Alles Rock, alles Retro

Musikalisch haben die acht Finalisten am bandXost-Contest 2016 überzeugt am Samstag, nur: Nach Zukunft hat irgendwie nichts davon geschmeckt.
Von  Corinne Riedener
Die Sieger 2016: Domenic Ende und Ramon Wehrle (Bild: Raphael Müller, bandXost)

Es war ein gutes Fest am Samstagabend in der Grabenhalle. Ausverkauft, energiegeladen und solidarisch. Die erste Band zum Beispiel, The Rule aus Flawil, freute sich riesig über «die geile Stimmung – und die sieben weiteren geilen Bands!». Da konnte man fast vergessen, dass bandXost eigentlich ein Wettbewerb ist. Ähnlich sah es auch der Frontmann von Hielo aus Schaffhausen nach dem letzten Stück: «Vergesst, dass das ein Contest ist! Es ist so ein geiler Abend!».

bandXost-Sieger 2016 sind Catalyst aus St.Gallen. Damit sind die zwei Jungs nun um sechs professionelle Studioaufnahmen, persönliche Coachings und einige Auftritte reicher. Gesamtwert: 8000 Franken. Platz zwei (4000 Franken) ging an Afternoon Daydreams aus dem Rheintal, Platz drei (500 Franken) an Hielo aus Schaffhausen.

Minderjährige Rampensauen

Catalyst machen Grunge, konnte man lernen, Afternoon Daydreams machen Dreampop und Hielo seien die «Meister der harten Riffs». Wobei ich persönlich diesen Titel an The Rule vergeben hätte. Was für Rampensauen! Und noch nicht einmal volljährig. Die Sieger meines unqualifizierten Rankings wären The Harbs aus St.Gallen gewesen. Dieser Drummer. Wow. Really nice Handwerk!

Wie gesagt, ein gelungener Abend, an dem es musikalisch kaum etwas zu meckern gab, ausser hin und wieder ein paar unverständliche Lyrics. Aber, und das soll nicht an die Adresse einer einzelnen Band gehen: Es waren einfach zu viele Gitarren da. (Fast) alles war irgendwie Rock. Oder Grunge. oder Hardrock oder Postpunk oder wie die Subgenres alle heissen. Und zugegeben, ich bin diesbezüglich auch nicht gerade sehr kompetent – aber ich erkenne das Geläufige, wenn ich es höre. Und das waren die Songs allesamt. Geläufig.

Wieso klingt alles wie eine Neuauflage?

Alle Bands sind verdammt gut im Imitieren. Sie klingen wie AC/DC, Billy Talent, Muse oder meinetwegen wie Nirvana. Nur, wo bleibt der eigene Sound? Ich weiss, dass man diese Frage nicht unbedingt im Rahmen eines bandXost-Wettbewerb stellen soll, aber trotzdem: Wo ist der Eigenwille der heutigen Musikgeneration? Oder böser gefragt: Wieso klingt alles wie eine Neuauflage des längst Dagewesenen?

Ich habe wirklich nichts gegen Gitarren. Ich frage mich nur, warum das meiste so tönt wie das, was unsere Eltern (oder mittlerweile Grosseltern) schon gemacht haben. Liegt es daran, dass die Welt auf tendenziell Gehörfälliges steht? Liegt es an dieser elenden, ständig oszillierenden Postpostpostmoderne? Liegt es daran, dass wir, wie unter anderem der britische Musiktheoretiker Mark Fisher sagt, von der Popkultur ohnehin nur noch Retro erwarten können, da das der beherrschende Modus im Geschäft ist? Antworten sind willkommen.

Nach Südafrika schauen

Nochmal, das soll kein Affront gegen die acht bandXost-Finalisten sein. Es sind Fragen von grundsätzlicher Natur und solche, die die heutige Popkultur im Allgemeinen betreffen. Und letzten Samstag haben sie sich nun mal sehr offensichtlich gestellt. Es muss ja nicht gleich Hauntology sein, aber mir fehlt das Neuartige, das Disruptive, das Weltbewegende. Ich würde mir wünschen, dass Popmusik wieder radikaler würde – zukunftsträchtiger.

Vielleicht würde es auch schon reichen, sich mal etwas öfter im Rest der Welt umzuschauen. Auf meine Frage, ob man sich denn überhaupt noch aufregen darf über das ganze Retro-Gedöns, nachdem das Mark Fischer oder auch Simon Reynolds in seinem Buch Retromania bereits zur Genüge getan haben, meinte ein guter Freund nur: «Nach Südafrika schauen – da gibts kein Retro: Wer will schon Apartheid leben? In Südafrika schauen alle nach vorne. Man ist sich selber am finden – und will sich dem Rest der Welt zeigen.»

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Nicolaj,  

Verfolgt uns doch mal ein bisschen: NIỆM ネン aus St.Gallen
https://www.facebook.com/niemnen/?fref=ts
Habens zwar nicht ins Finale geschafft, aber Sound mässig haben wir uns der Innovation und Zukunft verschrieben, könnte gefallen :)

<3

Moritz,  

Guter Artikel! Ich glaube das hat u.a. auch stark mit der Jury zu tun, Diversität scheint da nicht so wichtig zu sein. In den Qualifikationsrunden gab es viel mehr als "nur" gute Gittarrenmusik..

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web

Al­tern muss kein De­fi­zit sein

Das Kol­lek­tiv Dance Me to the End setzt sich für die Sicht­bar­keit von Al­tern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai prä­sen­tiert es zwei ver­schie­de­ne Tanz­stü­cke in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se. Sai­ten hat mit drei Kol­lek­tiv­mit­glie­dern ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Kopie von Dance me to the end 25 neu 14

Ein be­weg­tes Le­ben

Pan­kraz Vors­ter war der letz­te Fürst­abt von St.Gal­len. Sein Ta­ge­buch lie­fert wert­vol­le Er­kennt­nis­se zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft. Das Stifts­ar­chiv St.Gal­len hat die Hand­schrift als Edi­ti­on ver­öf­fent­licht und ver­gan­ge­nen Mitt­woch ei­nen Ein­blick ge­ge­ben.

Von  Tanja Scherrer
1 H5 A2709

Wut als Treib­stoff

In ih­ren Songs ver­ar­bei­tet die Win­ter­thu­rer Band An­ger Mgmt. die psy­chi­schen Pro­ble­me ih­res Sän­gers. Heu­te er­scheint ihr zwei­tes Al­bum, das er­neut in die in­ne­ren Ab­grün­de führt. Es ist ein dunk­ler Mo­no­lith – mit ei­nem Licht­blick am Schluss. 

Von  David Gadze
Anger mgmt Dave Honegger 3

«Die gröss­te Be­dro­hung? Kli­ma­wan­del und po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung»

Das Kin­der­dorf Pes­ta­loz­zi fei­ert sein 80-jäh­ri­ges Be­stehen. Mit wel­chen Her­aus­for­de­run­gen Kin­der heut­zu­ta­ge kon­fron­tiert sind und wie die Stif­tung da­ge­gen­hält, er­klärt Pro­gramm­lei­te­rin Ber­tha Ca­ma­cho.

Von  Daria Frick , Bilder:  Sara Spirig
2604 Redeplatz Bertha Camacho Sarah Spirig