / Sursee, im Westen Zofingen; geboren und aufgewachsen, geerdet und zu Gange – wenn mans mit Gewässernamen sagen darf: – im Einzugsgebiet der Wyna, der Suhre, der Wigger, der Bünz…
Tatsächlich sind wir Kinogängerinnen gute Strecken lang mit Klaus Merz im Auto unterwegs, werden über Land, werden durchs Dorf chauffiert, fassen eine Talschaft oder einen Strassenzug ins Auge, werden hingewiesen auf lebenswichtige Plätze, ja aufs geologische Profil dieses Landstrichs. Schad’ allenfalls, dass in so einprägsamer Umgegend der schreitende / wandernde / streifende Zeitgenosse Merz zu kurz kommt, der Gänger, der Promeneur.
Ein Film – ein Unterfangen, ja!
Der Begriff passt besser, als man meint. Er bedeutet, dass Einer eine Angelegenheit «von unten her anfasst». Bütlers Film leistet das tatsächlich, sowohl für den Lebensgang als auch für die weit über 40 Jahre eines Arbeitsprogresses. Kann nicht fehlen, dass Bütler dafür Familienfotos einblendet und Buchdeckel oder -umschläge abbildet. Auch die dauerhafte Zusammenarbeit mit dem Künstler und Illustrator Heinz Egger ist gewürdigt. Demgegenüber verlangt einem wie mir die wieder und wieder montierte Zustimmung von Fachleuten im Studio Geduld ab – die Kommentare zu Gedicht oder Prosaauszug, die Überhähungen, die Elogen. Zwar stammen sie aus berufenem Mund – vom Rezitator Robert Hunger-Bühler, von Markus Bundi, dem Herausgeber der Gesamt-Ausgabe bei Haymon, vom Publizisten Manfred Papst, vom emeritierten Universitätslehrer Peter von Matt, von der Schriftsteller-Kollegin Melinda Nadj Abonji. Das Werten wirkt jedoch seminarlastig; so, als ob es hinfort und in Ewigkeit nichts mehr zu rütteln, zu deuten, zu säen beziehungsweise zu ernten gebe («Seminar» eigentlich zu semen, «Same»).
Indessen, solange uns Klaus Merz über Land führt und an Orte leitet, dem er beziehungsweise denen er Geschichten verdankt, so lange ist das anders. Auch dann, wenn der Autor, selten einmal, vorliest. Da aufersteht dann einer, der sich als Schrift Stellender begreift. Einer von besonderen Gaben: zu Sesshaftigkeit geneigt, nachdenklich, berührbar, uneitel. Ein halbes Jahrhundert lang mit Sprache befasst, mit Verdichten. Einer mit teilnehmerischem, teilhaberischem Blick auf die Welt, der – vermöchten oder riskierten wir ihn auch – um jeden Preis ergiebig ist. Der Rede wert. Alle Schreibe wert. Extensive Lektüre wert. Und jetzt Bütlers schmiegsames Film-Porträt wert.
«Merzluft» in Anwesenheit von Klaus Merz: Freitag, 10. April, 19.30 Uhr, Kinok St.Gallen. Infos und weitere Spieldaten: kinok.ch
Dieser Text erschien im April-Heft von Saiten.
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