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Spurensicherung für Niggli

Der Niggli-Verlag war 1950 in Teufen gegründet worden und seit 1992 in Sulgen ansässig. Nun ist er verkauft und verlässt die Ostschweiz. Eine Sicherung der Spur, die der Verlag hierzulande gezogen hat – im Gespräch mit jenen, die mit ihm gearbeitet haben.

Von  Eva Bachmann

Niggli und Benteli, zwei Traditionsverlage für Architektur, Typographie, Design und Kunst, sind per 1. Oktober 2014 an die Braun Publishing AG verkauft worden. Saiten hat online darüber berichtet, dass der Berliner Verleger Markus Sebastian Braun die Marken weiterführen, aber marktgängiger, billiger und internationaler machen will. Das Personal zieht nicht mit und verlässt den Verlag. Programmleiterin Kerstin Forster sagte: «Ich werde das Gefühl nicht los, dass weder der alte noch der neue Besitzer wissen, was sie am Niggli-Verlag haben.»

Darum hier die Nachfrage: Was haben wir am Niggli-Verlag?

1.  Ein Schaufenster

«Niggli war einer der wichtigsten Verlage für Architektur in der Schweiz», sagt Esther Kirianoff von Hochparterre Bücher, der auf Architektur spezialisierten Buchhandlung in Zürich. «Er hat Monografien über Schweizer Architekten publiziert und damit die Schweizer Architektur dokumentiert und nach aussen repräsentiert.» Der Verlag habe jedoch in den letzten Jahren etwas nachgelassen, sagt sie. Auf Brauns Kritik an den «abweisenden» Buchumschlägen meint Kirianoff: «Die Ästhetik ist in Deutschland eine andere.»

2. Eine Alternative zu Zürich

«Die lokale Verankerung ist nicht entscheidend, kann aber doch Identität für eine Region stiften», sagt Astrid Staufer. Staufer & Hasler Architekten aus Frauenfeld haben das Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen gebaut, die Publikation dazu erschien bei Niggli – ein rundum ostschweizerisches Projekt also. «Der Verlag kam auch mit Publikationsanfragen auf uns zu. Sie hatten einen Blick für die Region», sagt Staufer und hebt zudem die Sorgfalt in Gestaltung und Grafik hervor. «Als Architekten vertreten wir die Meinung, dass nicht alles einheitlich globalisiert aussehen soll. Die Schweizer Architektur hat eine eigene Kultur und Ausdrucksform.» Dazu habe der Niggli-Verlag einen wertvollen Beitrag geleistet, der auch im Ausland wahrgenommen werde.

3.  Gelebte Avantgarde

Ortsgeschichte TeufenRahel Lämmler, Architektin aus Speicher, schreibt in der Teufner Ortschronik u.a. über die nie bewilligte Baueingabe der Verlagsgründer Arthur und Ida Niggli für ein Wohnhaus in Teufen. «Das Projekt war so avantgardistisch wie die Bücher», sagt Lämmler. «Die Nigglis haben ihre Ideen mit Leib und Seele gelebt.» Diese Leidenschaft für die Sache habe im Verlag weitergelebt.
Lämmler hat 2008 zusammen mit Michael Wagner bei Niggli eine Monografie über Ulrich Müthers Schalenbauten publiziert, die mit dem Architekturbuchpreis des Deutschen Architektur-Museums Frankfurt ausgezeichnet wurde. Diese hohe Qualität der Bücher, aber auch das Vertrauen und die «Rückendeckung» schätze sie als Autorin; der Verlag setze sich sehr für den Verkauf ein. Das Buch steht inzwischen in der dritten Auflage, und es wurde eine englische Ausgabe produziert.

4. Rückendeckung für Autoren

Das hohe Engagement des Sulgener Verlagsteams hebt auch die St.Galler Künstlerin Marlies Pekarek hervor, von der nach je einem Buch bei Niggli und Benteli nun das dritte druckfrisch vorliegt: Time Shifts, Patterns Stay the Same. «Alle meine Bücher sind sehr eigenwillig, aber sie wurden begrüsst und unterstützt», sagt Pekarek. «Niggli und Benteli haben Bücher gemacht, die nicht selbstverständlich sind auf dem Markt.» Zusätzlich zur geografischen Nähe sei für sie die gute Beziehung zum Team wichtig gewesen. Wie es nun weitergeht, ist ungewiss. Die Buch-Vernissage aber steht fest: am 18. Dezember im Nextex.

5. Eine erste Adresse

Ortsgeschichte TeufenFür den St.Galler Typografen Peter Renn, Lehrgangsleiter HF Schrift und Typografie an der Schule für Gestaltung St.Gallen, war Niggli lange Jahre die erste Adresse für Typografie in der Schweiz. Auf der Suche nach Referenzwerken sei man immer irgendwann bei Niggli gelandet. Er bedauert, dass in den letzten Jahren nur noch wenige Titel erschienen seien. Der Umzug nach Zürich spielt für ihn keine Rolle: «Wir Älteren hängen an der Gründungsgeschichte in Teufen, aber die Jungen kümmert es nicht – Hauptsache, die Bücher stehen im Internet.» Er hofft, dass Niggli die Typografie als Spezialgebiet weiterführt, denn in diesem Bereich gebe es in der Schweiz nichts Vergleichbares.

6. Ein Traum

«Unter den wenigen Firmen, die heute noch gute Bücher über Typographie verlegen, ist Niggli immer noch eine der führenden», sagt Willi Kunz, ein Typograph aus Frauenfeld, der seit 1970 in New York lebt und Karriere gemacht hat. Er erzählt, wie für ihn als Student die Grundlagenwerke von Hofmann, Ruder, Gerstner und anderen wegweisend gewesen seien. Sein Traum war es, auch einmal bei Niggli zu veröffentlichen – 30 Jahre später hat er ihn sich erfüllt.

Zum Schluss: die Wünsche

Auf Willi Kunz‘ Homepage steht: «In typography, developments that last are not revolutionary; what is new and hot does not suddenly, completely replace what is old and cold.» Eine langsame und geschichtsbewusste Entwicklung ist wohl das, was sich Architektinnen, Typografen, Künstlerinnen und Designer am meisten erhoffen für die Zukunft der Verlage Niggli und Benteli. Sie wird wesentlich vom neuen Team abhängen. Wissen sie, was sie an den Verlagen haben? Die Antwort müsste lauten: Ein grosses Erbe.

 

Dieser Beitrag erschien im Dezember-Heft von Saiten.

Bilder: Hannes Thalmann

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