Ein Rudel aus hunderten Strassenhunden peitscht durch die leergefegte Stadt Budapest. Böse Menschen, die die Hunde zuvor knechteten, finden ihr blutiges Ende: Der Veranstalter von illegalen Hundekämpfen etwa, der die Tiere zuerst blutgeil machte und dann aufeinander hetzte, wird in seiner Stube zerfleischt. «Recht so!», denkt man sich als Zuschauer, der sich mit den Hunden im ungarischen Film White God (original: Fehér isten) solidarisiert hat.
Denn diese müssen anfänglich vor allem eines: leiden und Dreck fressen. Die Geschichte beginnt mit dem Mädchen Lili, das für ein paar Monate bei seinem Vater einziehen muss, weil die Mutter länger verreist. Die Chemie zwischen dem introvertierten Vater und der rotzigen Teenager-Tochter stimmt von Anfang an nicht. Dass Lili ihren massigen Mischlingshund Hagen in die Stadtwohnung mitbringt, macht das Chaos perfekt: Der Vater will für den Mischling keine sogenannte «Rassensteuer» zahlen.
Kurzerhand setzt er das Tier an einer Strassenkreuzung aus.
«Die Massen werden sich erheben»
Es folgt eine leicht kitschige und langatmige Trennungsgeschichte à la Lassie: Lilis Herz ist gebrochen, tagelang irrt sie durch Budapest und sucht Hagen. Dieser bekommt unterdessen die ganze Brutalität der menschlichen Natur zu spüren: Knapp entkommt er skrupellosen Hundefängern – nur um kurz darauf von einem Obdachlosen an einen Ausrichter von illegalen Hundekämpfen verschachert zu werden. Der verwandelt Hagen mittels fiesen Methoden und allerlei Medikamenten in eine blutrünstige Bestie. Diese Gehirnwäsche gipfelt darin, dass er Hagen an einem Hundekampf auf einen anderen Hund hetzt. Hagen tötet seinen Gegner, wird so durch den herrschenden Menschen zum Mörder gemacht.
Der Trailer zum Film:
Regisseur Kornel Mundruczo versteht seinen Film explizit als «Kritik des ehemaligen und zukünftigen Ungarn, in dem eine kleine Schicht über eine grosse Masse herrscht», wie er sagt. Im osteuropäischen EU-Land ist seit einigen Jahren die rechtspopulistische Partei Fidesz unter dem autokratisch agierenden Ministerpräsident Viktor Orbán an der Macht. Dicht gefolgt wird Fidesz von der noch übleren, rechtsradikalen Jobbik-Partei. Stimmung machen diese Parteien vor allem mit Hetze gegen Juden und Roma. Letztere werden in Ungarn systematisch diskriminiert und schikaniert.
«Das sind gefährliche Tendenzen», so Mundruczo, «und wenn wir nicht aufpassen, werden sich die Massen eines Tages gegen ihre Meister erheben.» Tatsächlich bricht im zweiten Teil von White God die Revolution aus: Durch einen Zufall und mit viel Kampfgeist kann Hagen Strassenhunde befreien, die in einem Tierheim in schäbigen Käfigen vegetieren, nur um nach wenigen Tagen mit einer Spritze eingeschläfert zu werden. Doch eben: Hagen, der Hunde-General, befreit die geknechteten Massen aus diesem eigentlichen Gefangenenlager und übt mit ihnen blutige Vergeltung.
Zu Beginn des Films ist Lilis Hund Hagen noch sanft. Später mutiert er zur blutrünstigen Bestie. (Bild: Arthouse)
Ein Rachefilm erster Güte
In diesem zweiten Teil nimmt der Film endlich Fahrt auf. Er kippt von der herzerweichenden Trennungsgeschichte von Lili und Hagen in einen Rachefilm erster Güte. Zum Schluss kommt es zu einem Showdown mit Zündstoff: Die beherzte Lili, ihr geliebter, doch mittlerweile verrohter Hagen, seine Hunde-Armee und Lilis Vater (mit einem Flammenwerfer bewaffnet) treffen in einer Sackgasse aufeinander.
Nur schon die spektakulären Bilder der Hundemeute machen den Film sehenswert. Regisseur Mundruczo arbeitete für die Massenszenen mit 250 Hunden, ganz ohne Computeranimationen. Man denkt angesichts der schieren Menge wütender Tiere unweigerlich an Die Vögel von Alfred Hitchcock. Nur dass die Vögel jetzt halt Hunde sind.
Schöne Anekdote übrigens: Die Filmhunde kamen laut dem Regisseur aus ungarischen Tierheimen und wurden danach alle adoptiert.
Nächste Vorstellung: Mittwoch, 9. September, 20.30 Uhr im Kinok.
Titelbild: Lili auf der Flucht vor der Hundemeute. (Bild: Arthouse)
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